Triathlon: Mario Schröder wird Meister der Gehörlosen

Triathlon : Mario Schröder wird Meister der Gehörlosen

Mario Schröder strahlte wie ein Weltmeister, schon bevor er sich beim „Trilagon“, wie sich der Triathlon am Lago Laprello in Heinsberg nennt, ins Wasser stürzte. Nein, Weltmeister ist er nicht, aber immerhin: Bei seinem fünften Start in Heinsberg ging der 52-Jährige sichtlich stolz als frischgebackener Deutscher Meister der gehörlosen Triathleten an den Start.

Zwei Wochen zuvor hatte er sich diesen Titel beim Triathlon in Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt geholt.

„Ich bin gut im Training. Deshalb hoffe ich auf eine gute Zeit“, erklärte er bescheiden, bevor er sich mit den übrigen rund 100 Teilnehmern des Volkstriathlons in das 20 Grad kalte Wasser wagte. Hören konnte er den Startschuss nicht, aber ein Blick auf seine funkgesteuerte Armbanduhr und die Anspannung der Sportler neben ihm ließen ihn den Startzeitpunkt quasi erspüren. „Früher habe ich den Fehler gemacht, beim Start ganz nach vorne zu gehen“, erzählte er. „Aber da sind die schnellen Schwimmer immer regelrecht über mich drüber geschwommen. Da halte ich jetzt lieber ein bisschen Abstand.“

Den hielt er auch in Heinsberg und ging fast ganz an die Seite des großen Starterfeldes. In 13:22 Minuten absolvierte er die 500 Meter lange Schwimmstrecke. Auf Platz 60 wechselte er aufs Rad, holte jedoch auf der 21,2 Kilometer langen Radstrecke und dem 5,7 Kilometer langen Lauf mächtig auf. Er beendete seinen Triathlon in 1:19:42 Stunden auf Platz 34 und war damit sehr zufrieden. In seiner Altersklasse (Ü 50) wurde er sogar Zwölfter. „Mein bisher bestes Ergebnis beim Trilagon!“, strahlte er am Ende noch mehr als bei seinem Start.

Umso beachtlicher ist seine Leistung, wenn er erzählt, dass er erst im Alter von 35 Jahren zu seinem neuen Hobby fand, zunächst jedoch nur zum Laufen. Sein Cousin nahm ihn mit zum Westzipfellauf. „Und dann wurde es immer mehr“, erinnert er sich. 2004 absolvierte er in Berlin seinen ersten Halbmarathon, ein Jahr später in Düsseldorf seinen ersten Marathon. „Das Laufen gibt mir Kraft, stärkt mein Selbstbewusstsein“, sagt er. Vor allem nach seinem Zusammenbruch 2007 habe ihn das Laufen quasi ins Leben zurückkatapultiert.

Schröder ist nicht von Geburt an taub, kann daher gut sprechen und auch seinem Gegenüber das Gesagte sehr gut von den Lippen ablesen. Erst mit zwölf Jahren habe sich sein Gehör immer weiter verschlechtert, berichtet er. Schröder erlernte ganz normal den Beruf des Kfz-Mechanikers, gründete eine Familie und lebt heute mit zweien seiner vier erwachsenen Kindern in Waldfeucht-Haaren.

Nach 25 Jahren in der lauten Werkstatt war der Tinnitus als Folge von Hörstress, wie ihn Schröder nennt, jedoch zu stark, sodass er seinen Beruf seit 2007 nicht weiter ausüben konnte. „Das Gehirn wartet durch das, was durch das Sehen bei ihm ankommt, ständig auf Reize. Aber die kommen nicht“, beschreibt er die Problematik. Eine Umschulung zum Zahntechniker brachte nicht den gewünschten beruflichen Erfolg. Heute ist Schröder Frührentner und arbeitet nur noch stundenweise als Hilfskraft in einem zahntechnischen Labor.

Seit 25 Jahren hilft ihm am linken Ohr ein sogenanntes Cochlea-Implantat dabei, „sich nicht ganz von der Welt isoliert zu fühlen“, wie er es ausdrückt. „Aber es reicht nicht einmal zum Telefonieren.“

Als sein rechter Fuß Probleme machte, wurde aus seiner Laufbegeisterung Triathlon-Sport. Der Arzt empfahl ihm zu schwimmen, und der Weg war geebnet, zumal ein paar seiner gehörlosen Freunde schon in dieser Sportart aktiv waren. Inzwischen ist er Landesfachwart Triathlon im Gehörlosen-Sportverband Nordrhein-Westfalen. Offiziell an den Start geht er als gehörloser Sportler für den Gehörlosen-Sportverein Recklinghausen. Darüber hinaus ist er Mitglied des FC St. Pauli und dessen Triathlonabteilung. „Dieser Verein bietet mir nicht nur den Startpass, sondern auch eine Versicherung“, sagt Schröder. „Er engagiert sich sehr für Inklusion.“

Probleme, allein zu trainieren, habe er jedoch nicht, fügt er gleich lachend hinzu. „Ich habe ja meine Augen im Kopf.“ An seinem Rennrad befestige er fürs Training einen Rückspiegel. „Beim Laufen drehe ich mich einfach öfters mal um.“ Und beim Wettkampf gibt es gar keine Probleme, da die Strecken abgesperrt sind. Die aktuelle deutsche Meisterschaft sei für ihn der Höhepunkt seiner sportlichen Karriere, fährt er fort. Mehr ist nämlich im Gehörlosensport noch nicht möglich. Europa- oder sogar Weltmeisterschaften, das wäre was. Aber da gebe es derzeit noch zu wenige aktive, organisierte Sportler, weiß der passionierte Triathlet.

Dafür macht er sich jetzt in Deutschland auf längere Wege. Am 1. September will er in Köln auf der etwas verkürzten Langstrecke dabei sein mit 3800 Metern Schwimmen, 120 statt normalerweise 180 Kilometern Fahrrad und 30 Kilometern Laufen an Stelle der Marathonstrecke über 42,195 Kilometer. „Mein großes Ziel ist, einfach nur anzukommen. Die Zeit ist mir egal“, sagt er. „Und wenn ich das schaffe, dann gehe ich auf die richtige Langstrecke. Dann versuche ich mich im Ironman. Den haben bisher überhaupt erst fünf gehörlose Sportler in der ganzen Welt bis ins Ziel geschafft.“

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