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Carola Rackete beim Dorfspaziergang in Keyenberg: Noch weiß keiner, wie es ausgehen wird

Carola Rackete beim Dorfspaziergang in Keyenberg : Noch weiß keiner, wie es ausgehen wird

Carola Rackete hat am Sonntag mit rund 800 Menschen in Keyenberg demonstriert. Zwei Tage vorher war auch Besuch aus der Politik im bedrohten Dorf. Das Kohleausstiegsgesetz lässt derweil weiter auf sich warten. Eine Momentaufnahme vom Spaziergang in Keyenberg.

Keyenberg hat sich zum beliebten Treffpunkt entwickelt. Das liegt weniger an dem Ort selbst, als an der Tatsache, dass er gerade unmittelbar vom Braunkohletagebau betroffen ist. Er steht stellvertretend für das, was damit zusammenhängt, die Umsiedlungen, die verschwindenden Kirchen, Geschäfte und Häuser, die aussterbenden Dörfer. Braunkohlegegner gehen in Keyenberg „spazieren“, Armin Laschet war dort, um sich ein Bild zu machen, und am Sonntag nun auch Carola Rackete.

Die ehemalige Sea-Watch-Kapitänin war eigentlich dadurch bekannt geworden, dass sie Ende Juni mit Dutzenden Migranten an Bord ohne Erlaubnis der Regierung in Rom in den Hafen von Lampedusa gefahren war und daraufhin vorübergehend festgenommen worden ist. Inzwischen positioniert sie sich als Klimaaktivistin.

Als Carola Rackete das erste Mal an diesem Sonntag spricht, steht sie am Aussichtspunkt vom Tagebau Garzweiler Nord, es ist ein offizieller Termin. Neben ihr stehen Vertreter von drei Bündnissen, deren Namen im Zusammenhang mit Braunkohle auftauchen: Alle Dörfer bleiben, Ende Gelände und Menschenrecht vor Bergrecht. Von letzterer Initiative ist Rackete seit Kurzem Botschafterin.

An diesem Tag ist sie es, die im Fokus steht, aber man bekommt nicht den Eindruck, als stünde sie besonders gern im Mittelpunkt. Eher so, als nehme sie das in Kauf, um ihren Standpunkt klar zumachen. Sie spricht selbstbewusst, aber nicht laut, und zwar davon, dass der Braunkohletagebau mitverantwortlich für die Klimakrise sein und man den „Irrsinn stoppen“ müsse. Und dass Menschenrechte vor den Rechten der Industrie gehen würden.

Die Keyenberger Kirche im Rücken: Rund 800 „Spaziergänger“ waren am Sonntag unterwegs, um gegen die Braunkohle und den Abriss von weiteren Dörfern zu demonstrieren. Auch die Kirche im Ort ist bereits an RWE verkauft. Foto: Marie Eckert

Zwischen dem Aussichtspunkt und Keyenberg liegen ungefähr vier Kilometer. Rackete spricht nur ein paar Minuten, dann macht sie sich zusammen mit den anderen auf den Weg ins Dorf. Sie geht dort spazieren, eingeladen hatte die Gruppe Alle Dörfer bleiben. Es werden Hunderte Teilnehmer erwartet, und entsprechend voll ist es am Mittag in den schmalen Straßen von Keyenberg. Die Polizei wird später am Tag sagen, dass ungefähr 800 Menschen demonstriert haben und dass alles friedlich war. Wundern dürfte der Andrang aber keinen der Anwohner mehr, es ist schließlich nicht der erste Spaziergang.

Die Reaktionen sind unterschiedlich: Eine junge Frau flucht einigermaßen entnervt ob ihres vergeblichen Versuchs, die Tür ihres Autos, das an der Straße parkt, zu öffnen, während ständig andere Autos vorbeifahren. Eine andere Frau kommt auf die Straße und fotografiert die vorbeiziehenden Menschen, womöglich freut sie sich sogar darüber, dass so viele gekommen sind und sich für die bedrohten Dörfer interessieren.

Sind ebenfalls für den Erhalt der Braunkohle-Dörfer: Hans Josef Dederichs und Monika Düker (beide Grüne). Sie waren am Freitag in den bedrohten Orten unterwegs. Foto: Marie Eckert

Am Treffpunkt hinter der Keyenberger Kirche ist der offizielle Start, aus einem kleinen Transporter heraus plärren Boxen, die viel zu laut eingestellt sind. Die Veranstalter starten mit der Begrüßung und ernten Applaus und freudiges Fahnenschwenken von den demonstrierenden Spaziergängern, dann spricht Rackete zum zweiten Mal. Bei diesem zweiten Auftritt hören viel mehr Menschen zu als beim ersten, und sie redet lauter und mit mehr Nachdruck, so, als würden die gleichgesinnten Braunkohlegegner hinter der Keyenberger Kirche sie anspornen.

