Heinsberg: Pflegeaktion am Nordsee: Frühjahrsputz soll seltene Vögel locken

Heinsberg: Pflegeaktion am Nordsee: Frühjahrsputz soll seltene Vögel locken

So Pi mal Daumen eine Woche haben sie gedauert, die Erd- und Rodungsarbeiten am Nordsee im Bereich des Lago Laprello in Heinsberg. „Es war überwiegend junger Aufwuchs, aber auch kleine Birken und Schwarzerlen gehörten dazu“, sagt Diplom Biologe Frank Backwinkler von der Stadt.

Die große Pflegeaktion soll einen kleinen Kerl ganz besonders freuen, er ist nur 15 bis 18 Zentimeter groß und trägt die Bezeichnung Flussregenpfeifer. Der Piepmatz ist ein entscheidender Grund für die Umweltmaßnahme, denn der selten gewordene Vogel liebt genau die nun entstandenen Flächen für seine Brut.

Manch ein Spaziergänger dürfte sich in den letzten Tagen verwundert die Augen gerieben haben, glaubt Backwinkler. „Stand doch ein großer Bagger auf der Insel im Nordsee. Und was der Bagger hinterließ, glich mehr einer Mondlandschaft als einem Naturschutzgebiet.“ Mit einem Korblöffel bewaffnet habe der Bagger den vorhandenen Kies- und Sandboden durchsiebt und dabei den Aufwuchs bis hin zur Größe kleiner Bäume entfernt. Zurück blieb eine weitgehend vegetationsfreie Insel mit offenem Rohboden.

„Und genau diese scheinbar trostlose Landschaft ist das bevorzugte Brutgebiet des selten gewordenen heimischen Flussregenpfeifers. Seine natürlichen Habitate, Kies- und Sandbänke an Flüssen, kommen wegen der zahlreichen Flussregulierungen der Vergangenheit fast gar nicht mehr vor. Umso mehr ist diese Art auf Sekundärlebensräume, zum Beispiel in ehemaligen Kiesabgrabungen, angewiesen. Leider verbuschen geeignete Flächen mit der Zeit und der Flussregenpfeifer verschwindet wieder“, erläutert der Biologe. Aufgrund der Beobachtung, dass genau dies auf der Insel im Nordsee geschehen sei, habe das Tiefbauamt der Stadt mithilfe einer auf Erdarbeiten spezialisierten Firma die große Pflegeaktion auf dieser Fläche durchgeführt und den ursprünglichen Zustand der Insel wieder hergestellt.

„Und nun warten alle Naturfreunde gespannt, ob der hübsche kleine Offenlandbrüter wieder wie früher auf der Insel brüten wird, wenn er im April aus seinem Überwinterungsgebiet in Afrika zurückkehrt“, sagt Backwinkler.

Der Biotop-Typ sandiger, kiesiger Rohboden, für Sand- und Kiesabgrabungen ein entscheidendes Merkmal, sei also keineswegs das Ergebnis einer unkontrollierten oder überzogenen Säuberungsaktion, sondern eindeutig beabsichtigt. „Die Insel würde ansonsten völlig verbuschen und verwalden“, sagt Backwinkler. „Die eigentlich wertvollen Arten würden dann hier nicht mehr zu finden sein. Der Flussregenpfeifer, eine europäisch geschützte Art, ist sehr zurückgegangen in seinem Bestand, weil die Brutgebiete vielfach abhanden gekommen sind.“

Doch nicht nur der Flussregenpfeifer soll sich wieder am Lago Laprello niederlassen. „Alle Vögel, die im offenen Land brüten, kommen hierfür infrage. Jedes Jahr sind die Zugwege der Vögel etwas anders, und wer sich hier vielleicht wieder nierderlässt, kann man noch nicht sagen.“

Auf der Roten Liste

Der Kiebitz, ebenfalls aus der Familie der Regenpfeifer, sei ein solcher Kandidat. Er brütet typischerweise in den Marschwiesen, auf Vordeichwiesenflächen und anderen Weidelandschaften der Niederungen. Der Wattvogel mit den breiten, paddelförmigen Flügeln ist für seine spektakulären Balzflüge bekannt, die auch als Gaukeln bezeichnet werden. Auch Kiebitze sind Bodenbrüter; ihre Eier galten früher als Delikatesse, dürfen heute aber nicht mehr gesammelt werden, da die Vögel in ihrem Bestand global bedroht sind. 2015 wurde die Art auf die Internationale Rote Liste gefährdeter Vogelarten gesetzt.

Vom Beobachtungsturm am Südufer des Nordsees kann jeder Vogelfreund sein Beobachtungsglück im Frühjahr versuchen. Dabei ist allerdings ein gutes Auge gefragt, denn auch wenn die Insel leergeräumt erscheint: der kleine Flussregenpfeifer ist in dieser Mondlandschaft so gut getarnt, dass man viel Geduld braucht und möglichst ein gutes Fernglas, um ihn zu entdecken. Ohne diese perfekte Tarnung hätte der kleine Vogel wohl keine Chance, sein Gelege in dieser schutzlosen Landschaft durchzubringen, meint Backwinkler.

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