Hückelhoven-Ratheim: „Pyrographie“: Kunst, die sich wirklich tief einbrennt

Hückelhoven-Ratheim: „Pyrographie“: Kunst, die sich wirklich tief einbrennt

Langsam senkt Ella Gilz ihren etwas unförmig anmutenden Stift auf das helle Holzbrettchen und malt, ganz ohne Farbe, aber doch alles in Brauntönen. „Pyrographie“ nennt sich ihre Kunst der Brandmalerei in der Fachsprache.

„Man verkohlt ein bisschen die Oberfläche“, beschreibt Tochter Anastasia sie ganz anschaulich. Tatsächlich brennt sich bei dieser Kunst der glühende Stift mehr oder minder stark in das Holz hinein, was je nach Intensität dunklere oder hellere Brauntöne hervorbringt. Wurden früher für diese uralte Volkskunst Metallwerkzeuge über einer Flamme erhitzt, wird heute ganz fortschrittlich ein heißer Stift mit elektrischem Strom zum Glühen gebracht. Dazwischen angesiedelt ist die etwas gröbere Bearbeitungsmöglichkeit mit einem Lötkolben, die auch hier manch einer vielleicht zu Schulzeiten schon einmal ausprobiert hat.

Damit hat auch Ella Gilz angefangen, vor 15 Jahren etwa. Damals entdeckte sie auf einem Markt in Wassenberg Frühstücksbrettchen und Türschildchen in Brandmalerei, „so wie ich sie in Russland auch immer schon einmal hatte machen wollen“, erinnert sie sich. Ella Gilz wurde in Russland geboren, lebte dann weitere zehn Jahre in Kasachstan, bevor sie 1999 mit ihrer Familie nach Ratheim kam. In Russland habe sie sogar schon zwei Geräte gehabt, aber sich mit kleinen Kindern im Haus nie getraut, mit diesem Hobby einmal anzufangen.

Das tat sie nun in Ratheim, zunächst mit einem Lötkolben. Sie übertrug ein kleines Landschaftsfoto aus einem Magazin auf ein Frühstücksbrettchen. Ihre Kinder hätten dann quasi ihr Talent entdeckt und sie bestärkt, weiter zu malen, freut sich die 67-Jährige über die Unterstützung, die sie durch ihre Familie erfährt. Als nächstes nahm sie die Windmühle, die sie auf einem Teller gemalt fand, und übertrug sie auf Holz. „Und die Birken daneben, die habe ich einfach so dazu gemalt“, erzählt Ella Gilz. Immer weiter verfeinerte die Autodidaktin im Laufe der Zeit ihren Malstil. Sie habe das Potenzial dieser in der westlichen Welt weithin vergessenen Kunst voll ausschöpfen wollen, erklärt sie ihre hohe Motivation für ihr Hobby.

„Nur ganz einfache Landschaften“ seien ihre ersten Arbeiten gewesen, „Technikproben“, sagt sie bescheiden, die ihr dazu verholfen hätten, mit der Zeit immer realistischere und zugleich schönere Stücke zu schaffen. „Einige wenige Arbeiten sind schiefgegangen“, räumt sie ein. „Meist sah jedoch nur ich die Fehler, aber dennoch habe ich nie aufgegeben.“ Ihr Lieblingsbild einer Vase entstand auch in ihrer frühen Zeit als Brandmalerin. Dazu habe sie sich mit einem Brandmaler in Moskau ausgetauscht, der ihr geraten habe, mehr mit Schatten zu arbeiten, verrät sie.

Nachdem sich Ella Gilz dann erfolgreich an erste Tiermotive gewagt hatte, versuchte sie sich an ihrem ersten Porträt. „Ich habe es lange vor mir her geschoben, bis ich es endlich riskiert habe“, erzählt sie. „Das erste wurde mein eigenes. Ich wollte doch niemanden beleidigen, falls es schlecht werden würde.“ Das Ergebnis jedoch habe sie bis heute mit Motivation und Freude an ihrem Hobby versorgt. Klar, dass sie mittlerweile auch ihre Enkel schon alle mit ihrem heißen Stift porträtiert hat.

Sich so einfach an die Steckdose setzen und drauf los malen kann Ella Gilz aber auch heute noch nicht. „Man muss ungestört und konzentriert arbeiten können, vor allem aber in Laune sein“, sagt sie. Jede noch so kleine Veränderung der Hitze verändere auch das Malbild. Und was einmal gebrannt ist, bleibt es auch. Anders als bei bestimmten Malstilen mit Farben, wo sich noch etwas übermalen lässt, bleibt ein falscher Strich bei dieser Malerei einfach verbrannt. Der Versuch, einen Fehler auszuschleifen, schlage meist fehl, weiß die Künstlerin, die diese anspruchsvolle Maltechnik mittlerweile in Perfektion beherrscht.

Gerade arbeitet sie an zwei gefalteten Händen und an einer Pferdegruppe, die sie auf einer Hobbykünstler-Ausstellung schon einmal verkauft hat. Als Vorlage fertigt ihr Sohn als Vorlage für ihre Motive eine Schwarz-Weiß-Kopie in Originalgröße. Mithilfe von Kohlepapier überträgt Ella Gilz dann die Umrisse auf ihre Holzvorlage, am liebsten auf Linden- oder Pappelholz. Der Rest ist Kunst, ihre eigene Kreativität im Umgang mit dem Brennstift. Eigentlich bräuchte sie auch diesen Halt der Umrisse heute nicht mehr. „Aber ich hab‘ doch das Malen nicht gelernt“, räumt sie wieder bescheiden ein. „Eigentlich kopiere ich doch nur.“

Mittlerweile hat die Brandmalerin auch schon Aufträge für Por-träts angenommen. Und trägt doch immer noch die Sorge mit sich, doch einmal einen Fehler machen zu können. „Sie ist halt Perfektionistin“, schmunzelt Tochter Anastasia. „Aber wenn ich es gut gemacht habe, gut gemacht für mich, dann ist auch meine Seele begeistert“, fügt die Mutter hinzu.