Notfalls auch vor Gericht

Sie ruft der Menge zu, man müsse alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um gegen den Braunkohleabbau vorzugehen. „Auch die juristischen“, sagt sie, und sie meint damit das Grundstück zwischen dem Tagebau und Keyenberg, das die Gemeinschaft „Menschenrecht vor Bergrecht“ gemeinsam gekauft und gegenüber RWE als unverkäuflich deklariert hat, um letztlich einen Abriss von weiteren Dörfern zu verhindern.

„Die Klimakrise ist eine soziale Krise“, sagt sie. Die Ärmsten seien am stärksten betroffen. Auf dem Mittelmeer habe sie gesehen, wie Menschen sterben, weil sie vor Krieg, Terror und Hunger flüchteten, aber eben auch vor den Folgen der Klimakrise. Sie spricht von Überschwemmung und Dürren, und sie sagt: „Diese Menschen wollen auch bleiben.“

Danach verschwindet sie aus dem Mittelpunkt und reiht sich in den Strom von Demonstranten ein, der an der Kirche vorbeizieht zum Ortsausgang und dann wieder zurück ins Ortsinnere. „Wenn sie dafür sorgt, dass nur ein paar mehr Leute zum Spaziergang kommen, dann ist das prima“, sagt einer der Demonstranten zu seinem Nachbarn, und seine Hoffnung dürfte, schaut man sich die Teilnehmerzahl an, in Erfüllung gegangen sein.

Zwei Tage vor Carola Rackete war Monika Düker auch in Keyenberg, und sie hat sich mit einigen der Vertreter getroffen, die auch am Sonntag dabei waren. Die Grünen-Politikerin ist Fraktionsvorsitzende im Landtag, und sie ist gekommen, weil man „kurz vor einer wichtigen Entscheidung“ stehe, sagt sie. Sie meint damit das Kohleausstiegsgesetz auf Bundesebene, das verabschiedet werden soll. Hintergrund sind die Empfehlungen der Kohlekommission, die Erkenntnisse zusammengetragen und Vorschläge zum Kohleausstieg erarbeitet hat.  In ihrem Abschlussbericht sprach sich die Kommission für ein Ende der Kohleverstromung bis 2038 aus.

Angesichts dessen, sagt Düker und teilt damit die Einschätzung der Keyenberger Spaziergänger, gebe es keine Legitimation, dass weitere Dörfer der Braunkohle wegen abgebaggert und umgesiedelt werden müssen. Studien und Rechnungen zeigten, dass bei einem Ausstieg 2038 längst nicht mehr alle schon genehmigte Kohle überhaupt verwendet werden könnte. Sie möchte, dass die Orte bleiben, und sie möchte, dass die Menschen selbst entscheiden können, ob sie umsiedeln oder nicht.

„Es geht nicht, die Umsiedlungen einfach zu stoppen“, sagt auch Hans Josef Dederichs, Erkelenzer Bürgermeisterkandidat der Grünen. Er war mit Düker in den bedrohten Orten unterwegs, die letzte Station des Tages ist sein Wohnzimmer in Kuckum (neu), in das er selbst umgesiedelt ist. Dort sitzt er mit Düker und einigen anderen, die entweder schon umziehen mussten, im Begriff sind, umzusiedeln oder aber in ihrem alten Ort wohnen bleiben möchten. Düker spricht von „verschiedenen Ansprüchen an die Politik“ und darüber, dass es einen „Vertrauensschutz“ für diejenigen brauche, die umsiedeln wollen, und gleichzeitig Perspektiven für die, die bleiben wollen.

Da es bislang weder das Kohleausstiegsgesetz gibt noch eine Entscheidung darüber, was mit den Orten passiert, sind diese Perspektiven entsprechend wenig konkret. In Keyenberg sind längst Hunderte weggezogen, viele Häuser gehören RWE, inklusive der Kirche, unterdessen wächst der neue Ort. Sollten die Dörfer bleiben, brauche es, sagt Düker, eine Vermittlung, Hilfe von der Politik, so dass Neusiedler kommen könnten. Nötig sei eine Leitentscheidung, und zwar interfraktionell, damit diese auch wirklich bis zum endgültigen Kohle-Aus gültig sei. „Das wird nicht einfach, aber es kann gelingen“, sagt sie.