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Klare Nutzungszeiten helfen, einer Smartphonesucht vorzubeugen

Handysucht im Kreis Heinsberg : Gutes Smartphone, böses Smartphone?

Zwölf Jahre, nachdem das erste iPhone auf den Markt kam, sind Smartphones nicht nur nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken – sie sind omnipräsent. Das Smartphone ist Fluch und Segen zugleich. Klare Nutzungszeiten helfen, einer Handysucht vorzubeugen.

Es ist doch schon eine großartige Erfindung. Sie vereint Fotoapparat, Fernseher, CD-Player, Spielekonsole, Computer, Telefon, Wecker, Kalender und noch so viel mehr im praktischen Hosentaschenformat. Kein Wunder, dass das Smartphone einen besonderen Reiz auf die meisten Menschen ausübt.

Zwölf Jahre, nachdem das erste iPhone auf den Markt kam, sind Smartphones nicht nur nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken – sie sind omnipräsent. Beim Warten an der Ampel – ein kurzer Blick aufs Handy, die nächste Nachricht wartet schon. Beim Abendessen mit der Familie - noch eben die Mails checken, geht doch ganz schnell. Flott noch ein Foto vom gesunden Abendessen bei Facebook hochladen – die Freunde sind ja nur ein paar Klicks weit entfernt.

Der kleine Kasten in der Hosentasche kann nicht nur ganz schnell den Alltag bestimmen, er kann regelrecht süchtig machen. Handysucht ist mittlerweile eine anerkannte Krankheit. Sie trifft die junge Elterngeneration, die mit dem Smartphone erwachsen geworden ist. Vor allem aber trifft sie Jugendliche, die gegenwärtig mit all seinen Reizen aufwachsen.

Alltag erleichtert

Markus Wilmer begegnen immer häufiger Menschen, die süchtig sind nach ihrem Handy. Dem gilt es vorzubeugen. Er ist im Gesundheitsamt des Kreises für den Bereich Suchtprävention zuständig.  „Das Handy ist Fluch und Segen zugleich“, sagt er. Nichts habe den Alltag in den vergangenen Jahren so verändert und erleichtert wie das Handy. „Doch wenn man nicht aufpasst, kann man auch zum Sklaven seiner eigenen Nutzungsgewohnheiten werden. Man muss sich auch bewusst machen, dass man sich in den Möglichkeiten, die das Handy bietet, leicht verlieren kann – gerade als junger Mensch.“

Markus Wilmer ist im Kreisgesundheitsamt für die Suchtprävention zuständig. Foto: Markus Wilmer

Natürlich sei nicht jeder, der oft mit dem Display beschäftigt ist, gleich abhängig. „Wenn ein Jugendlicher einmal betrunken nach Hause kommt, dann ist er ja auch nicht gleich Alkoholkrank“, sagt Wilmer. Es sei völlig okay, auch einmal am Wochenende ein Spiel bis in die Nacht „zu daddeln“, wenn man am Montag wieder fit zur Schule ginge. Es sei nur enorm wichtig, sich selbst zu kontrollieren und auch geregelte Pausen für das richtige Leben einzulegen.  „Wir brauchen alle klare Regeln. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Jugendliche“, sagt er.

Wenn sich fast die komplette Freizeit nur noch in der virtuellen Welt abspielt, die Kinder bis spät in den Abend per WhatsApp kommunizieren, statt sich zu treffen, sich zu mit den Freunden maximal noch zu Online-Spielen verabreden, das Haus kaum noch verlassen und die sozialen Kontakte nur noch via Handy pflegen, dann ist das schon bedenklich“, sagt Wilmer. „Denn es besteht die Gefahr, dass für das reale Leben neben dem virtuellen kein Platz mehr bleibt.“

Das größte Problem: ständig in der Hosentasche, gibt es beim Smartphone - anders als beim Fernseher oder an der Spielekonsole - keine natürlichen Auszeiten mehr. „Deshalb ist es wichtig, konkrete Nutzungszeiten zu definieren“, sagt Wilmer.

Allerdings: das Verhalten der Jugendlichen, die ständig am Display hingen, dürfe man nicht verteufeln, immerhin sei das Handy bei vielen Eltern bereits zum verlängerten Arm geworden. „Eltern sollten daher eine Vorbildfunktion für ihre Kinder übernehmen“, sagt Wilmer. „Denn das, was die Eltern fasziniert, davon sind die Kinder natürlich auch gefesselt.“ Gefesselt sein, das sei völlig okay. Die Eltern müssten nur aufpassen, dass sich daraus nicht eine Sucht entwickele. Mädchen neigten eher dazu, exzessiv Social-Media zu nutzen, Jungen gerieten schneller in die Abhängigkeit von Computerspielen, hat Wilmer festgestellt.

Ein Patentrezept, um junge Menschen vor Abhängigkeit zu bewahren, gebe es allerdings nicht, sagt Wilmer. „Wir können und wollen die Smartphones ja alle nicht mehr aus unserem Leben verbannen. Für Eltern ist es wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen, selbst das Smartphone auch mal in der Tasche zu lassen und sich an die selbst definierten Nutzungszeiten zu halten. Denn wenn die Kinder sehen, dass Eltern sich selbst nicht an Regeln halten, dann wird das nichts mit der Medienerziehung bei den Kindern“, sagt Wilmer.

Darüber hinaus sollten Väter und Mütter mit ihren Kindern darüber sprechen, welche Chancen und Risiken soziale Netzwerke bieten. Denn laut aktuellen Studien wurde schon jeder dritte Jugendliche im Internet einmal angegriffen oder gemobbt. Ein weiterer Grund, vorsichtig am Smartphone zu sein und um über Geheimnisse oder heikle Themen lieber von Angesicht zu Angesicht zu sprechen – und den kleinen Kasten einfach mal in der Hosentasche zu lassen.