Tagesmutter im Kreis Heinsberg: Mutter auf Zeit, seit zwei Jahrzehnten

Tagesmutter im Kreis Heinsberg : Mutter auf Zeit, seit zwei Jahrzehnten

Mila (1) wuselt auf unsicheren Schritten durch die Küche, der Mischlingshündin Enni hinterher, der gleichalte Tyron sitzt mit drei weiteren Einjährigen auf dem bunten Spielteppich und lässt Spielzeugautos durch die Gegend brausen. Mittendrin im Getümmel: Andrea Heinrichs.

Die 48-Jährige ist nicht die Mutter der Kinder – und doch als „Drea“ eine wichtige Bezugsperson für die Kleinkinder. Als Tagesmutter betreut sie in ihrem „Muckigarten“ fünf Kleinkinder. Der Zufall wollte es, dass Andrea Heinrichs heute hauptberuflich als Tagesmutter Kinder fremder Leute betreut. Nachdem sie selbst vor 21 Jahren Mutter wurde, wollte sie in ihrer Freizeit ehrenamtlich gerne andere Familien unterstützen – wusste aber nicht, wie.

Die Idee, hauptberuflich als Tagesmutter zu arbeiten, kam dann vom Jugendamt. Und Andrea Heinrichs gefiel die Vorstellung. Auch ihr Mann war einverstanden, dass künftig viele fremde Kinder durch das gemeinsame Wohnzimmer, die Küche und den Garten wuseln würden. Für Andrea Heinrichs ein Glücksfall, denn die Tätigkeit als Tagesmutter ließ sich, anders als ihre bisherige Arbeit, gut in ihren Alltag integrieren. „Ich habe diese Entscheidung nie bereut“, sagt Andrea Heinrichs nach zwei Jahrzehnten in der Kindertagespflege.

Bis zu fünf Kinder betreut sie gleichzeitig zu Hause in ihren eigenen vier Wänden. „In den eigenen Räumen kann ich individueller aufs einzelne Kind eingehen, wir können zum Beispiel gemeinsam kochen, und die Kinder haben bei mir ein zweites zu Hause“, wirbt sie für ihren Beruf. Dutzende Kinder hat  Andrea Heinrichs mittlerweile mit großgezogen und aufwachsen sehen – zu vielen besteht heute noch Kontakt. „Mit der Zeit wachsen die Beziehungen, in diesem Beruf bekommt man auch ganz viel zurück“, sagt die Tagesmutter.

Eva Schoenmakers-Houben vom Jugendamt und Ulla Otte-Fahnenstich suchen neue Tagesmütter und –väter für den Kreis Heinsberg. Foto: Nicola Gottfroh

Es sind Frauen wie Andrea Heinrichs, nach denen die Jugendämter im Kreis Heinsberg die Fühler ausstrecken. Denn der Bedarf an Tagesmüttern ist in vielen Kommunen des Kreises hoch. „Es gibt viele Eltern, die  für ihre Kinder eine familiäre und flexible Betreuung suchen“, sagt Eva Schoenmakers-Houben vom Jugendamt der Stadt Heinsberg. „In der Vergangenheit wurde die Kindertagespflege von Eltern oft als Notstopfen gesehen, wenn ihre Kinder keinen Platz in einer Kindertageseinrichtung bekommen haben.

Doch als solcher darf die Kindertagespflege nicht gesehen werden. Sie ist viel mehr eine wichtige Alternative zur Kita. Und viele Familien wünschen sich inzwischen, ihre Kinder bei der Tagesmutter individuell und sehr aufmerksam betreuen zu lassen“, schildert die Fachberaterin des Jugendamts die aktuelle Situation. Die Tagespflegepersonen haben sich seit der Einführung des Rechtsanspruchs zu einem verlässlichen Partner der Jugendämter im Hinblick auf die Versorgung von Kindern entwickelt.  „Aus diesem Grund sind wir immer auf der Suche nach Frauen, die sich in der Kindertagespflege engagieren wollen.“

Die Kindertagespflege richtet sich an Kinder im Alter von 1 bis 14 Jahren. „In der Realität werden die Kinder aber – wie bei Tagesmutter Andrea Heinrichs – bis zum dritten Lebensjahr betreut und wechseln dann in eine Kindertagesstätte“, sagt Schoenmakers-Houben.  Tagesmütter dürfen grundsätzlich bis zu fünf Kinder betreuen. Voraussetzung für diese Tätigkeit sind natürlich vor allem der Spaß am Umgang mit Kindern und ein großes Herz. „Darüber hinaus sind es Zuverlässigkeit und Flexibilität, die der Beruf verlangt“, weiß Ulla Otte-Fahnenstich vom Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung, das als Bildungsträger Frauen und Männer zu Tageseltern ausbildet.

Bevor Interessierte sich für ihre Tätigkeit in den Kursen qualifizieren, die im Kreis Heinsberg das Katholische Forum für Erwachsenen- und Familienbildung, die VHS und die AWO bieten, werden sie vom Jugendamt beraten, erklärt  Eva Schoenmakers-Houben, die diese Aufgabe beim Jugendamt der Stadt Heinsberg übernimmt. „Die Frauen werden von uns  begleitet von der Qualifikation bis hin zu Fragen rund um Versicherungskosten und Sozialleistungen – aber wir schauen auch vorher, ob die Person überhaupt für diese wichtige und sensible Aufgabe geeignet ist.“ Dabei gehe es zunächst um eine allgemeine Beratung und um ein gegenseitiges Kennenlernen, sagt die Jugendamtsmitarbeiterin. „Wir schauen uns aber auch die Häuser und Wohnungen der potenziellen Tagesmütter an und legen da unseren Fokus auf die Größe und auf die Sicherheitsaspekte“, beschreibt Schoenmakers-Houben.

„Der Beruf  ist ein spezieller Beruf mit hohem Anspruch und viel Verantwortung, denn die ersten drei Lebensjahre sind grundlegend für die gesamte weitere Entwicklung“, sagt Ulla Otte-Fahnenstich vom Katholischen Forum. Aber er ist auch einer, bei dem man nicht reich wird.  „Als Angestellte einer Kita würde ich zwar mehr verdienen, doch zu meinen pädagogischen Überzeugungen passt das Tagesmutter-Konzept besonders gut. Und als Tagesmutter wird man mit Lachen und Liebe bezahlt,  die monetäre Bezahlung steht erst an zweiter Stelle“, sagt Andrea Heinrichs. Trotzdem müsse keine Tagesmutter darben, macht Eva Schoenmakers-Houben deutlich, denn der Stundenlohn gelte pro Kind, und bis zu fünf Kinder können gleichzeitig betreut werden. Zudem sei die finanzielle Situation der Tagesmütter in den vergangenen drei Jahren deutlich verbessert worden.

Für Andrea Heinrichs wird es langsam Zeit, sie muss wieder alle Aufmerksamkeit den Kindern widmen. Sie wird mit ihren fünf Schützlingen nun zum Einkaufen gehen. Am Donnerstag soll es ein Picknick auf dem Küchenboden ihres Muckigartens geben.  „Das ist das Schönste – ich kann Dinge umsetzen, die in der Kita so einfach nicht möglich wären.“

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