Mangel an Grundschullehrern ist im Kreis Heinsberg eklatant

„Mittendrin im Bildungsnotstand“ : Mangel an Grundschullehrern ist auf dem Land eklatant

Noch sind Ferien, aber wenn die neuen i-Dötzchen an die Grundschulen des Kreises strömen, wird wieder ganz deutlich werden, wie eklatant der Mangel an ausgebildeten Lehrern im Grundschulbereich ist.

Im Interview mit unserer Zeitung kritisiert Andreas Stommel, Vorsitzender des Bezirksverbands Köln im Verband Bildung und Erziehung, die ungleiche Bezahlung von Lehrern. Er ist der Meinung, der Lehrermangel hätte von der Politik schon viel früher erkannt werden müssen, um entsprechende Gegenmaßnahmen in Gang zu setzen. Nun verhalte sie sich zu zögerlich, um Abhilfe zu schaffen.

Der Lehrermangel ist seit Jahren Thema und macht besonders den Grundschulen zu schaffen. Wie ist die Situation bei uns im Kreis?

Andreas Stommel: Die Personalsituation an Grundschulen ist ein Problem, das sich in ganz NRW zeigt. In einigen Regionen ist es besser, in anderen schlechter. Einige Regionen nehmen dann noch eine besondere Rolle ein: nämlich die Brennpunkte beispielsweise in Duisburg und sehr ländliche Regionen – wie eben der Kreis Heinsberg.

Was ist das Problem in diesen Regionen?

Stommel: Viele junge Lehrer wollen dort einfach nicht hin. In die Brennpunktregionen nicht, weil das Schülerklientel dort extrem schwierig ist. Dieses Problem haben wir im Kreis Heinsberg glücklicherweise nicht. Unsere Krux ist vielmehr, dass wir in der Peripherie von Nordrhein-Westfalen liegen – um es so zu sagen: Wir sind zu weit weg vom Schlag. Die jungen Lehrer kommen von den Unis und Seminaren, die in den großen Städten liegen und haben Gefallen am Stadtleben gefunden. Sie wollen nicht zwingend an eine Schule im ländlichen Raum. Das ist zumindest das eine große Problem.

Andreas Stommel, Vorsitzender des Bezirksverbands Köln im VBE, kritisiert die ungleiche Bezahlung von Lehrern. Foto: Nicola Gottfroh

Und das andere?

Stommel: Die große Frage ist doch die: Woher nehmen wir die Lehrkräfte? Grundvoraussetzung wäre ja, dass wir genug ausgebildete Grundschullehrer haben. Aber im Grundschulbereich gibt es ein klaffendes Loch – parallel dazu werden aber in den kommenden Jahren 15.000 ausgebildete Lehrer für die Sekundarstufe II keine Stelle am Gymnasium bekommen. Ein zentrales Problem ist, dass es insgesamt für die Zukunft gesehen zu viele Lehrer für die Gymnasien gibt – und sie für die Grundschulen schlicht und ergreifend das falsche Lehramt studiert haben.

Keine Überraschung, oder? Immerhin werden Gymnasiallehrer deutlich besser bezahlt als Grundschullehrer. Da ist es schon fast folgerichtig, sich fürs SEK II-Studium zu entscheiden, finden Sie nicht?

Stommel: Die ungleiche Bezahlung von Lehrkräften ist aufgrund der geänderten Lehrerausbildung nicht mehr gerechtfertigt. Studierende werden dadurch offensichtlich in ihrer Studienwahl stark beeinflusst. Das ist daher eine der zentralen Forderungen des Verbands Bildung und Erziehung an die Landesregierung: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Die schlechtere Bezahlung von Grundschullehrern ist einer der Gründe, warum der Personalmangel im Grundschulbereich besonders eklatant ist. Es ist überfällig, diesen Missstand zu beseitigen. Wer zu wenig Personal ausbildet – sprich zu wenig Studienplätze anbietet – und dann auch noch gleichwertige Arbeit ungleich bezahlt, kann das Problem des Lehrermangels nicht lösen.

