Projekt „Weiche“: Starthelfer nach dem Knast

Projekt „Weiche“ : Starthelfer nach dem Knast

Nach dem Gefängnis ist aller Neuanfang schwer. Der Sozialdienst katholischer Männer und Frauen hilft ehemaligen Häftlingen dabei. In der Wohngemeinschaft „Weiche“ wird den Männern einen Weg zurück in einen geregelten Alltag bereitet.

Er sitzt am See, die Angel in der Hand und wartet darauf, dass ein dicker Fisch anbeißt. Das ist ein großes Stück Freiheit für Hanjo (Name von der Redaktion geändert), das für ihn nicht nur nicht alltäglich ist, weil er Abteilungsleiter in einer großen Firma ist.

Auch in der Zeit vor dieser Karriere war Freiheit für ihn nicht selbstverständlich. Früher war  Hanjo selbst ein dicker Fisch im kriminellen Milieu. Heute ist er Ende 30, eine ähnliche Anzahl von Vorstrafen – von Diebstahl bis Brandstiftung – steht noch heute in seinem Register und zeugt von seiner Vergangenheit. Einen guten Teil seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht. Als er entlassen wurde, war die Freude auf die Freiheit riesig. Aber auch die Angst begleitete ihn.

Nach vielen Jahren in der JVA Aachen war der Schritt in die Freiheit für ihn zweifellos einer, den er auf sehr wackeligen Beinen  machte.  „Nicht jeder schafft es in der Freiheit“, weiß auch Reiner Happel. Der 54-Jährige ist seit 24 Jahren der pädagogische Leiter der „Weiche“ in Erkelenz-Matzerath. Die „Weiche“ ist eine Wohngemeinschaft für Männer. Sie ist  verbunden mit Hilfen, die wortwörtlich die Weichen stellen  zurück in einen normalen Alltag. „Die ,Weiche’ baut Brücken auf dem Weg zurück in das Leben in Freiheit. Wenn die Männer aus der Haft kommen, fehlen ihnen oft die stabilisierenden Faktoren, die Regeln, aber auch der geregelte Knastalltag. Dazu kommt die Überforderung bei Job- und Wohnungssuche und Behördengängen“, sagt Happel. Und so sei die Rückfallquote der ehemaligen Straftäter hoch – viele Haftentlassene fielen wieder zurück in ihr altes Netzwerk, alte Verhaltensweisen und so ging‘s – oft früher als später – zurück in den Knast.

„Gerade in der ersten Zeit nach der Haftentlassung ist eine stabile Situation extrem wichtig. Und Stabilität fängt eben beim Wohnen an“, sagt Happel. Die finden die Haftentlassenen in der „Weiche“ des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer. Die ,Weiche’ bietet eine Wohngemeinschaft für sechs Männer im Alter zwischen 21 und 60 Jahren, die aus der Haft entlassen wurden oder denen eine Haftstrafe droht oder die durch Arbeitslosigkeit oder andere persönliche Probleme vom sozialen Abstieg bedroht sind. „Vorgehalten wird aber auch ein Notfallzimmer, falls einmal kurzfristig geholfen werden muss“, sagt Happel. Denn die „Weiche“ unterstützt  auch Männer in besonderen sozialen Schwierigkeiten, die zum Beispiel von ihren Partnerinnen vor die Tür gesetzt wurden. Zusätzlich schuf der Sozialdienst katholischer Frauen und Männer eine Trainingswohnung, in der das selbstständige Leben geübt werden kann, jederzeit jedoch noch die helfende Hand Happels gereicht werden kann.

Möglichst nachhaltig sollen die Männer in der  „Weiche“ dazu kommen, sich den Herausforderungen des Alltags und des Arbeitslebens zu stellen. „Auch, und gerade dann, wenn sie das ohne den familiären Hintergrund und die Unterstützung Dritter durchziehen müssen“, sagt Happel.

Durchschnittlich bleiben die Bewohner eineinhalb Jahre, in der Realität aber sei der Zeitraum sehr individuell. „Tatsächlich gab es mal einen Bewohner, der hatte nach zwei Monaten eine Arbeit, eine Wohnung und alles, was dazugehört. Aber in der Regel dauert es bei den meisten deutlich länger“, hat Happel festgestellt. Das liegt aber nicht nur an den Haftentlassenen. „Man sagt zwar, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, aber die Gesellschaft, Arbeitgeber und Vermieter haben nicht auf die Männer auf aus der Haft gewartet. Es gibt viele Vorurteile, die es den Männern erschweren, den Weg zurück in einen geregelten Alltag zu beschreiten.“

Happel unterstützt die Männer bei der Arbeits- und Wohnungssuche, aber auch bei der Kontaktaufnahme  zu der Familie. „Mit einer Familie als Auffangbecken im Hintergrund wird es für die Männer leichter.“ Dabei ist Happel nicht nur pädagogischer Leiter, sondern am Ende auch mal der „Herbergsvater und das Mädchen für alles“, wie er selbst sagt. Er ist derjenige, der  den erwachsenen Männern oft zeigen muss, wie man einen Herd bedient oder den Putzlappen schwingt.

„In dem Leben vor dem Knast und in Haft waren viele der Bewohner mal eine große Nummer. In der richtigen Welt, das sehen sie schnell, fehlt es ihnen am Grundlegenden“, berichtet Happel und erklärt: „Ganz vielen der Männer wurde so etwas von  zu Hause aus nicht mitgegeben. Bei manchen  ziehen sich Drogenproblematiken durch mehrere Generationen, da ging es den Eltern daheim mehr um Konsum als um die Erziehung der Kinder.“

Reiner Happel hat sich zur Aufgabe gemacht, die Motivation bei den Männern auf ihrem langen Weg in ein geregeltes Leben aufrecht zu erhalten. Durch Prävention, Integration, eine strenge Hausordnung, in der Alkohol, Drogen und Übernachtungsbesuch verboten sind, und durch – das Angeln. „Angeln steigert die Konzentration und das Durchhaltevermögen. Es bietet den Männern die Möglichkeit, aus dem Alltag zu entschwinden und zur Ruhe zu kommen. Und natürlich hat das Angeln auch einen großen Freizeitwert. Ganz nach dem Motto: lieber dicke Fische angeln als dicke Fische im Knast sein.“

Der ehemals dicke Fisch Hanjo hat es geschafft, mit der Hilfe der „Weiche“ ein neues Leben zu beginnen. Er ist der „Weiche“ und den strengen Regeln und vor allem Happel dankbar. „Allein hätte ich es nie geschafft“, ist er sich sicher.

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