Erkelenz: Projekt „Flüchtlingspaten“ startet in Erkelenz

Erkelenz: Projekt „Flüchtlingspaten“ startet in Erkelenz

Viele Menschen wollen angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen etwas tun und einen aktiven Beitrag leisten zu etwas, das derzeit heiß diskutiert wird: „Willkommenskultur“. Dazu gehört auch, dass den Flüchtlingen nach ihrer Ankunft mit Rat und Tat zur Seite gestanden wird. Die sogenannten Flüchtlingspaten helfen bei den ersten Schritten im Alltag und leisten bei den kleinen Dingen des Lebens schnelle Hilfe.

Im Evangelischen Gemeindezentrum trafen sich nun Interessenten zu einer ersten Information. Welche Aufgaben hat ein Flüchtlingspate und mit welchem Zeitaufwand ist zu rechnen? Heidi Breidt von der Evangelischen Gemeinde hatte Saida Piecuch eingeladen, die einen kompetenten ersten Überblick vermitteln konnte.

Die Diplom-Soziologin arbeitet seit sechs Jahren in der Flüchtlingsberatung der Diakonie und betreut die Flüchtlinge bei ihren Fragen und Problemen. Die Arbeit sei von der Beratungsstelle allein nicht mehr zu schaffen, berichtete sie. Daher sei sie dankbar für die Initiativen, die auch schon in den Nachbarstädten Wegberg, Wassenberg und Hückelhoven Flüchtlingspatenschaften ermöglicht haben.

Nun ist Erkelenz an der Reihe, und die Diakonie hat sich für die Organisation zur Verfügung gestellt. Dabei wird jedoch auch übergreifend bei den Angeboten zusammengearbeitet, wie Breidt berichtete.

Der Verein Amos bietet einen kostenlosen Sprachkurs für die Neuankömmlinge, im Erkelenzer Budo-Club betreut man neun Flüchtlingskinder aus dem Harf-Haus an der Südpromenade, und der Kinderschutzbund steht mit einem Freizeitangebot für junge Familien in den Startlöchern.

Gerade diese alltäglichen Hilfestellungen seien es, die die Beratungsstelle in ihrer Arbeit entlasten, betonte Piecuch. Dazu sind in Erkelenz viele Bürger bereit, denn der Versammlungsraum im Gemeindezentrum war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Eine der ersten Fragen drehte sich natürlich um die Verständigung. Hier wusste Piecuch zu berichten, dass die meisten keine Deutschkenntnisse hätten und „mit Mimik, Händen und Füßen“ ihre Anliegen vortragen müssen. „Allerdings lernen die meisten schnell, sich zurecht zu finden und grundsätzlich zu verständigen“, erklärte sie.

Trotzdem seien Hilfen bei Arztbesuchen, Behördengängen oder bei der Wohnungssuche wichtig. Viele der Hürden seien den Deutschen nicht bewusst, ergänzte Breidt. Doch sei es nicht selten, dass man den Ankömmlingen zeigen muss, wie man einen Bus benutzt, wie es ins Hallenbad geht oder an wen man sich wenden muss, wenn das Kind Fußball spielen soll.

Die Interessenten lernen in vier Treffen aber auch, wo die Grenzen ihres Engagements zu sein haben. Denn natürlich dürfen sie zum Beispiel keine Verträge oder Fragebögen für ihre Schützlinge unterschreiben. Hilfe zur Selbsthilfe lautet vielmehr das Motto. Dazu hatten die zukünftigen Paten auch eigene Ideen, die kurz vorgestellt und teilweise diskutiert wurden.

Mit dem hartnäckigen Vorurteil vom „dummen Flüchtling“, der nicht lesen und schreiben kann, räumte Saida Piecuch auf. Bei ihrer Arbeit in der Flüchtlingsberatungsstelle hatte sie einen 18-jährigen Afghanen kennengelernt. Dieser war mit zwölf Jahren alleine in seiner Heimat aufgebrochen. Zu Fuß und ohne Geld, doch mit dem Ziel „Deutschland“.

Seine Reise hatte sechs Jahre gedauert, in denen er auf sich allein gestellt war. „Eine Schule hat er in der ganzen Zeit nicht besucht“, betonte sie. „Wo hätte er denn Deutsch lernen können?“

Eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, Paten und Betreuer wird der „Ort der Begegnung“ an der Oerather Mühle. Dort öffnet donnerstags nachmittags das „Café International“.