Kirchtürme im Brandfall kaum zu retten

Interview zur Katastrophe in Paris : Warum Kirchtürme im Brandfall kaum zu retten sind

Der Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris hat aufgezeigt, wie schwierig es ist, ein Feuer an einem solchen Gotteshaus zu löschen. Einer, der die Tücken des Feuers bestens kennt, ist Kreisbrandmeister Klaus Bodden. Wir sprachen mit ihm darüber, wie die Feuerwehren im Kreis Heinsberg einem ähnlichen Drama wie dem in Paris begegnen würden.

Was macht das Löschen einer alten Kirche im Brandfall so problematisch?

Bodden: Sicherlich kommen die Feuerwehren bei Kirchenbränden an ihre Einsatzgrenzen bezogen auf die Dimensionen und Höhen der Kirchenschiffe und der Türme. Speziell bei den Kirchtürmen, die oftmals über 30 Meter hoch sind und mit einem wirksamen Wasserstrahl nicht zu erreichen sind. Herkömmliche Drehleitern haben eine Einsatzhöhe von 23 Metern. Das war auch das Problem bei dem Brand der Notre-Dame.

Jeder Häuslebauer ist mittlerweile verpflichtet, Rauchmelder in den Räumen zu installieren. Besteht bei Kirchen, die ja immerhin ein Ort sind, an dem sich bisweilen Hunderte Menschen aufhalten können, eine Nachrüstverpflichtung in Sachen Brandsicherheit?

Bodden: Kirchen sind in der Regel Bestandsschutzbauten und genießen baurechtlich Bestandsschutz. Nachträgliche bau- und brandschutztechnische Anforderungen können somit nicht ohne Weiteres gestellt werden. Zudem verlangt der Gesetzgeber in Kirchen nicht die wiederkehrende Prüfung der Bauaufsicht. Daher sind die Kirchen für den Brandschutz und die Einhaltung der Rettungswege eigenverantwortlich.

Gehört das Löschen einer Kirche eigentlich zu den Spezialfällen, die besonders trainiert werden?

Bodden: In diesem Fall kann man gewiss von einem besonderen Einsatzszenario sprechen, das nicht trainiert werden kann, ohne beispielsweise hohe Wasserschäden zu verursachen.

Wie wäre die Herangehensweise im Ernstfall?

Bodden: Es gibt auch bei solchen Bränden einsatztaktische Vorgehensweisen. Als Erstmaßnahme gilt hier die Beurteilung der Lage. Was brennt, in welchem Umfang und wer oder was ist gefährdet? Allem voran gilt hier die Menschenrettung, in der Kirche sowie der Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche wohnen oder sich aufhalten. Der Gefahrenbereich, der sogenannte Trümmerschatten, umfasst hier den 1,5-fachen Bereich der Höhe des Gebäudes. Danach ist zu beurteilen, ob ein wirksamer Löschangriff überhaupt möglich ist oder ob man das Gebäude aufgibt und die Nachbarschaft schützt.

Unter Brandschutzgesichtspunkten sind historische Gebäude wie zum Beispiel der Selfkantdom für die Feuerwehr wahrscheinlich ein Gräuel. Der Kirchturm wäre von innen für Einsatzkräfte in voller Montur gar nicht komplett zu begehen. Welche Konsequenz hat dies?

Nicht nur oberhalb des Gewölbes wurde in den Kirchen Holz verarbeitet, vor allem im Turm, der das Uhrwerk enthält und die Glocken, fände ein Feuer reichlich Nahrung. Foto: Rainer Herwartz

Bodden: Dass man sich nicht für einen Innenangriff, sondern für einen möglichen Außenangriff zum Schutz der Feuerwehrleute entscheidet. Bei einem Vollbrand eines Kirchturmes ist die Gefahr eines Einsturzes gegeben. Das ganze Gefüge der Konstruktion wird labil. Bedingt auch durch das Eigengewicht der Kirchturmglocken.

Wäre die Zufahrt zum Burgberg überhaupt groß genug, um ein Fahrzeug mit Drehleiter durchzulassen?

Bodden: Die Zufahrt bis zur Kirche ist gesichert und eine entsprechende Aufstellfläche für die Drehleiter oder Löschfahrzeuge ist gegeben. Dies wurde von der Feuerwehr bei Übungen getestet.

Haben Sie in Ihrer langen Tätigkeit schon einmal eine Kirche löschen müssen?

Kreisbrandmeister Klaus Bodden weiß um die Besonderheiten, die der Brand einer Kirche mit sich bringt. Foto: Bodden

Bodden: Eine Kirche noch nicht, aber bei einem Brand in einer angrenzenden Sakristei war ich schon dabei.

Hand aufs Herz, gibt es im Kreis Heinsberg ein paar derartige Gebäude, die bei Ihnen im Brandfall ein mulmiges Gefühl auslösen würden?

Bodden: Es gibt immer Situationen im Leben, die man lieber hat. Aber auch bei solchen Einsätzen müssen wir die Erwartungshaltung, die man an Feuerwehrleute hat, erfüllen. Wir haben im Kreis gut ausgebildete Feuerwehrleute und Führungskräfte, die auch in solchen Situationen die richtige Entscheidung treffen und wissen, was sie tun. Selbstverständlich sind uns Grenzen gesteckt, wo wir aus Sicherheitsgründen oder weil es die Situation nicht zulässt, den Rückzug antreten und uns auf das Umfeld konzentrieren müssen.

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