Mode als Dokument der Zeitgeschichte im Begas-Haus Heinsberg

Modenschau im Begas-Haus: Mode als Dokument der Zeitgeschichte

Ganz lang in Lila mit Schirm und passendem Federschmuck im Haar wie anno 1900 oder frech im modern kurzen, schwarzen Kleid präsentierten sich die Damen bei einer historischen Modenschau im Begas-Haus.

Eingeladen dazu hatten die Organisatoren der Ausstellung „Frauen bei Glanzstoff“, die noch bis zum 10. März im Museum zu sehen ist. Wo während der Ausstellung auf dem langen, roten Teppich Puppen die Modewelt des vergangenen Jahrhunderts präsentieren, für deren Fertigung auch die in den Glanzstoff-Werken gesponnenen Fäden etwa aus Viskose, Perlon oder Diolen verwendet wurden, liefen jetzt echte Models.

Museumsleiterin Dr. Rita Müllejans-Dickmann selbst, Mitarbeiterinnen des Museums und befreundete Frauen präsentierten die Kleidung der Damenwelt in zehn Kapiteln für die zehn Dekaden, angefangen im Jahr 1900 bis ins Jahr 1990. Gleich zwei Mal hintereinander wurde die Modenschau angeboten, und beide Male war sie ausverkauft.

Nach der Begrüßung durch Jakob Wöllenweber, Initiator und Kurator der Ausstellung, führte die Modedesignerin Aïcha Gerards aus Geilenkirchen-Teveren die Gäste in die Thematik ein. „Mode ist ein Thema, mit dem wir uns täglich, bewusst oder unbewusst, auseinandersetzen“, betonte sie. Kleidung sei schon lange kein reines Gebrauchsgut mehr, das nur aus nützlichen Gründen getragen werde, um sich etwa vor Wettereinflüssen zu schützen.

Jakob Wöllenweber und Aïcha Gerards moderierten die Modenschau und ordneten die Mode ein in die jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten sowie in die Geschichte des Unternehmens Glanzstoff. Foto: Anna Petra Thomas

„Vielmehr dient Kleidung der Selbstdarstellung und ist Ausdruck unserer gesellschaftlichen Zugehörigkeit, Abgrenzung und der Emanzipation“, so Aïcha Gerards weiter. „Die Mode ist ein Spiegel des Zeitgeistes und abhängig von politischer und sozialer Entwicklung.“ Diese habe zudem Einfluss auf die Stellung der Frau in der Gesellschaft.

„Mode wird so schnell als trivial und oberflächlich abgewertet“, bedauerte die Modefachfrau, die auch für das Design der mit viel Schokolade kreierten Modelle bei der bekannten „Monday Night“ des Aachener Unternehmens Lambertz zuständig ist. Und so formulierte sie es auch als Ziel dieser historischen Schau, die Gäste vom Gegenteil zu überzeugen. Sie schloss mit einem Zitat von Coco Chanel: „Mode ist nichts, was nur in Kleidung existiert. Mode ist in der Luft, auf der Straße, Mode hat was mit Ideen zu tun, mit der Art, wie wir leben, mit dem, was passiert.“

Nachdem Nummerngirl Luise Jacobs im Glanzstoff-Kittel das jeweilige Jahrzehnt angekündigt hatte, führte Wöllenweber die Gäste in die von Aïcha Gerards genannten politischen sowie vor allem die für die Frau gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein und vergaß auch die jeweils aktuelle Entwicklung der Glanzstoff-Werke nicht, etwa die Gründung 1899, den Start der Produktion von Viskose 1911 oder von Perlon und Diolen in den 1950er Jahren.

Aïcha Gerards hatte für Ausstellung und Modenschau nicht nur zwei Glanzstoff-Kittel neu gefertigt, sondern auch die Mode für das Kapitel 1900 mit der Dame in Lila und ein Kostüm mit weit schwingendem Rock für das Jahr 1950 kreiert. Vorlage dafür seien Modetafeln des Malers Heinrich Oellers aus Heinsberg-Grebben gewesen, erklärte Wöllenweber. Diese auch in der Ausstellung zu sehenden Modetafeln seien im Auftrag von Glanzstoff anlässlich des 50-jährigen Bestehens und für die zeitgleiche Wiedereröffnung des Heimatmuseums nach dem Zweiten Weltkrieg angefertigt worden. Die übrigen acht Modelle waren bei der Film- und Theater-Ausstattung des WDR in Köln für die beiden Modenschauen ausgeliehen worden.

Eindrucksvoll gelang es Aïcha Gerards, mit kurzen Beschreibungen die Entwicklung der Modestile des vergangenen Jahrhunderts zu verdeutlichen, angefangen mit der „femme ornée“ (geschmückten Frau) in der Belle Epoque mit ihrer Wespentaille, über eine elegante Zeit der Mode, Mini und Etuikleid bis hin zum modernen Hosenanzug und dem Purismus der 1990er Jahre. Das Publikum dankte allen Akteuren im Finale mit lang anhaltendem Beifall.

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