Kommunikationsexpertin Dr. Kerstin Hoffmann kritisiert Innovationsstau

Sparkassen-Gespräche : Von der Verantwortung im Internet

Expertin Dr. Kerstin Hoffmann erläuterte bei den Sparkassen-Gesprächen in Erkelenz die Entwicklung der Digitalisierung. Deutschland sei ein Digitaldinosaurier, ermahnte sie unter anderem.

Die „Veränderungen des gesellschaftlichen Miteinanders“ standen im Fokus der diesjährigen Sparkassen-Gespräche. Nachdem der ehemalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach sie politisch betrachtet und Aachens Bischof Dr. Helmut Dieser sie aus christlicher Sicht unter die Lupe genommen hatte, widmete sich als letzte Referentin in diesem Jahr Dr. Kerstin Hoffmann in Erkelenz der Zukunft der digitalen Kommunikation.

Die gelernte Journalistin, studierte Geisteswissenschaftlerin und promovierte Germanistin hat in der Unternehmenskommunikation gearbeitet, an der Universität digitale Strategien gelehrt und gilt als Expertin auf diesem Gebiet.

Wie sehr und wie schnell die Digitalisierung unsere Welt verändert hat, machte der Vorstandsvorsitzende Thomas Giessing in seiner Einführung am Vergleich der Urlaubsgewohnheiten noch vor 20 Jahren und heute deutlich. Sie habe Vorteile, etwa in der Medizin oder in der Berufswelt. Hier nannte er die Videokonferenz als Beispiel. Die Digitalisierung müsse aber auch kritisch betrachtet werden; er nannte hierbei die ständige Erreichbarkeit, die zwanghafte Nutzung oder die Gefahr durch digitale Beeinflussung.

Jeder einzelne müsse heute Verantwortung zeigen, damit in der Zukunft nicht allein Wirtschaftsinteressen die Kommunikation bestimmen würden, schickte Kerstin Hoffmann ihrem Vortrag voraus. Sie sollte nach knapp einer Stunde genau an diesem Punkt auch wieder enden. Sie nahm ihre Zuhörer ebenso amüsant wie eindrucksvoll mit auf einen Ausflug in das nach langer Diktatur digital schnell aufstrebende Usbekistan oder nach China, wo schon die Bauern den Livestream nutzen. Deutschland sei dagegen ein Dinosaurier. „Wir haben einen riesigen Innovationsstau, was die Digitalisierung angeht“, sagte sie. „Und der wird uns zunehmend auf die Füße fallen, wenn wir uns wie Dinosaurier verhalten. Dann werden wir verloren gehen im globalen Wettbewerb“, lautet ihre Prognose.

Sie erklärte, dass es vom Alter abhängig sei, ob eine technologische Entwicklung als sogenannte Disruption wahrgenommen wird oder nicht. Es folgte ihre wesentliche These, dass die Technologie über die Kommunikation die Realität bestimme. Als wesentliche Entwicklungen der Zukunft sah sie die Künstliche Intelligenz. Für sie gebe es zwar weltweit keine wirklichen Kontrollinstanzen, sagte sie. „Aber ich hoffe, dass wir damit unsere Umweltprobleme in den Griff bekommen.“ Weiterhin machte sie einen Medienwandel aus mit einem unaufhaltsam schrumpfenden Printsektor und einer zunehmenden Flut von Inhalten. „Dabei kann man jedoch die letzte Ressource, die Aufmerksamkeit, nicht erweitern“, betonte sie. Schließlich bleibe die Technologie im Wandel; sie nannte den neuen Standard 5G für mobiles Internet und Mobiltelefonie. „Unser Smartphone ist nur ein Übergang“, erklärte sie. „Wir können die Technologie nicht aufhalten. Wir müssen damit umgehen.“

Zurück in der aktuellen digitalen Welt, warf sie einen Blick auf die Macht sogenannter Influencer, auf die Sozialen Medien und auf digitale Gefahren wie den Shitstorm oder Fake News. Und sie sprach eine Mahnung aus, alle Menschen mitzunehmen in die Digitalisierung. „Wenn wir die Zukunft hinkriegen wollen, müssen wir allen Jugendlichen Zugang zu Bildung und zu Technologie ermöglichen“, sagte sie. „Und der Wandel bleibt. Er wird immer schneller. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir da nur mit Mühe Schritt halten können.“

Alle Menschen seien in der digitalen Welt jedoch in gewisser Weise Influencer. „Das ist ein Begriff, den wir uns gefallen lassen müssen.“ Jeder müsse offen sein, warnte sie ausdrücklich vor „Digital-Detox“. Jeder habe jedoch zugleich eine große Verantwortung in der Nutzung digitaler Technologien. „Wir müssen uns bewusst machen, dass wir in der Hand haben, wohin sie sich entwickelt“, sagte sie. „Werte zählen, und wir müssen uns an Fakten halten, um informiert zu bleiben“, mahnte sie das journalistische „Zwei-Quellen-Prinzip“ an und forderte jeden im Saal auf, in dieser Hinsicht selbst ein Vorbild zu sein.