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Sozialprojekt: Kiewer Bäcker dreht Film im Samocca

Sozialprojekt : Kiewer Bäcker dreht Film im Samocca

Wie unterschiedlich ist der Umgang mit behinderten Menschen in Deutschland und der Ukraine? Ein sozial engagierter Heilpädagoge aus Kiew will es genau wissen.

Es war ein Gänsehautmoment für alle Beteiligten, als sie sich in dieser Woche beim Frühstück im Lebenshilfe-Café Samocca zum ersten Mal leibhaftig gegenüberstanden, Bäcker Jürgen Dick aus Heinsberg und sein ukrainischer „Kollege“ Vladyslav Malashchenko aus Kiew. Als Dick Ende März von dem sozialen und zugleich inklusiven Engagement des gerade mal 26 Jahre alten Heilpädagogen in seinem von Krieg betroffenen Heimatland erfahren hatte, startete er zusammen mit der Lebenshilfe Heinsberg gleich eine Aktion auf zwei Ebenen.

In der einen, die immer noch läuft, bieten der Bäcker in all seinen Filialen sowie die Lebenshilfe in ihren Cafés ukrainische Buchteln an, von deren Verkaufserlös die Hälfte an Malashchenkos Bäckerei geht. Auf der anderen hatte Dick zu Sachspenden aufgerufen. So konnte bereits im Juni ein Transport nach Kiew gehen mit einem Backofen auf einem Gespann von Fahrzeug und Hänger, die ebenfalls gespendet und gefüllt waren mit einer Teigmaschine und viel weiterem Zubehör.

In Heinsberg nahm der Leiter des Projekts „Good Bread from Good People“ die Gelegenheit wahr, sich zunächst ganz herzlich für alle Spenden aus der Region zu bedanken. „Great! It´s wunderbar!“, versuchte er sich sogar in einem Dankeschön auf Deutsch. Inzwischen würden in seiner Bäckerei täglich rund 1500 Brote gebacken und dank des von der Lebenshilfe Heinsberg gespendeten Transporters kostenlos an die bedürftigen Menschen in den völlig zerstörten Ortschaften rund um Kiew sowie an die schwer vom Krieg betroffenen Einwohner im 500 Kilometer entfernten Charkiw verteilt, berichtete Malashchenko. „Wenn die Menschen auch nur Brot auf dem Tisch haben, dann haben sie zu essen“, berichtete er von der Dankbarkeit für seine Spenden.

Insgesamt 30 Menschen gibt Malashchenko in seiner Bäckerei damit Arbeit, davon 20 Menschen mit Behinderung. Derzeit ist er auf der Suche nach neuen Räumen, da es in der aktuellen Bäckerei, untergebracht in einem ehemaligen Restaurant, einfach zu wenig Platz gebe und auch die Stromversorgung einfach nicht mehr ausreichen würde, erklärte er. Inzwischen würde zudem dringend Geld benötigt, zum einen für die Grundzutaten seines Brots, vor allem für Mehl und Zucker, zum anderen aber auch, um den Mitarbeitenden in der Bäckerei einen Lohn für ihre Arbeit zahlen zu können.

Derzeit unterstützen bereits knapp 300 Menschen Malashchenko und sein Projekt als Paten mit monatlichen Spenden in Höhe von rund 3.500 Euro (goodbread.com.ua).

Aber natürlich war der junge Aktivist für ein inklusives Leben von Menschen mit Behinderung in seinem Land nicht allein nach Heinsberg gekommen, um die Lebenshilfe und die Bäckerei von Dick kennenzulernen, in der ebenfalls zwei Menschen mit Handicap beschäftigt sind. Unterwegs ist er derzeit mit einem Kamerateam.

In einem Dokumentarfilm, der schon bald auf der Plattform Netflix zu sehen sein soll, will er den Umgang von Menschen mit Behinderung im Westen Europas und in seinem Heimatland gegenüberstellen.

In seinem Land stehe nicht der Mensch, der eine Behinderung habe, im Fokus, sondern allein seine Behinderung, erklärt er den Unterschied. Das will er ändern. „Es ist Arbeit, die gemacht werden muss“, begründet er seine Motivation für so viel Engagement. Menschen mit Behinderung dürften nicht in einfachen, geschlossenen Anstalten für bis zu 500 Menschen untergebracht werden, von denen jetzt sogar wieder neue aufgebaut würden, berichtet er. „Das ist schrecklich! Nein, auch diese Menschen müssen sich fühlen dürfen wie ein Teil unserer menschlichen Gesellschaft.“

Und welche Eindrücke hat er dann von der Arbeit der Lebenshilfe in Heinsberg? „So nahe an perfekt!“, schwärmt er nach einem Besuch in den Werk- und Wohnstätten. „Diese Außenperspektive ist natürlich für uns sehr bedeutsam“, freut sich Michael Kleinen von der Lebenshilfe. Durch dieses Feedback nehme man wahr, dass alles, was hier in Deutschland schon Alltag sei, noch nicht selbstverständlich sei. „Nur 2000 Kilometer weiter sieht die Welt für Menschen mit Behinderung ganz anders aus.“

Nach dem Filmdreh im Café Samocca stand für Malashchenko zusammen mit Dick auch noch ein Besuch bei einer Fachmesse auf dem Programm. Und hier wurde der junge Ukrainer mit einer fünfstelligen Spendensumme überrascht, die sich auf der Messe aus der Versteigerung eines Backofens und aus einer zusätzlichen Geldspende eines genossenschaftlich organisierten Fachgroßhandels für Bäckereien und Konditoreien zusammensetzte.