Wie viele Stellen sind denn im Kreis Heinsberg unbesetzt?

Stommel: Wenn Sie so fragen, dann kann ich verkünden: vermutlich keine. Die Stellen an den Schulen sind besetzt. Die wichtigere Frage lautet: Wer besetzt sie? Denn es sind nicht die ausgebildeten Grundschullehrer. Ein Teil der Unterrichtenden besteht inzwischen aus Seiteneinsteigern. Sie haben zwar an einer Hochschule ein zugelassenes Fach studiert, besitzen aber keine pädagogische Ausbildung. Berufsbegleitend erhalten sie eine einjährige pädagogische Ausbildung. Das ist einer der großen Kritikpunkte des VBE – denn sie bräuchten eine pädagogische Einführung, das Wissen über Methoden und Didaktik, schon vorab. Viel häufiger als Seiteneinsteiger unterrichten aber die sogenannten Nichterfüller – Lehrkräfte meist ohne Studium und ohne pädagogische Ausbildung, ohne Qualifizierungsmöglichkeiten, ohne Aufstiegschancen und nur befristet beschäftigt an den Schulen in der Region. Um zu Ihrer Frage zurückzukehren: die Stellen sind besetzt, aber nicht mit ausgebildeten Grundschullehrern. Es sind einfach keine qualifizierten Bewerber für die ausgeschriebenen Stellen zu finden.

So wie Sie das schildern, steuern wir auf einen Bildungsnotstand zu!

Stommel: Wir sind mittendrin im Bildungsnotstand. Die Misere lässt sich nicht wegdiskutieren. Und das alles geschieht auf dem Rücken der ausgebildeten Lehrkräfte. Denn ich wage zu behaupten, dass die Bildung der Kinder bislang noch nicht unter der Situation leidet. Die ausgebildeten Lehrer halten die Qualitätsstandards durch verstärktes Engagement so weit oben, dass für die Schüler im Moment noch keine Bildungsnachteile entstehen und sie schulen nebenbei auch noch die Seiteneinsteiger und Nichterfüller, damit diese ihre Arbeit angemessen erledigen können. Damit jedoch nimmt auch die Belastung dieser ausgebildeten Kollegen immer stärker zu.

Abgesehen von der Zuwanderungswelle 2015 – war der Lehrermangel nicht absehbar?

Stommel: Der gegenwärtige Personalmangel ist eine Altlast der Vorgängerregierung. Sie hatten schlichtweg falsche Schülerzahlen und hatten den Lehrkräftebedarf falsch prognostiziert – als das deutlich wurde, hätte man schon gegensteuern müssen. Aber nicht nur die rot-grüne Regierung trägt Verantwortung für die jetzige Situation. Man muss der aktuellen Regierung auch vorwerfen, dass sie Entscheidungen hinauszögert. Wo sind die Maßnahmen des schon lange angekündigten Masterplans? Warum ist nicht schon längst über eine gleiche Bezahlung von allen Lehrkräften entschieden worden? Damit wäre ein Problem schnell gelöst und man würde den Beruf des Grundschullehrers deutlich attraktiver machen. Das wäre die beste Lehrerwerbekampagne.

Was kann die Regierung denn Ihrer Meinung nach kurzfristig machen, um Abhilfe zu schaffen?

Stommel: Kurzfristig wird man keinen großen Effekt durch neue Maßnahmen sehen. Fakt ist, dass mehr Grundschullehrer ausgebildet werden müssen – den Effekt wird man aber erst in sechs bis sieben Jahren sehen. Die einzige Möglichkeit, dass die Schere zwischen ausgebildeten Lehrkräften und Nichterfüllern in naher Zukunft nicht noch weiter auseinander geht, ist die Besoldung aller Lehrer mit A13. Damit könnte man Absolventen des Gymnasiallehramts womöglich doch überzeugen, die derzeitige Möglichkeit der befristeten zweijährigen Tätigkeit dann unbefristet an einer Grundschule fortzuführen. Schließlich handelt es sich um ausgebildete Lehrkräfte, die die Zahl der Nichtpädagogen deutlich reduzieren könnten.

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