Präventionsprogramm: Kinder im Kreis für Bewegung begeistern

Präventionsprojekt : Bewegungsmangel im Alltag nimmt zu

Ein Präventionsprogramm der AOK das auf den Dreiklang aus Bewegung, Ernährung und seelischem Wohlbefinden setzt, will Kinder für Bewegung und gesunde Ernährung begeistern. Eine Studie bescheinigt nun den positiven Effekt.

Morgens zu Fuß mit Mama oder Papa zum Kindergarten oder zur Schule, nachmittags mit dem Rad zum Baggersee oder in den Wald, um in der höchsten Baumkrone ein Baumhaus aus Brettern und Planen zu bauen. Das ist der Alltag der meisten Kinder. Zumindest derer, die in Bullerbü in Astrid Lindgrens Geschichten leben. In Deutschland des Jahres 2019 sieht die Realität nämlich ganz anders aus.

In der Bundesrepublik, so zeigen Studien, wächst eine Generation der Stubenhocker heran. Diese Entwicklung beginnt schon bei den Kleinkindern. Kita-Mitarbeiterinnen beobachten mit Sorge, dass der Anteil der Kinder mit motorischen Problemen in ihren Gruppen größer wird. Mit einem Gesundheitsförderungsprogramm für Kitas will die AOK diesem Trend entgegenwirken und setzt auf den Dreiklang aus Bewegung, Ernährung und seelischem Wohlbefinden. Und soviel vorweg: Eine Studie bescheinigt dem Projekt nun einen positiven Effekt.

„Es ist unübersehbar, dass sich die Kinder im Alltag immer weniger bewegen“, sagt Ellen Finken, Erzieherin im Städtischen Kindergarten in Oberbruch und erklärt: „Der Bewegungsmangel bei den Kindern hat viel mit dem Zeitgeist und der Schnelllebigkeit der Gesellschaft zu tun.“ Zum einen sei der Bewegungsmangel auch einem Zeitmangel geschuldet: Eltern hätten durch die Berufstätigkeit beider Elternteile, die in der heutigen Zeit für die meisten existenziell ist, durch die immer weniger Zeit, um mit den Kindern aktiv Zeit zu verbringen. „Das große Problem ist, dass Bewegung schon in der Tagesroutine viel zu wenig stattfindet. Statt zum Kindergarten zu spazieren, werden viele Kinder im Buggy geschoben oder mit dem Auto gebracht“, nennt Ellen Finken einen  Grund für die mangelnde Bewegung im Alltag. Kinder träfen sich zudem kaum noch auf der Straße oder dem Bolzplatz zum Toben, Radfahren oder Ballspielen.

Statt nach einem aktiven Tag - alleine oder mit den Eltern – abends ausgetobt, müde und schmutzig nach Hause zu kommen, blieben viele Kinder heute oft lieber passiv zu Hause – vor dem Fernseher, dem Tablet oder Smartphone mit Chips, Schokolade oder anderen ungesunden Snacks. Auch schon im Kita-Alter.

Jolinchen vermittelt Ernährung: Anschaulich wird den Kindern das Thema gesunde Ernährung mit dem Jolinchen Zug erklärt. Jeder Waggon gehört zu einer Lebensmittelgruppe. Foto: Nicola Gottfroh

Die Folge des Bewegungsmangels im Alltags zeigt sich dann aber nicht nur darin, dass viele Kita-Kinder beim gemeinsamen Spaziergang im Kindergarten schon nach 50 Metern ausgepowert sind, sondern auch in der Tatsache, dass sie in ihrer Motorik weit hinterherhinken. „Viele Kinder sind heute nicht mehr in der Lage, auf einem Bein zu stehen und rückwärts zu laufen, ohne sich zu verletzen“, sagt Finken. Und ein weiteres Problem kommt hinzu: Übergewicht bei Kita-Kindern. „Natürlich sehen wir auch immer wieder Kinder, die durch Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung zu viel Gewicht auf die Waage bringen“, bedauert Finken. „Daher müssen wir im Kindergarten dieser Entwicklung schon früh entgegensteuern und die Kinder für einen gesunden Lebensstil sensibilisieren.“

Was viele Eltern ihren Kindern nicht mehr mitgeben oder zu vermitteln schaffen, soll jetzt in vielen Kitas ein kleiner grüner Drache namens Jolinchen gemeinsam mit den Erzieherinnen richten. Der Oberbrucher Kindergarten ist einer von 51 Einrichtungen im Kreis Heinsberg, die an dem AOK-Präventionsprogramm „Jolinchen-Kids – Fit und gesund in der Kita“ teilnehmen. Das Programm soll bei Drei- bis Sechsjährigen das Bewusstsein für gesunde Ernährung, Bewegung und das seelische Wohlbefinden stärken.„Der Erfolg gibt dem Projekt Recht: das Programm wirkt sich positiv auf das Bewegungsverhalten und den Medienkonsum, aber auch auf das Ernährungsverhalten von Kindern aus“, sagt Finken. Das bestätigt auch das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie im Rahmen einer aktuellen wissenschaftlichen Erhebung. „In dieser Studie haben wir einen hohen methodischen Standard angelegt. Dies war im dynamischen Setting Kindertagestätte durchaus schwierig umzusetzen. Dennoch konnten wir positive Effekte des Präventionsprogramms zeigen“, sagt Prof. Dr. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung.

Das Programm besteht aus den insgesamt fünf flexibel einsetzbaren Modulen Bewegung, Ernährung, seelisches Wohlbefinden, Elternpartizipation und Erziehinnen-Gesundheit.

AOK Regionaldirektor Heinz Frohn: „Wir freuen uns, dass „JolinchenKids“ das Bewegungsverhalten von Kindern positiv beeinflusst. In Einrichtungen, in denen das Bewegungsmodul ein Jahr lang durchgeführt wurde, agierten die Kinder nachweislich schneller als Kita-Kinder aus der Vergleichsgruppe.“

„Das Jolinchen-Projekt begleitet uns jeden Tag in der Kita“, sagt Ellen Finken. „Wir vermitteln den Kindern spielerisch, wie man sich gesund ernährt und bewegt und hoffen, dass sie dieses Wissen mit ins Erwachsenenalter mitnehmen.“ Und dass die Eltern noch von ihren Kindern lernen, wie wie viel Spaß gesunde Ernährung und gemeinsame Bewegung machen. „Und natürlich wäre schön, wenn sich so manche Eltern wieder mehr auf alte Werte besinnen würden – und aktiv mit den Kindern in die Natur gingen, statt Natur nur passiv auf dem Bildschirm zu zeigen.“

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