Erkelenz: Märchenerzählerin: Gabriele Claßen macht Geschichten lebendig

Erkelenz: Märchenerzählerin: Gabriele Claßen macht Geschichten lebendig

„Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit an einem Ort, an dem es so viele Geschichten gab, dass die Menschen sie einfingen, zwischen Buchdeckel steckten und in Regalen stapelten, damit nicht alle durcheinanderpurzelten. Es waren so viele, dass die Menschen gar wussten, wo sie mit dem Lesen anfangen sollten. Nun sollte eine Erzählerin kommen, die sich mit solchen Dingen auskannte. Sie wollte die Geschichten aus ihren starren Buchstabenhöhlen befreien und sie lebendig werden lassen. Ganz vorsichtig, damit sie die Kinder nicht erschrecken.

Doch kurz bevor sie sich auf dem Weg nach Erkelenz machen wollte, begab es sich, dass die Frau ihre Stimme verlor. Ein gemeines kleines Ding, noch viel kleiner als ein Wichtel oder ein Däumling, hatte es sich in ihrem Hals gemütlich eingerichtet. Nur die Worte, die an ihm vorbei wollten, störten es. Es machte sich ganz breit, stellte seine Stacheln auf, kratzte und boxte, so dass sie ganz schwach und leise wurden. Das Ding trug einen komplizierten Namen. Zwar durften es seine Freunde Virus nennen — allerdings hatte es keinen einzigen Freund ...“

Mit Zertifikat

Ja, so könnte ein Märchen anfangen, das die Geschichte von Gabriele Claßen erzählt. Oder besser: eine Geschichte. Denn über Gabriele Claßen, studierte Ökotrophologin, ausgebildete Kinderpflegerin, vierfache Mutter und Großmutter, könnten viele Geschichten erzählt werden. Lieber aber erzählt sie selbst Geschichten, schließlich sie ist eine Märchenerzählerin. Dafür hat sie ein Zertifikat. Das bescheinigt ihr unter anderem, dass sie sich auskennt in Märchenkunde, Bildsprache und Symbolik, kreativ mit Märchen arbeiten kann und weiß, wie sie Mimik, Gestik und Stimme einsetzen muss.

Zwei Jahre lang hat sie an vielen Wochenenden Kurse besucht und zum Abschluss sogar eine schriftliche Hausarbeit verfasst. Das ist jetzt vier Jahre her. Seitdem hat sie schon oft ihre Metallklappdose mit allerlei märchenhaftem Zubehör gepackt und ist dorthin gegangen, wo Kinder sind. Aber auch Erwachsenen erzählt sie gerne Geschichten. Denn Märchen erklären nicht nur, wie man sich verhalten soll, sie vermitteln auch „unglaublich viel Lebensmut — und viel Trost“, sagt sie. Ihre Botschaft sei: Es geht immer weiter, für alles gibt es eine Lösung. Das tut auch Erwachsenen gut.

Mal ist das Publikum groß, wie bei der Weihnachtsfeier des VdK-Ortsverbands Wegberg, mal eher so überschaubar, dass es in ihr Wegberger Wohnzimmer passt. Meist aber legt sie ihre Märchenutensilien auf der kleinen Bühne in der Kinderbuchabteilung der Stadtbücherei Erkelenz bereit und wartet auf neugierige Kinder.

Sie ist die Nachfolgerin von Kunigunde Lucks, die 13 Jahre lang dafür gesorgt hat, dass Kinder still wurden und näher rückten, wenn Geschichtenzeit war.

Jetzt werden die Kinder ganz leise, wenn Gabriele Claßen ein paar Töne auf ihrer Kalimba, früher auch Daumenklavier genannt, spielt und singt „Erzähl, mir was, erzähl mir was, denn das macht Spaß...“.

Meist erzählt sie dann ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm oder eins von Hans-Christian Andersen oder eins von Wilhelm Hauff oder ein dänisches, norwegisches oder orientalisches Märchen oder ein Märchen aus einem anderen Winkel der Welt. Die Bücher damit füllen in ihrem Haus viele Regalwände. „Manchmal kaufe ich ein Buch nur wegen einer Geschichte“, sagt sie und lacht. Und wenn sie lacht, lacht alles mit, die Augen, die Nase, der Mund, die Hände. Die Hände sind sehr wichtig. Sie können in unsichtbaren Töpfen rühren, sich in aufgerissene Wolfsmäuler verwandeln oder es schneien lassen.

„Wenn man ein Märchen erzählen möchte, dann muss man es ,inwendig‘ können“, erklärt sie. Auswendig reiche nicht. Wenn man die Geschichte innen fühle, dann dränge sie auch nach außen und käme bei den Zuhörern an. Das ist Ganzkörperarbeit.

Die Wegbergerin liebt das Erzählen. Schon als junges Mädchen hat sie ihre Geschwister mit erfundenen Geschichten in den Schlaf geplaudert. Ihren eigenen Kindern hat sie nicht so viel erzählt, da ihr Mann häufig das Abendprogramm übernommen hat, aber ihre Enkel kommen heute oft in den Genuss einer gemütlichen Erzählstunde. Wenn, ja, wenn sie eine Stimme hat. Aber weil dies ein Märchen ist, geht es natürlich gut aus:

Ende gut, alles gut

„Die unerschrockene Erzählerin bekam von einem Mann im weißen Kittel ein Tinktürchen. Das nahm sie mutig ein. Und dann spülte sie den frechen, kratzigen Virus noch mit viel Tee und noch mehr Honig ganz glatt und weich, so dass er einfach aus ihrem Mund purzelte.

Und so konnte sie ein Körbchen mit Äpfeln nehmen, die Märchenkiste packen, ihren Metallesel mit den vier Rädern satteln und in die Bücherei kommen. Dort erzählte sie den Kindern die Geschichte von der Goldmarie und der Pechmarie und wie Frau Holle den Schnee auf die Welt bringt. Ende gut, alles gut.