Rechtsextremismus im Kreis Heinsberg: Immer mehr Frauen hetzen im Netz

Rechtsextremismus im Kreis Heinsberg : Immer mehr Frauen hetzen im Netz

Der Mordanschlag von Halle ist ein aktueller, trauriger Höhepunkt von rechtsextremer Gewalt. Die rechte Szene agiert im Kreis Heinsberg weniger öffentlich, ist aber dennoch nicht zu unterschätzen. Journalist Michael Klarmann kennt sich dort aus.

Die neue Rechte gewinnt in Deutschland offenbar immer mehr an Raum. Der Zeit-Journalist und Buchautor Christian Fuchs hatte nach einer dreijährigen Recherche in unserer Reihe „Auf ein Wort mit...“ Vernetzungen und Gefahren dargelegt. Der feige Mordanschlag eines rechtsextremen Einzeltäters in Halle vom Mittwoch markiert einen aktuellen, traurigen Höhepunkt. Doch wie sieht die Situation eigentlich im Kreis Heinsberg aus? Haben sich rechte Kräfte hier auch längst erfolgreich eingenistet? Wir sprachen darüber mit dem Journalisten und Kenner der Szene Michael Klarmann.

Öffentliche Veranstaltungen, bei denen die rechte Szene demonstrativ in Erscheinung tritt, sind im Kreis Heinsberg augenscheinlich eher selten. Wäre es dennoch ein Fehler, ihre Präsenz in der Region zu unterschätzen?

Klarmann: Bei meinen Vorbereitungen zu einem Vortrag in dieser Woche habe ich mir nochmal die letzten 19 Jahre angeschaut. Abgesehen von der rechtsextremen Aufmarschserie in Randerath wegen des dort vor rund zehn Jahren lebenden Sexualstraftäters Karl D. waren größere öffentliche rechtsextreme Versammlungen im Kreisgebiet gegenüber anderen Kreisen selten. Gleichwohl fanden all die Jahre über, zuletzt sogar häufiger, konspirativ geplante Treffen, 2005 ein großer NPD-Parteitag, Feiern und Konzerte statt. Oft wurden vorab Vermieter von Räumlichkeiten im Unklaren gelassen, welchen Hintergrund eine Veranstaltung hatte. Weitgehend „unsichtbar“ blieb etwa ein großes Neonazi-Konzert in einer Bürgerhalle in Heinsberg am 5. November 2016 mit drei bekannten Neonazi-Bands aus dem Rheinland und Ostdeutschland. Das „Unsichtbare“ erscheint mir daher nicht weniger gefährlich als öffentliche Aufmärsche.

Glauben Sie, dass die Zahl der Mitglieder oder zumindest der Sympathisanten in den letzten Jahren zugenommen hat?

Klarmann: Das ist schwer zu sagen, empirische Erhebungen gibt es dazu nicht. Prinzipiell scheint mir die organisierte rechtsextreme Szene – also NPD oder aktuell die Neonazi-Gruppe „Syndikat 52“ als Nachfolge der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“  – abgesehen von Schwankungen und örtlichen Verlagerungen über die Jahre relativ gleichbleibend aktiv zu sein in der Region, was auch die Größe der Anhängerschaft angeht.

Hat sich die Art und Weise des Auftretens denn verändert?

Klarmann: Im Zuge der rechten „Wutbürger“ und „Pegida“, dem Erstarken und Rechtsruck der AfD hat sich einiges verlagert und tritt nun anders radikal auf. Hier sehe ich ein weiter wachsendes Potenzial für rechte bis offen rechtsextreme Gesinnungen und neue Wahlerfolge. Menschen aus diesem Spektrum sind aber eher der ansonsten nette Nachbar von nebenan und nicht der oft verachtete oder belächelte Stiefelnazi.

Der Journalist Michael Klarmann ist ein profunder Kenner der rechten Szene auch in unserer Region. Foto: Klarmann

Lässt sich eine der Kommunen im Kreis als eine Art Häufungspunkt rechter Gesinnungsgenossen ausmachen?

Klarmann: Auch hier gibt und gab es Schwankungen. Gegenüber anderen Kommunen herausragende Wahlerfolge von AfD oder rechtsextremen Parteien gab es mehrfach etwa in Hückelhoven. Hier war zeitweise auch die Neonazi-Gruppe „Syndikat 52“ besonders aktiv, etwa mit Aufklebern und Sprühaktionen. Vor Jahren geschahen zudem viele rechtsextreme Straf- und Gewalttaten in Wassenberg. Auch wenn die Häufigkeit der Fallzahlen auf den ersten Blick jenen in anderen Kommunen erstmal ähnelte – vergleicht man diese Zahlen mit den Einwohnerzahlen, lag die Gemeinde Wassenberg im negativen Sinn mehrfach an der Spitze.

Wie bringt sich das rechte Gedankengut denn im täglichen Leben ein?

Klarmann: Müsste ich das umfassend beantworten, würde es mehrere Seiten füllen. Ich weise kurz darauf hin, wie sich rechte bis rechtsextreme und fremdenfeindliche, rassistische Äußerungen teils in den sozialen Netzwerken vorgearbeitet haben. Ich finde es erschreckend, dass ich hier manchmal Dinge in öffentlich zugänglichen Facebook-Bereichen aus unserer Region lese, die ich vor gut 15 Jahren nur in geschlossenen Neonazi-Foren las. Der Unterschied: heute kommt das oft von den ansonsten netten Nachbarn.

Unterscheiden sich da Männer und Frauen?

Klarmann: Anders als vielleicht vor einigen Jahren noch, haben sich auch Frauen stark radikalisiert und fallen durch Hetze auf, die jenen der Männer in nichts nachsteht. Da werden Gewaltaufrufe und Hetze gegen Politiker, Muslime, „Gutmenschen“ und Migranten gepostet oder geliked. Und manche Leute, die das posten, glauben, das sei eine völlig normale Meinungsäußerung, anstatt rechtsextrem und manchmal auch strafrechtlich relevant. Eine solche Enthemmung kann letztlich aber, siehe den Mord an Walter Lübke und das Attentat in Halle, völlig eskalieren.

Ist die ländliche Bevölkerung nach Ihrer Einschätzung ebenso empfänglich für rechtes Gedankengut wie die Stadtbevölkerung oder lässt die Anonymität der größeren Städte diesen Ungeist eher sprießen?

Klarmann: Tatsächlich erscheinen auf den ersten Blick manche ländlichen Bereiche im Kreis Heinsberg durchaus attraktiver für rechte bis rechtsextreme Parteien oder Gruppen zu sein. In Aachen waren es zeitweise auch die ländlichen Außenbezirke, in denen unter anderem rechtsextreme Jugendliche häufiger auffielen als etwa die Viertel, in denen die Menschen vermeintlich anonym aneinander vorbei leben. Zugleich muss man feststellen, dass etwa in den sehr ländlichen Kommunen in der Nordeifel rechte Parteien weitaus weniger Stimmen erhalten, als etwa in ländlichen Bereichen angrenzender Kreise. Andererseits waren zeitweise gerade jugendliche Neonazis und Mitläufer in ländlichen Regionen der Voreifel besonders radikal und aggressiv aktiv. Hückelhoven oder Alsdorf, wo rechte Parteien seit Jahren hohe Wahlergebnisse erzielen und wo zugleich junge Neonazis zeitweise sehr aktiv waren, sind demgegenüber aber kein ländlicher Raum. Man kann es also nicht verallgemeinern.