Hückelhoven: Musik am Bett hilft kranken Heimbewohnern

Hückelhoven : Musik am Bett hilft kranken Heimbewohnern

Es ist Dienstag, 15 Uhr. Die Mittagszeit endet und erste Bewohner gehen in Richtung Kaffeetisch. In die Stille hinein hört man leise Akkordeonklänge, die sich nähern und stetig lauter werden. Iris Nitsche vom Sozialen Dienst und der Musiker Viktor Waßenhoven besuchen die immobilen Bewohner mit dem Akkordeon.

Unterwegs werden sie von Bewohnern angesprochen, und wenn es zeitlich geht, spielt Viktor ein Wunschlied. Heute sind sie auf dem Weg zu Herrn K. Der Physiotherapeut kommt regelmäßig, doch die Beine wollen nicht mehr, und er kann das Bett nur noch selten verlassen. Er freut sich heute sehr über den Besuch. „Ich habe euch schon gehört“, sagt Herr K. mit strahlenden Augen.

Manchmal mit Tränen

Er mag rheinische Lieder und singt immer mit. Manchmal fließen auch Tränen. Das ist wiederholt der Fall, wenn Herr K. sich „Drei weiße Birken“ wünscht. Das Lied erinnert ihn an seine verstorbene Frau. Manchmal erzählt er dann von früher. Bevor der musikalische Besuch geht, singen alle drei ein fröhliches Abschlusslied. Dann zieht die Musik weiter zu einem anderen Bewohner. Die Bewohnerschaft eines Altenheims ändert sich zunehmend, auch vor dem Hintergrund der politischen Leitlinie „ambulant vor stationär“.

Die Anzahl der immobilen und schwerstkranken Bewohner nimmt zu. Einige liegen im Wachkoma oder sind aufgrund ihrer Demenz nicht mehr ansprechbar, können aber dennoch an „guten Tagen“ im Pflegerollstuhl das Bett verlassen. Andere sind geistig wach, aber wegen einer Erkrankung an das Bett gebunden. Für Mitarbeiter in der Pflege und der Betreuung stellt sich die Frage nach passenden Angeboten.

Wie erreicht man Bewohner, die nicht mehr aktiv an Veranstaltungen teilnehmen können und 80 Prozent der Zeit ans Bett gebunden sind? Viele Studien und wissenschaftliche Arbeiten haben bewiesen, dass Musik Menschen in allen Lebenslagen anspricht. Sie vermittelt Freude, wirkt gegen Isolation und weckt Erinnerungen. Warum sollte man also die Musik nicht an das Bewohnerbett bringen? Diesen Weg geht das evangelische Altenzentrum Hückelhoven schon seit über zehn Jahren. Alle vier Wochen begleitet die ausgebildete Erzieherin Iris Nitsche aus dem Sozialen Dienst den nebenberuflichen Musiker Viktor Waßenhoven zu den Zimmern.

„Das Wohlfühlangebot liegt mir besonders am Herzen“, sagt Iris Nitsche, „über die Musik erreichen wir Bewohner, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Wir lachen, aber manchmal sind wir auch gemeinsam traurig. Wir lassen niemanden in dieser Stimmung alleine.“ Darum singen sie zum Abschluss immer ein Wunsch- oder Abendlied, das die Stimmung auflöst, sagt sie.

Iris Nitsche und Musiker Waßenhoven besuchen immobile Bewohner mit dem Ziel, ihnen eine Freude zu bereiten und Momente des Wohlbefindens zu ermöglichen. Das ist oft nicht einfach. Denn woran erkennt man, ob ein Angebot ankommt, wenn sich der Bewohner nicht verbal äußern kann? Wie sind Lautäußerungen zu verstehen? Bedeuten sie „Hör auf“, „Mach weiter“ oder „Ich singe mit“?

Beim „Wunschkonzert“ wird ein Prozess in Gang gesetzt, der von einem erfahrenen Mitarbeiter begleitet werden muss, der die Reaktionen der Bewohner deuten und verstehen lernt. Außerdem bedarf es einer positiven Grundhaltung, eines geschulten Auges, Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Geduld.

„Nur, weil jemand nicht mehr aufstehen kann, verliert er nicht seine Lebensfreude“, sagt Viktor Waßenhoven, „gerade wenn man im Prinzip 24 Stunden am Tag ans Bett gebunden ist, ist es wichtig, aus dieser Situation etwas Schönes zu machen und das „Dilemma“ zu durchbrechen.“ Denn: Viele bettlägerige Bewohner singen und lachen sehr gerne, sagt Waßenhoven.

Bei manchen Bewohnern ist halt dann auch mal im Hochsommer Karneval. Das mag für Umstehende nicht nachvollziehbar sein. Aber für den schwer kranken Menschen, der eventuell nicht mehr zwischen Jahreszeiten unterscheidet, wird der Wunsch nach einem kölschen Gassenhauer gerne erfüllt.

Aus dem Evangelischen Altenzentrum ist das Betreuungskonzept „Musikalisches Angebot am Bett des Bewohners“ nicht wegzudenken. Das Tandem „Betreuung und Musiker“ zeigt sich als der entscheidende Baustein, von dem der Erfolg des Angebots abhängt.