Heinsberg: Nicht alle Hörner lassen sich vergolden

Heinsberg: Nicht alle Hörner lassen sich vergolden

Die Betroffenen erfahren es meist zuletzt. Während die ganze Nachbarschaft schon darüber tuschelt, wer die Dame des Hauses wohl in letzter Zeit so häufig besucht, glaubt der betrogene Ehepartner noch immer, seine Frau sei mit Haushalt und Kindern mehr als ausgelastet. Untreue ist nach wie vor einer der häufigsten Scheidungsgründe.

Laut Statistik sind in etwa 35 Prozent der Fälle Eifersucht, Untreue oder ein neuer Partner die Gründe, die eine Ehe scheitern lassen. Laut Helmut Bongartz, dem Leiter des Amtsgerichtes Heinsberg, wurden in der Kreisstadt im letzten Jahr 229 Ehen geschieden. Über die Gründe kann er nur spekulieren. Aber zum Glück seien die Zahlen in den letzten Jahren „leicht rückläufig“.

Verena Derichs ist Fachanwältin für Familienrecht und im Rat der Stadt Heinsberg.

Einer Forsa-Umfrage zufolge halten allerdings 45 Prozent der Deutschen einen Seitensprung für unverzeihlich. Diese Auffassung scheint auch der Gesetzgeber zu teilen. Obwohl er das Verschuldensprinzip grundsätzlich aufgegeben hat, kann er doch wieder auf die Schuldfrage zurückgreifen, wenn der Unterhaltsberechtigte fremdgegangen ist. Kann, wohlgemerkt. Eine interessante Variante ergab sich jetzt jedoch in der Türkei. Dort soll eine Frau laut Gerichtsurteil 30 000 Euro Schadenersatz an die Ehefrau ihres Geliebten zahlen, weil die außereheliche Beziehung die Familie zerstört habe. Für deutsche Verhältnisse kaum vorstellbar — oder?

„Das Problem des Schadenersatzanspruchs eines Ehegatten gegen den ,Verführer‘ ist im Deutschen Recht nicht ganz unbekannt, geistert aber eher als Anekdote durch die juristische Literatur“, erläutert Verena Derichs, Familienrechtsexpertin und Ratsfrau in Heinsberg. „Der BGH hatte sich im Jahr 1973 mit der Frage zu beschäftigen. Eine Frau aus Bamberg hatte sich auf Einladung eines Bekannten eine Zeit lang in dessen Münchener Wohnung aufgehalten. Dabei war es unstreitig zu Ehewidrigkeiten gekommen. Der Ehemann verlangte Schadenersatz von umgerechnet rund 5000 Euro, weil er sich durch das Verhalten des Nebenbuhlers in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht und in seinem Recht auf ungestörten Fortbestand der ehelichen Gemeinschaft verletzt fühlte.“ Allerdings ohne Erfolg, denn der BGH wies die Klage ab. „Zur Begründung gaben die Richter an, ein deliktischer Schadenersatzanspruch käme einer staatlichen Ehezucht-Maßnahme gleich. Und die gibt es in Deutschland nicht. Mit anderen Worten, Fremdgehen ist und bleibt Privatsache.“

Und nicht nur das. Die Heinsberger Juristin stellt auch noch einen weiteren Aspekt klar. „Es gibt keinen Schadenersatzanspruch gegen den eigenen Ehegatten. Nur im türkischen Recht. Aber das kommt selbst für in Deutschland lebende Türken oder andere Menschen, bei denen das türkische Eherecht Anwendung findet, nur dann zur Anwendung, wenn sie sich vor einem deutschen Gericht nach türkischem Recht scheiden lassen. Das tun aber die wenigsten.“

Einen Anspruch auf Schadenersatz gegen den eigenen Partner gebe es im deutschen Recht nur unter Verlobten, erläutert Derichs. „Wenn ein Verlobter die Verlobung löst und der andere Partner wegen der Verlobung Aufwendungen hatte. Zum Beispiel weil er wegen der erwarteten Eheschließung umgezogen ist.“

Tja, wem also in der Ehe Hörner aufgesetzt wurden, kann sich diese leider nicht so einfach vergolden lassen. „Die Folgen für die eigene Ehe, die muss natürlich jeder selbst ausbaden und die Kosten einer Scheidung sind bekanntlich nicht gering.“ Das ist in der Tat der Fall. Das Internetportal scheidung.de hat untersucht, wie viel eine Scheidung in Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien und in der Türkei durchschnittlich kostet. 4500 Teilnehmer beteiligten sich daran. Demnach sind Scheidungen in Frankreich am teuersten: Die durchschnittlichen Anwalts- und Gerichtskosten belaufen sich hier auf 2 300 Euro. Auf Platz zwei liegt Deutschland mit 2 100 Euro, danach folgt Spanien mit 1 911 Euro.Wenn sich die Partner uneinig sind, dann sind Scheidungen wiederum in Deutschland am teuersten. Streitige Verfahren kosten hier im Schnitt 3 000 Euro.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet . . .

Mehr von Aachener Zeitung