Landwehrfahne als Appell an den Erhalt des Friedens

Fahnenfest in Schafhausen : Ein stoffgewordenes Stück Zeitgeschichte

Auf den Tag des Festaktes hatten der Vorstand und die zahlreichen Helfer des Heimatvereins Schafhausen hingearbeitet. In der Pfarrkirche Schafhausen wurde das Projekt um die restaurierte Landwehrfahne der Gemeinde Schafhausen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Wie die Fahne zum Mittelpunkt einer Feier wurde und ob dieses Symbol einer Epoche nichtdemokratisch geprägten Staatswesens diese Aufmerksamkeit verdiene, das stand im Mittelpunkt aller Redebeiträge.

In der gut gefüllten Kirche führte die Vorsitzende des Heimatvereins, Dr. Ursula Gellissen, durch ein umfangreiches Programm. Für die musikalische Begleitung sorgten die Kirchenmusikerin Johanna Weber an der Orgel, Luan Zimmermann (Trompete) unter Begleitung von Theo Krings von der Jugendmusikschule Heinsberg sowie der Kirchenchor St. Theresia und das Flötenensemble des Trommlercorps „Einigkeit“.

Nach der Enthüllung der Landwehrfahne durch Mitglieder des Schützenvereins Schafhausen war ein Kulturgut für alle wieder sichtbar, welches lange Jahrzehnte ein Dasein im Verborgen geführt hatte. „Gestatten Sie mir einige Bemerkungen, wie wir uns im Verein der Sache gewidmet haben.“ In seinem Beitrag erzählte Hans-Josef Heuter, Autor der Broschüre über die Landwehrfahne, in kurzen Auszügen den Weg der Fahne bis zum Festakt. Heuter habe im Herbst 2018 über die ihm zugesandten Unterlagen des ehemaligen Journalisten Willi Frenken von der Existenz der Landwehrfahne erfahren. Die habe sich zu diesem Zeitpunkt im Archiv des Begas-Hauses befunden, nachdem sie in den Kriegswirren zum Ende des 2. Weltkrieges von einem englischen Soldaten nach England mitgenommen wurde. Der habe die Fahne 1975 über die deutsche Botschaft in London an Deutschland zurückgegeben.

Das Begas-Haus habe die Fahne dann dem Heimatverein als Dauerleihgabe übergeben. Gutachterliche Expertisen hätten einen Restaurierungsbedarf ergeben. Die Finanzierung der Restaurierung sei mit Hilfestellung der Stadt Heinsberg und der Bezirksregierung Köln für beantragte Fördermittel erst möglich geworden. Die Unterstützung der Kreissparkasse und der Volksbank habe dann die restliche Lücke decken helfen. „Sie alle haben mit Sorge dafür getragen, dass ein Symbol der Zeitgeschichte unseres Heimatortes wieder im alten Glanz erscheinen kann“, betonte Heuter.

Die Recherche des Vereinsmitglieds Florian Weber im Landesarchiv in Duisburg brachte die Gründungssatzung und die Namen der Gründungsmitglieder zum Vorschein. Die dort aufgeführte humanitäre Aufgabe des Landwehrvereins in Form der Kriegsversehrtenarbeit belege mehr als die reine Verherrlichung des Kaiserreiches, betonte Heuter weiter.

„Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, können wir eine Landwehrfahne segnen? Geht das? Gerade auch in der heutigen Zeit?“, griffen Propst Markus Bruns und Pfarrer Sebastian Walde in ökumenischer Kooperation die Thematik um den Stellenwert einer „Glanz und Gloria“-Symbolik auf. Gemeinsam sei man zum Entschluss gekommen, dass dies unter folgender Berücksichtigung möglich sei: Die Fahne sei ein Zeitzeugnis für Schafhausen; der Landwehrverein habe seine soziale Aufgabe der Hinterbliebenenversorgung betont; und die Fahne möge für den Appell stehen, sich für den Erhalt des Friedens, wie er für unseren Staat seit mehr als 70 Jahren bestehe, einzusetzen.

Den Gedanken aufgreifend ergänzte Landrat Stephan Pusch in seinem Beitrag, dass mit der Rückgabe der Fahne durch den Soldaten zu vermuten sei, dass dieser mit dem ehemaligen Feind seinen Frieden machen wollte. Insofern sei einem Symbol, das für das Schwelgen in nationalen Gefühlen gestanden habe, heute auch das Verzeihen und das friedliche Miteinander zugeordnet werden dürfte. Und Bürgermeister Wolfgang Dieder formulierte im gleichen Geiste der dialektischen Interpretation einer ehemals zwiespältigen Symbolik: „Nur wer die Geschichte kennt, ist für die Zukunft gerüstet“. Die Fahne als ein Stück Zeitgeschehen zu werten, bedeute heute, dafür Sorge zu tragen, dass es dabei bleibe, dass wir in Frieden weiterleben können.

Mehr von Aachener Zeitung