Erkelenz: Professor über Geburtsort Immerath: Mehr als bloßes Mauerwerk abgerissen

Erkelenz : Professor über Geburtsort Immerath: Mehr als bloßes Mauerwerk abgerissen

„Immerath — (K)ein Ort wie jeder andere“ — zu diesem Thema sprach der bekannte Heidelberger Literaturwissenschaftler Ralf Georg Czapla. Der Professor war auf Einladung des Heimatvereins ins Alte Rathaus gekommen, um über seinen Geburtsort zu sprechen.

„Der Mensch vergisst schnell“, erklärte der Vorsitzende des Heimatvereins, Günther Merkens. Wenige Wochen vor dem Vortrag waren die beiden Türme des Immerather Doms abgerissen worden. Der Abend sei dem Ort Immerath gewidmet, der jedoch stellvertretend für die anderen Ortschaften stehe, die dem Braunkohletagebau weichen mussten und noch müssen. „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“, zitierte er William Shakespeare, bevor er das Wort an Czapla übergab.

Dem Erdboden gleichgemacht: Anfang Januar ist der prächtige Immerather Dom abgerissen worden, um den Braunkohlebaggern von RWE Power Platz zu machen. Foto: Stefan Klassen

Der ist 1964 im Immerather Haus Nazareth geboren. Von seiner Geburtsurkunde existiere nur noch er selbst, betonte Czapla. Zwar habe er nie in Immerath gelebt, trotzdem verbänden ihn viele Erinnerungen mit dem Ort. Sein Vater Manfred war 1957 aus dem schlesischen Ratibor nach Erkelenz gekommen und arbeitete als Schornsteinfegermeister. Auf dessen Radtouren zu den Kunden in den einzelnen Ortschaften begleitete Czapla seinen Vater und lernte das Stadtgebiet gut kennen.

Professor Ralf Georg Czapla. Foto: Wichlatz

Einige der Orte sind bereits vom Erdboden verschwunden, andere werden noch folgen. In Immerath hielten sie stets am Haus Nazareth an und der Vater zeigte mit den Worten „Da oben bist du geboren“ auf das Fenster des Kreißsaals. Noch heute könne er die Worte hören, betonte Czapla. Daher stamme wohl seine innige Verbindung mit dem Ort Immerath.

Der Identität beraubt

Seine Vorträge gestaltet Czapla gerne wie eine Achterbahnfahrt der Informationen und Randnotizen, wobei er gerne ins Detail geht. Dementsprechend mischten sich persönliche Eindrücke und Erlebnisse mit historischen Fakten über den Ort Immerath und seine Symbole wie eben den Dom, dessen architektonisches Vorbild, der Mariendom, in Andernach steht.

„Der Mensch braucht Symbole zur Bildung seiner Identität“, erklärte Czapla. Mit dem Dom sei daher mehr als bloßes Mauerwerk abgerissen worden, betonte er. Der Wissenschaftler erinnerte auch an die düsteren Kapitel der Ortsgeschichte. So war das Haus Nazareth zuerst eine Klinik für Epileptiker und eine Erziehungsanstalt, später im Krieg ein Lazarett, bevor es zum Krankenhaus wurde. Czapla erzählte auch die Geschichte der dreifachen Kindsmörderin aus Immerath, die 1806 unter der napoleonischen Besatzung in Aachen öffentlich geköpft wurde.

Dorfleben aus einigen Jahrhunderten Immerath. Aber Dorfleben eines Dorfes, das es in seiner ursprünglichen Form nicht mehr gibt. Den am neuen Standort geschaffenen Ersatz wie die Aussegnungshalle des Immerather Friedhofes bezeichnete er als „einzigartige Zumutung“ und „kostengünstige Light-Version“. Dabei habe man jahrzehntelang Zeit gehabt, um zu handeln und Baudenkmäler oder Kulturgüter zu retten. Doch noch kurz vor dem Abriss des Doms habe sich niemand für die Kirchenfenster zuständig gefühlt, die in letzter Minute gerettet wurden. Schon 1957 schrieb die damalige Erkelenzer Volkszeitung, dass in „frühestens 30 Jahren“ die Bagger kämen. In einem WDR-Bericht aus den 60er Jahren sprach der damalige Stadtdirektor Alois Jost von „Randbezirken“, die betroffen seien. Gehandelt oder sich frühzeitig Gedanken gemacht habe sich damals niemand.

Sinnbild verlorener Heimat

Von Günther Merkens bekam Czapla einen Stein aus dem Immerather Dom überreicht. Der Mensch, so betonte Merkens, habe noch nie aus der Geschichte gelernt. Immerath sei ein Sinnbild der verlorenen Heimat.