Gangelt/Selfkant/Waldfeucht: Nur Corsten hält an Leader-Region fest

Gangelt/Selfkant/Waldfeucht: Nur Corsten hält an Leader-Region fest

Wer hätte das gedacht: Im September 2007 bewarben sich die Bürgermeister Herbert Corsten aus Selfkant, Johannes von Helden aus Waldfeucht und Bernhard Tholen aus Gangelt euphorisch und im scheinbar unerschütterlichen Schulterschluss um die Zulassung als Leader-Region.

Gemeinsam stellten sie sich zum Foto und warfen den Umschlag mit den entsprechenden Unterlagen in den Briefkasten. Jetzt jedoch steht das Projekt Leader-Region vor dem Aus. Nach einer kurzen Diskussion im Haupt- und Finanzausschuss der Gemeinde Gangelt einigten sich die Ratsmitglieder drauf, sich nicht an einem neuen Bewerbungsverfahren für die nächste Leader-Periode von 2014 bis 2020 zu bewerben.

Und auch Waldfeucht, so bestätigte Bürgermeister Heinz-Josef Schrammen gegenüber unserer Zeitung, sei für die Auflösung des Leader-Projektes. Da stellt sich natürlich die Frage, wo die Gründe für diesen überraschenden Schritt zu finden sind.

Bei vielen Projekten geholfen

Der Zweckverband „Der Selfkant“, der seinerzeit gegründet worden war, hatte sich bei der Bewerbung zur Leader-Region gegen andere Gemeinschaften durchgesetzt und in den vergangenen Jahren diversen Projekten in den drei Gemeinden bei der Verwirklichung geholfen.

Grundsätzlich war es so, dass es durch den Stempel Leader-Region stets eine EU-Förderung von 55 Prozent der Nettokosten gab; der Rest wurde in aller Regel von den drei Gemeinden getragen. Die Antrags- und Umsetzungsvorgaben waren allerdings kompliziert und risikobehaftet. Den Gemeinden, so erläuterte Gangelts Bürgermeister Bernhard Tholen nun in der Haupt- und Finanzausschuss-Sitzung, falle die Ko-Finanzierung aufgrund der angespannten Haushaltslage immer schwerer und es müsse hinterfragt werden, ob diese Mittel nicht sinnvoller in die bewährte Vereinsunterstützung fließen sollten.

„Auch ohne Leader steht einer weiterhin erfolgreichen Kooperation mit den beiden Nachbargemeinden nichts im Wege. Alles in allem waren diese Projekte nicht schlecht und sie haben die Region nach vorne gebracht“, resümierte Tholen.

Roger Schröder (UB) fragte nach, ob man sich mit einem formellen Beschluss nicht alle Türen zu Förderungen zuschlage. Hier verwiesen Tholen wie auch der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl-Heinz Milthaler darauf, dass aktuell keine großen Projekte anstünden, man den großen Aufwand vermeiden und lieber den direkten Weg der Vereinsförderung gehen möchte.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rainer Mansel hielt es gar für „unmoralisch“, Geld aus EU-Töpfen „für fragwürdige Projekte“ zu verprassen. „Nicht alle Projekte waren schön, die wir gefördert haben!“ Damit dürfte vor der nächsten Ratssitzung die Position der Gangelter klar sein.

Der Waldfeuchter Bürgermeister zieht zwar durchaus ein „positives Fazit“, was die zu Ende gehende Leader-Periode angeht, „aber ich sehe im Moment nicht die Projekte in der Gemeinde Waldfeucht, die über Leader gefördert werden könnten. Insbesondere mangelt es an ehrenamtlichen Projektträgern, die ein Projekt umsetzen und dauerhaft begleiten“.

Hierbei, so sagt Schrammen, müssten schon für die Antragstellung und die spätere Abrechnung hohe bürokratische Hürden genommen werden, die einem Verein seiner Ansicht nach „gar nicht zuzumuten wären“. Doch das sei ja nicht alles. „Gleichwohl müssten wir ein Regionalmanagement beschäftigen und weiteres Geld in die Hand nehmen, um eine Neubewerbung vorzubereiten. Für Waldfeucht würde das einen Eigenanteil von 5000 bis 10.000 Euro bedeuten.“

Dieser Betrag entspreche etwa den direkten Geldzuwendungen an die Vereine der Gemeinde, die allerdings aufgrund des Haushaltssicherungskonzeptes innerhalb von zehn Jahren auf Null zurückgefahren werden müssten. „Dafür hätten sicher viele kein Verständnis“, glaubt auch Schrammen daran, dass das Geld bei den Vereinen besser aufgehoben sei.

Dass sich nach dem Ausstieg aus dem Leader-Projekt nun etwa düstere Wolken über der zukünftigen Zusammenarbeit zwischen den drei Gemeinden zusammenbrauen, sieht Schrammen nicht. „Manche sehen jetzt auch zu schwarz. Es hat vor Leader eine positive dörfliche Entwicklung in den drei Gemeinden gegeben und das wird auch weiter so sein.“

Der Zweckverband „Der Selfkant“ bleibe ja bestehen. „Über diesen wollen wir die Arbeit der touristischen Entwicklung weiter forcieren. Auch der Verein LAG bleibt vorerst noch bestehen. Die Geschäftsführung soll dem Zweckverband übertragen werden, so dass den aktiven Mitgliedern weiter die Möglichkeit gegeben wird, sich zu organisieren und zu treffen.“

Ob Schrammen auch Selfkants Bürgermeister Herbert Corsten zu den „Schwarzsehern“ zählt? Möglich wäre es, denn dieser hat eine gänzlich andere Sicht der Dinge. „Ich halte die Entscheidung für falsch!“ Überrascht war er davon jedoch nicht. Denn schon in einer gemeinsamen Vorstandssitzung der Leader-Gemeinden hätten nur die beiden Selfkantvertreter für eine neuerliche Bewerbung zur nächsten Leader-Periode gestimmt. Leider, denn Corsten sieht „sehr viel Potenzial für die dörfliche Entwicklung und die Region insgesamt“.

Aus dem zuständigen Ministerium sei avisiert worden, dass der Fördersatz von derzeit 55 Prozent für die Leader-Projekte erhöht werde. „Zukünftig soll auch eine Ko-Finanzierung durch Dritte möglich sein. Dadurch würde der kommunale Haushalt nicht belastet.“ Zudem werde sich die nächste Förderperiode sogar über zehn Jahre erstrecken, statt sieben wie bislang.

„Wir haben in den letzten Jahren durch die gemeinsame Arbeit als Leader-Region für viele Dinge zum Wohle der Bürger einen gemeinsamen Namen gefunden.“ Und damit soll nicht Schluss sein, hofft Corsten. „Selfkant möchte den Leader-Gedanken aufrechterhalten und sich nach einem neuen Partner umsehen. Dazu hat es schon einen Gedankenaustausch mit dem Landrat gegeben. Ich weiß, dass da alle Fraktionen im Rat hinter mir stehen.“ Ein neuerlicher Antrag auf Anerkennung als Leader-Region müsste jedenfalls im nächsten Jahr gestellt werden. Von wem auch immer...

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