Wegberg/Niederkrüchten: Michel De Moey liebt Langstreckenrennen auf dem Rad

Wegberg/Niederkrüchten: Michel De Moey liebt Langstreckenrennen auf dem Rad

Gleich in der ersten Nacht ist der Mann mit der Startnummer MM 39, der im normalen Leben Michel De Moey heißt, durchgefahren. Er hat sich um 16 Uhr in London auf den Sattel geschwungen und in die Pedale getreten — immer nordwärts.

Nach 474 Kilometern, fast 24 Stunden später, hat er sich die erste Schlafpause gegönnt, 58 Minuten lang. Tja, das Langstreckenrennen London-Edinburgh-London (LEL) ist eben kein Zuckerschlecken. Großbritanniens größte Herausforderung im Radsport findet alle vier Jahre statt und für die 1500 Startplätze gibt es regelmäßig etwa vier Mal so viele Bewerber.

Für eine Route, von der sich selbst sportliche Radfahrer mit Grausen abwenden: 1441 Kilometer mit 11 128 Höhenmetern in maximal 117 Stunden — einschließlich der Ruhepausen wohlgemerkt.In diesem Jahr war er also dabei. Mit drei Smileys und den Worten „Ich freu mich“, hat er seinen Vereinskameraden vom SV Klinkum Radsport seine Abreise angekündigt.

Und weil Michel De Moey mit Leib und Seele Randonneur ist — das ist die unter Radfahrern gebräuchliche Bezeichnung für einen Langstreckenradfahrer — ist er auch mit dem Fahrrad angereist, von seinem Wohnort Niederkrüchten nach London. Als er dort startete, hatte er schon 470 Anreise-Kilometer in den Beinen.

Sorgfältig hat er sich vorbereitet, ist mal eben von Niederkrüchten nach Paris gefahren oder nachts nach Köln, um den „Feind Dunkelheit“ ins Gedächtnis zu rufen. Er kennt sich aus, hat schon mehrfach Langstreckenrennen bewältigt, vor zwei Jahren den Klassiker Paris-Brest-Paris, im vergangenen Jahr ein Tausend-Kilometer-Rennen von Maastricht aus.

An Grenzen ist er gegangen, an die deutsche, die belgische, die englische, die schottische und an seine eigene. Dann, wenn die Beine bleischwer wurden, der Sattel steinhart, die Straße unendlich lang. „Alles Kopfsache“, versichert Michel De Moey. „Ich kann mich ganz gut selbst motivieren und habe das Glück, schnell zu regenerieren.“

Nein, an Aufgeben hat er keinen Gedanken verschwendet und ja, er war immer sicher, das Ziel zu erreichen. Dabei hat er Fahrer gesehen, die einen Kilometer vor einer Kontrollstelle völlig entkräftet vom „Rad fielen und aufgaben“. Die Kontrollstellen, etwa alle 80 Kilometer entlang der Route, werden so etwas wie sein Rettungsanker. Auch wenn er zugibt, hin und wieder ungefähr zehn Kilometer vor der Kontrollstelle erschöpft überlegt zu haben, sein „Fahrrad weg zu schmeißen“.

Aber angekommen da, wo es eine warme Mahlzeit gab, eine Dusche, ein aufblasbares Bett zum Schlafen (das er in den wenigsten Fällen nutzte), kam die Randonneur-Welt wieder in Ordnung. Rad abstellen, Schuhe ausziehen, Trinkflaschen auffüllen, essen — und das Wichtigste: der Stempel auf der Teilnehmerkarte.

Eine unglaublich vielfältige Landschaft hat er durchfahren — von den Steigungen in den Penninen und schottischen Lowlands zu den Mooren von Norfolk und Lincolnshire. Er hat die Humber-Brücke überquert, das weltberühmte Castle Howard gesehen, ist durch Cambridge gekurvt und durch zahllose reizvolle englische und schottische Dörfer gefahren. Das Wetter präsentierte sich „very british“ und die Fahrer waren „not amused“.

Regen peitschte über die Strecke, der Wind zehrte an den Kräften, vor allem auf dem letzten Teilstück. Wie gut, dass Michel De Moey in der ersten Nacht durchgefahren ist. Fahrer, die da geschlafen haben, in der Hoffnung, auf dem letzten flachen Teilstück Zeit gutmachen zu können, erleben eine böse stürmische Überraschung: Windstärke 5 — Gegenwind natürlich.

„Ich habe es geschafft!“, darf er nach 101 Stunden bei der Zieleinfahrt in London jubeln. Mit einem komfortablen Zeitpolster, denn 16 Stunden hätte er noch Zeit gehabt. „Fast zweimal acht Stunden Schlaf“, stellt er beinahe erstaunt im Nachhinein fest. 34 Prozent der Fahrer haben das Ziel nicht oder nicht im Zeitlimit erreicht. „Did not finished“ — das ist die Höchststrafe für einen Randonneur.

Warum er sich das antut? „Weil es ein großes Abenteuer ist“, sagt er nach kurzem Überlegen. „Und weil ich mich dabei richtig frei fühle.“ Und damit das klar ist: Er wird es wieder tun! Wo, das weiß er jetzt noch nicht, aber wann, das weiß er schon: Im nächsten Jahr.