Wassenberg: Lesung in der Bücherkiste

Wassenberg: Lesung in der Bücherkiste

Das Autorenduo Jörg Kremers und Gerd Sonntag las auf Einladung der Bücherkiste Wassenberg aus ihrem Roman „Also bin ich“ (Epik), einer erzählenden Literatur mit Nähe zum Epos.

Rund zwei Dutzend interessierte Besucher folgten der Einführung in ein gemeinsames Werk, welches nur „aus einer starken inneren Übereinstimmung“ entstanden sei, wie Ursula Kurzweg vom Team der Bücherkiste einführend bemerkte.

„Vier Jahre gemeinsame Arbeit und ein Jahr der Überarbeitung haben wir in diesen Roman investiert“, betonte Gerd Sonntag, Leiter der Stadtbücherei Heinsberg und in Geilenkirchen lebender Lyriker. „Der Kerninhalt unseres Romans befasst sich mit der Frage, wie Identität entsteht und geprägt wird. Das lassen wir den Leser mit unseren Hauptfiguren nachvollziehen“, beschrieb Jörg Kremers, Dozent an der VHS Heinsberg und in Heinsberg lebender philosophischer Literaturwissenschaftler.

Neben der Freude an der gemeinsamen Arbeit habe vor allem auch die verabredete Technik, wie das Geschriebene des einen durch den anderen begleitet werden sollte, eine wichtige Rolle gespielt.

Das scheint beiden Autoren gut gelungen zu sein, denn dem Leser und Zuhörer wurden keine Brüche in Sprachstil und Duktus erkennbar.

Den Leser fesselt die Beziehung des Psychologen Anselm Halverstett zu seinem Patienten Ignatius Leihandteufl, den er zufällig in Rom wiedertrifft. Halverstett ist einerseits der Profi für die menschliche Psyche, andererseits selbst unsicher in der Beziehung zu seinem Vater, sowie in vielen Alltagssituationen. Ignatius Leihandteufl, der Patient, gesteht einen Mord an seinem Bruder, den er in allen Einzelheiten schildert. Die Polizei ist überzeugt von der Tat, die der psychisch Kranke selbstsicher und überzeugend schildert. Allerdings wird die Leiche nicht gefunden.

Gibt es den Bruder überhaupt? Hat es den Mord gegeben? Wer bin ich? Warum bin ich so? Was hat mich dazu gemacht? Welche Rolle nehme ich ein, um zu sein, was ich möchte? Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen, um mich selbst zu erkennen? Wohin führt der Weg der Identitätssuche? „De la stelle a le stalle“ — von den Sternen in die Gosse oder umgekehrt — formulieren die Autoren an einer Stelle.

Die Philosophie Descartes „Ich denke, also bin ich“ wird zu einer Schnittmenge der Romanfiguren. Ein weites Feld tut sich auf für den Leser wie auch für die Autoren, die geschickt die Handlungsstränge von geschichtlichen und philosophischen Abzweigungen über komödiantische Szenen bis hin zum Thriller leiten.

Die beiden Autoren nutzen ihre sprachliche Kreativität. „Der Antichrist sei unfähig, etwas zu schaffen“ und „im Autismus des Bösen“ zeige sich, dass das Böse einsam macht.

Als Kulisse für die Handlungen der Hauptfiguren dienen Rom und der Vatikan mit seinen Kunstwerken. Die Messerattacke auf das Gemälde „La Deposizione dalla Croce“ von Caravaggio — der Riss verläuft genau durch die Kehle des von zwei Männern getragenen Leichnams Jesu — ist eine Andeutung, vielleicht auf das Schicksal, das den Anselm Halverstett erwarten könnte. Denn genau an diesem Tag der Attacke treffen sich Psychologe und Patient wieder. Und von Caravaggio wird ebenfalls behauptet, dass er als Jähzorniger zu körperlicher Gewalt geneigt habe. Er soll sogar einen Freund ermordet haben.

Dass mit diesem Roman eine feingeistige und kulturell interessante Leistung gelungen ist, dessen Ausgang für die Hauptfiguren bis zum Ende offen bleibt, wird auch in der Lesung spürbar. Mit dem fein abgestimmten Wechsel von der Stimmung über die Stimmlage gelingt den beiden Autoren mit ihren vorgelesenen Ausschnitten aus dem Roman, die Zuhörer länger als eine Stunde zu fesseln.

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