Rheinisches Landestheater Neuss in der Festhalle Oberbruch

Schauspiel : Rheinisches Landestheater Neuss in der Festhalle Oberbruch

Mit der Aufführung des Schauspiels „Menschen im Hotel“ der Autorin Vicki Baum präsentierte das Ensemble des Rheinischen Landestheater Neuss in der Festhalle Oberbruch die Romanadaption als die Suche nach dem Glück und dem Sinn des Lebens.

In einem Grand Hotel im Berlin der 1920er Jahre treffen Menschen mit ihren unterschiedlichen Sozialisationen und die sie bestimmenden Weltbildern einen Tag lang aufeinander. Sie alle sind auf der Suche nach dem Weg, ein zufriedenstellendes Leben führen zu können. Da ist die alternde russische Balletttänzerin Grusinskaja (Katharina Dalichau), die neuen Lebensmut findet, als sie sich in den verarmten und kriminellen Baron von Gaiern (Hubertus Brandt) verliebt, der sich als Trickbetrüger und Dieb durchs Leben schlägt.

Der entstellte und kriegstraumatisierte Dr. Otternschlag (Jan Kämmerer) lebt im Hotel als morphinsüchtiger, potenzieller Selbstmörder. Der Portier Senf (Pablo Guaneme Pinilla) verkörpert das Leben der Angestellten des Hotels, in dem Generaldirektor Preysing (Peter Waros) seine Geschäfte führt und versucht, die Firma seines Schwiegervaters vor dem Konkurs zu retten. In diese Welt der Reichen und ehemals Einflussreichen begeben sich der todkranke Hilfsbuchhalter Kringelein (Stefan Schleue), der einmal die große Welt erleben will, und Flämmchen (Teresa Zschernig), die sich als mietbare Schreibkraft und Aktmodell verdingt.

Sie alle lässt der Fluss des Lebens zufällig zusammentreffen und als Gegenüber dem anderen den Spiegel vorhalten. Was sie erblicken, ist nicht selten Verzweiflung, Selbst- und Fremdbetrug und eine Gemengelage an Gefühlen, welche die Tiefs und Hochs eines Lebens widerspiegeln. In dieser Verdichtung menschlichen Lebens streiten das Gute und das Böse miteinander.

Atmosphärisch dicht und mitreißend in den Dialogen interpretiert das Ensemble den Lebenskampf der Menschen, die, oft am Scheideweg stehend und auf dem Vulkan tanzend, jegliche Vernunft über den Haufen werfen. Die begleitende Livemusik, gespielt von Isabelle Marchewka an der Harfe, Radek Stawarz am Piano und Johannes Platz (Violine), entfaltet vor dem geistigen Auge das Kolorit einer vergangenen Epoche, ergänzt von den gesungenen Liedern Brechtscher Provenienz.

Dramaturgisch geschickt auch das Agieren der Schauspieler, die fast immer alle zur gleichen Zeit auf der Bühne stehend auch den Erzählpart der eigenen Rolle übernehmen und damit den Fortgang des Tages vorantreiben. Zu dieser gelungenen Einheit gehört auch das Bühnenbild, das während der zwei Akte keine Veränderung erlebt. Als Ergebnis bleiben Auge und Ohr der Zuschauer konzentriert auf die vermittelten Inhalte, die dicht an dicht und höchst essentiell vermittelt werden.

„Was hinter den Türen des Lebens geschieht, ist nicht berechenbar“ oder „Vom Leben und vom Sterben zu sprechen, das sind doch keine Worte. Das kann man doch nicht fressen“, lauten die Botschaften. Und Verzweiflung über die Einsamkeit der Menschen wird ebenso so sichtbar in „Kein Mensch kümmert sich. Jeder wohnt allein hinter doppelten Türen und nur sein Spiegelbild im Ankleidespiegel sind seine Gefährten – oder sein Schatten an der Wand“. Oder „Die Sittlichkeit im Grand Hotel war dehnbar.“ Sowie „Sterben muss man können, wenn man will – ich bin ein lebender Selbstmörder.“

An diesem Tag der zufälligen Begegnungen verändern diese das Leben der Beteiligten grundlegend und Baron von Gaiern verliert seines durch den zum Mörder gewordenen Preysing. Ein Tag verändert alles und doch nichts innerhalb der Menschheit. So schließt sich der Kreis am Ende des Schauspiels, wie es begonnen hatte: Jeder spricht zur gleichen Zeit über sich und nicht mit anderen. Alles versinkt in der Kakophonie des nicht mehr Differenzierbaren und alles wird wieder dunkel.

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