Heinsberg: „Lebenslauf fürs Leben“: Ein langer Gang für Tierschutz

Heinsberg: „Lebenslauf fürs Leben“: Ein langer Gang für Tierschutz

Ja, er hofft, dass er sich nicht allzu viele Blasen läuft, das gibt er zu und grinst. Gelegenheit, sich Blasen zu laufen, hat er reichlich. Eine mindestens 584 Kilometer lange Gelegenheit. Denn 584 Kilometer trennen Heinsberg- Oberbruch und das Brandenburger Tor in Berlin — und da will Patrick Mehr hin.

Warum er nicht einfach in einen Zug steigt? Weil er möchte, dass man ihn genau das fragt. Er will mit Menschen ins Gespräch kommen. Und eine Zugfahrt ist viel zu schnell vorbei. Zu schnell, um das zu sagen, was er sagen will, und zwar möglichst vielen Menschen. Patrick Mehr hat eine Botschaft im — nein, besser — am Gepäck, und zwar in Form eines Plakats. Darauf ist eine Schweineschnauze zu sehen, die sich durch den Holzverschlag eines Transporters drückt. „Tierleid vermeiden! Lebe vegan!“ steht darunter.

Sie hat auch ein Recht auf ein saugutes Leben, findet Patrick Mehr. Foto: imago/blickwinkel

Der 32-jährige Heinsberger beteiligt sich mit seinem ausgedehnten Spaziergang an dem Projekt „Lebenslauf fürs Leben“, das Sabine Wester gestartet hat. Die 45-Jährige hat sich bereits im April mit ihren zwei Mischlingshunden von Mönchengladbach aus nach Berlin aufgemacht. Sie läuft allerdings einen kleinen Umweg — über München. Denn sie hat sich vorgenommen, ein V durch Deutschland zu laufen. V wie vegan. Das Ziel ist eine große Kundgebung in Berlin am 18. Juni. Daran sollen sich möglichst viele Tierschutzorganisationen beteiligen.

Denn Sabine Wester ist eine Einzelkämpferin, die keine sein möchte. Sie will möglichst viele Tierschützer und Tierschutzverbände mit ihrer Aktion zusammenbringen. Ob diese sich jetzt für Haie einsetzen oder gegen Massentierhaltung, für Hunde im Ausland oder gegen Tierversuche, sie alle vereine schließlich ein Ziel, sagt sie: der Schutz der Tiere. Und wenn es nach Sabine Wester geht, auch eine Demo.

Die Neusserin hat bisher sechs Mitstreiter, die sich, so wie sie, von ihrem Heimatort aus auf den Weg gemacht haben. Jeder von ihnen ist für einen anderen Verein unterwegs. Anke Melchior ist zum Beispiel mit ihrem Hund Basco von Grenzach-Wyhen im äußersten Südwesten Deutschlands an der Schweizer Grenze gestartet. Rund 900 Kilometer hat sie vor sich. Gabi Seidensticker will 320 Kilometer mit dem Rad fahren.

Die Bremerin Marion Hörmann läuft jeden Tag mindestens eine Stunde gegen des Tierleid und Martin Hüsken aus Bremerhaven joggt jeden Tag zehn Kilometer in seiner Umgebung, manchmal auch nachts. So kommen jede Menge Kilometer zusammen. Einige laufen mit, andere ohne Hund. Das Ziel ist das Gleiche: Berlin und der Tierschutz. Auf der Facebookseite „Lebenslauf fürs Leben“ berichten sie von ihren Touren.

Mehr als 120 Stunden dauert laut Routenplaner Patrick Mehrs Gang nach Berlin. Mehr als 600 Kilometer will er schaffen. Er läuft über Bergkamen, Bocholt und Brandenburg an der Havel. Vielleicht macht er auch denn einen oder anderen Schlenker, wie nachdem, wo er eine Schlafgelegenheit findet. Er hofft, dass er möglichst oft auf einem Sofa übernachten kann. Couchbesitzer, die die Aktion unterstützen wollen, haben sich schon auf der Facebookseite des Projekts gemeldet.

Ein Zelt hat er aber für alle Fälle auch dabei. Viel zum Essen packt er nicht ein. Obst und Gemüse kauft er lieber frisch. Patrick Mehr ernährt sich vegan. Eine Lebensweise, die zum Beispiel die Albert-Schweitzer-Stiftung für die Mitwelt prima findet. Das sei gut für die Umwelt (weniger Treibhausgase, weniger Überdüngung, weniger Regenwaldrodung), gut für die Gesundheit (Veganer haben seltener Krebs, Diabetes, Herz- und Kreislaufproblemen und Übergewicht), bekämpfe den Welthunger (Tiere verbrauchen mehr Nährstoffe, als sie später Nahrung liefern) und schütze die Tiere.

Zu wenig Vitamin B12?

Patrick Mehr kennt die Argumente und auch die Gegenargumente: Das Soja ungesund sein soll, das Veganer zu wenig Vitamin B12 bekommen würden, das vegane Ernährung teuer sei, das das Töten Teil der Natur sei... Er hat sich 17 Tage Zeit genommen, sie mit neugierigen Passanten zu diskutieren.

Für ihn wiegt der tierische Grund fürs Veganertum am Schwersten. Er hat Tiere tierisch gern, aber eben nicht zum Fressen. Schon als Jugendlicher ist der Heinsberger ins Tierheim gegangen, um sich um die aussortierten Geschöpfe zu kümmern. Drei Mal war er in Rumänien und hat gesehen, wie Straßenhunde gefoltert, gequält und getötet wurden. Dann lernte er auf einer Demo von „Yes we Care“, die er in Heinsberg organisiert hat, eine Veganerin kennen. Das Datum weiß er nach genau: Es war der 18. April 2014, ein Freitag. Seit dem Tag isst er kein Fleisch mehr. Es gehe ihm besser, sagt er. Nicht nur seinem moralischem Ich. Er könne auch besser schlafen. Nur den Käse vermisse er manchmal. Zum Glück gibt es vegane Zigaretten.

Vegane Blasenpflaster

Am 1. Juni will Patrick Mehr loslaufen. Der Rucksack steht bereit, die Turnschuhe sind eingelaufen, die Wander-App aufs Smartphone geladen. Er ist bereit. Er hofft aber auf besseres Wetter. Sabine Wester hat oft in einem nassen Zelt mit nassen Klamotten kühle Nächte verbracht. Anke Melchior hat ihre besockten Füße zum Schutz in Plastiktütchen gesteckt, weil die Schuhe nicht trockneten. Patrick Mehr sind die Blasen, die er sich vermutlich laufen wird, egal. Naja, fast. Für alle Fälle gibt es ja Blasenpflaster — auch vegane.

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