Heinsberg: Letzte Demonstration gegen Karl D.

Heinsberg: Letzte Demonstration gegen Karl D.

Am ehesten waren die Demonstrationen in Randerath so etwas wie ein Kräftemessen. Es wurde geschrien, gedroht, und manchmal wurden sogar Schläge ausgetauscht. 466 Tage lang standen die Demonstranten auf der einen Seite des Zauns, auf der anderen saß der Sexualstraftäter Karl D. im Haus seines Bruders Helmut und wartete es ab.

Müsste man einen Sieger ausrufen, wären es am Ende wohl Karl und Helmut, weil die Demonstrationen jetzt ein Ende haben, am Mittwoch war die letzte.

Seit Ende Februar 2009 lebt der zwei Mal verurteilte Karl D., 58, bei der Familie seines Bruders im Heinsberger Stadtteil Randerath. D. saß insgesamt 17 Jahre und acht Monate im Gefängnis, weil er sich wiederholt auf grausame Weise an minderjährigen Mädchen verging.

Obwohl Gutachter ihm nach wie vor Gemeingefährlichkeit attestieren, gibt es nach deutschem Recht keine Möglichkeit, gegen D. eine nachträgliche Sicherungsverwahrung zu verhängen und ihn zurück ins Gefängnis zu bringen. Das hatte im Januar auch der Bundesgerichtshof in letzter Instanz bestätigt.

Deswegen wird Karl D. seit seiner Haftentlassung rund um die Uhr von der Polizei bewacht, was den Kreis Heinsberg etwa 1,2 Millionen Euro im Jahr kostet.

In Randerath waren nicht alle glücklich über die täglichen Demonstrationen, einige sagten, sie seien der einzige Grund, weshalb das Thema Karl D. medial überhaupt noch eine Rolle spielte.

Und genau das ist es, was Thomas Brauckmann gehofft hat.

Brauckmann ist von Beginn an einer der Motoren dieser Demonstrationen gewesen, er sagt, die wenigen Demonstranten in Randerath hätten für die Opfer sexuellen Missbrauchs so viel getan wie niemand zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Man habe durch die täglichen Demonstrationen eine Diskussion angestoßen, die letzten Endes auch dazu geführt habe, dass jüngst erschreckend viele Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche aufgedeckt werden konnten. Diese Sicht der Dinge ist mindestens selbstbewusst.

Am Mittwochabend sind mehr Journalisten als Demonstranten in Randerath, drei Fernsehteams, Presse, Radio. Bereitwillig lassen sich die Demonstranten interviewen. Einige sammeln diese Interviews wie Trophäen, die sie beanspruchen, weil sie auch demonstriert haben, als keine Medien zugesehen haben. Brauckmann erklärt, das ZDF sende demnächst ein Feature, in dem er eine Rolle spielt.

Ein Jahr lang waren die Demonstranten, von Weihnachten abgesehen, jeden Tag um 18 Uhr am Bahnübergang vor dem Haus der D.s. Ab 1. März dann, als die Demonstrationen medial etwas versandeten, dann nur noch mittwochs und sonntags. Und als kürzlich das Aachener Verwaltungsgericht andeutete, die Demonstrationen dürften eigentlich nur noch außer Sicht- und Hörweite von D.s Haus stattfinden, wenn sie weiter angemeldet würden, gaben sie es auf. Doch Brauckmann sagt: „Sobald wir in NRW eine neue Regierung haben, werden wir die mal besuchen. Wir bleiben am Ball.”

Isoliert im Eckhaus

Der Leiter der Randerather Grundschule, Clemens Watermeyer, möchte eigentlich gar nicht mehr über Karl D. sprechen. „Dieses Thema ist überhaupt kein Thema mehr”, sagt er, „im Ort nicht und in der Schule schon gar nicht.” Er vertraut dem Schutz des Staates, der Heinsberger Kreispolizeibehörde, es gebe keinerlei Probleme.

Er sagt: „Die Situation im Ort und in der Schule ist so, als wäre Karl D. überhaupt nicht da.”

Die Demonstranten sehen das anders. Alexander Schmitz, der Ortsvorsteher, auch. Schmitz mag auch nicht mehr so gern über Karl D. sprechen, weil er den Eindruck hat, Randerath werde auf die mit D. verbundene Problematik reduziert. Wahrscheinlich hat er sogar recht.

Aber Schmitz ist der Ortsvorsteher, natürlich äußert er sich trotzdem. Er sagt, das Thema Karl D. sei in den Köpfen der Randerather drin und ginge auch nicht mehr raus. Sicher sei die Normalität zurückgekehrt, aber dass ein Schwerverbrecher mitten im Ort lebt, das vergesse man nicht so einfach, auch wenn kaum jemand D., seinem Bruder und dessen Familie je begegnet. Sie lebt weitgehend isoliert in ihrem Eckhaus gegenüber dem Bahnübergang. Schmitz sagt: „Wenn man sich das mal überlegt: Das ist natürlich auch heftig für die Familie, so ganz ohne Kontakt in den Ort.”

Wenn man Thomas Brauckmann fragt, was nach 466 Tagen des Demonstrierens bleibe, dann muss er gar nicht lange überlegen. „Ich habe einmal in meinem Leben etwas Wichtiges getan”, sagt Brauckmann, dann zögert er doch: „Etwas Wichtiges, von dem ich keinen persönlichen Vorteil habe.” Das sei im Wesentlichen seine Motivation gewesen, sich überhaupt an den Demonstrationen zu beteiligen.

„Jetzt geht’s los”, schreit einer der Demonstranten am Mittwochabend um kurz vor 18 Uhr, so laut, dass man es fast noch in den Nachbarorten hört. Dann gehen die 15 Menschen zum Bahnübergang vor dem Haus der D.s und beginnen ihre letzte Demonstration.