Hückelhoven-Brachelen: Reform auf Kosten der alten Menschen

Hückelhoven-Brachelen: Reform auf Kosten der alten Menschen

„St. Gereon tut gut“ ist das Leitwort der Altenpflegeeinrichtungen, die die katholische Kirchengemeinde St. Gereon Brachelen in den Kreisen Heinsberg und Düren betreibt.

Geschäftsführer Bernd Bogert hat den dunklen Wollschal doppelt um den Hals geschlagen, der Mann ist augenscheinlich verschnupft. Zum Gespräch hat er Manuela Garbrecht, Ausbildungskoordinatorin bei den St. Gereon Pflegediensten, und seinen Stellvertreter, Gerd Palm, hinzu gebeten — die Lage ist offenbar ernst. „Wenn das Gesetz so, wie jetzt geplant, verabschiedet wird, haben wir ein großes Problem in der Altenpflege“, sagt Bogert zum Einstieg.

Was Bogert sagt, hat in der Branche Gewicht: Die Pflegediensteinrichtung aus dem Hückelhovener Stadtteil ist mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem auch als bester Arbeitgeber Deutschlands im Pflegebereich. Worum geht es? Die Bundesregierung will die drei Berufe Kranken-, Kinderkranken und Altenpfleger ab 2018 zu einem verschmelzen. Menschen, die diesen Beruf ausüben, nennen sich dann „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“. Es geht also um die Zukunft der Pfleger.

„Mit dem neuen Gesetz“, sagt Bogert, „sollen die bisher getrennt geregelten Ausbildungen in der Altenpflege, der Gesundheits- und der Krankenpflege zu einer neuen, generalistisch ausgerichteten Pflegeausbildung mit einem einheitlichen Berufsabschluss zusammengeführt werden“. Das erscheine auf den ersten Blick auch sinnvoll, sagt Bogerts Stellvertreter Gerd Palm, „denn die Aufgaben von Alten- und Krankenpflegern überschneiden sich zunehmend“. In Heimen müssen immer häufiger chronisch Kranke versorgt werden, in Kliniken werden zunehmend auch Altenpflegekenntnisse, zum Beispiel bei Demenzkranken benötigt.

„Aber“, gibt Ausbildungskoordinatorin Manuela Garbrecht zu bedenken, „ich glaube nicht, dass man die Pflegesituation in einem Altenpflegeheim mit der in einem Krankenhaus vergleichen kann“. Die Verweildauer der Patienten in einem Krankenhaus sei relativ kurz, die Pflegekräfte hätten praktisch täglich mit anderen Patienten zu tun. „Bei uns im Pflegeheim wohnen die Menschen, sie kommen nicht zu uns, weil sie ein offenes Bein haben, sondern weil sie dement sind, nicht mehr essen, solche Sachen. Und die Pflegekräfte gehören praktisch zur Einrichtung, sie sind eng mit den Bewohnern verbunden.“

Wenn Garbrecht von „Wertschätzung“ spricht, auf die die alten Menschen in einer Pflegeeinrichtung Anspruch haben und die immer auch mit der Person der Pflegekraft verknüpft ist, dann spricht sie einen Punkt an, der per Gesetz nicht zu regeln ist, der gleichwohl in Altenpflegeheimen einen hohen Stellenwert besitzt: den der Emotionalität in der Pflege. Ein subjektiv vorhandener Wert, der sich objektiv nicht bemessen lässt.

Bei der geplanten Neuregelung der Finanzierung der Ausbildung in der Pflege sieht das natürlich ganz anders aus: Der lässt sich berechnen, bemessen und benennen. Denn natürlich kostet auch diese Reform Geld: Die Ministerien rechnen bei der Umsetzung des Gesetzes mit zusätzlichen Ausgaben von 322 Millionen Euro pro Jahr. „Wir haben in der Altenpflege in Nordrhein-Westfalen die Finanzierung der Ausbildung unserer Altenpflegekräfte über ein Umlageverfahren, das sich in den vergangenen Jahren ganz hervorragend bewährt hat“, sagt Geschäftsführer Bernd Bogert.

220 junge Menschen werden zurzeit in den verschiedenen Einrichtungen von St. Gereon im Pflegedienst ausgebildet. Sie alle werden durch den Umlagetopf, in den alle Pflegeeinrichtungen in NRW einzahlen — egal, ob sie ausbilden oder nicht — finanziert. „Das ist ein Erfolgsmodell“, sagt Bogert. „Wir haben im Land 80 Prozent mehr Auszubildende in der Altenpflege als noch vor drei Jahren.“ Und Gerd Palm ergänzt: „Es gibt in NRW keinen Notstand in der Altenpflege mehr.“

Das Prinzip der Finanzierung der Ausgleichsfonds über landesweite Umlageverfahren soll auch im neuen Gesetz beibehalten werden. „Und genau da liegt der Pferdefuß“, sagt Bernd Bogert. In § 27, Abs. 2 des Gesetzesentwurfes heißt es nämlich: „Bei der Ermittlung der Mehrkosten der Ausbildungsvergütung sind Personen, die ... in der Pflege ausgebildet werden, in Krankenhäusern und in stationären Pflegeeinrichtungen im Verhältnis 9,5 zu 1 auf die Stelle einer voll ausgebildeten Pflegefachkraft anzurechnen...“ Ein Unding, findet Bogert: „Denn das würde bedeuten, dass wir bei 220 Auszubildenden 20 voll ausgebildete Pflegefachkräfte entlassen müssten. Die fehlen uns dann in der Pflege.“

Bernd Bogerts Fazit des Gesetzentwurfes zur Reform der Pflegeberufe für den Bereich der Altenpflege ist eindeutig: „Wir brauchen weniger den Generalisten, wie es das Gesetz anstrebt, wir brauchen in der Altenpflege viel mehr den Spezialisten, der auf der Vertrauensebene agiert. Wir sind in der Altenpflege personell ohnehin nicht auf Rosen gebettet, durch die Reform wird es noch weniger. Ausbaden müssen dies letztendlich die alten Menschen. Darüber hat beim Schreiben des Gesetzentwurfes offenbar keiner nachgedacht.“ Der Mann ist wirklich verschnupft.