Keyenberg: Der späte Kampf gegen die Braunkohle am Tagebau Garzweiler

Tagebau Garzweiler: Der späte Kampf gegen die Braunkohle

Braunkohlegegner in Erkelenz spüren nach den großen Protesten am Hambacher Forst Rückenwind. Am Sonntag spazieren sie durch Keyenberg. Die IG Umsiedlung sucht nach Möglichkeiten, den Tagebau aufzuhalten. Ist das im Sinne der Bewohner von Keyenberg, Kuckum und Co.? Eine Analyse.

Der Braunkohletagebau wird sich weiter in das Gebiet der Stadt Erkelenz hineinfressen. Die Orte Keyenberg, Kuckum, Berverath, Unter- und Oberwestrich werden verschwinden. Das stand jahrelang unumstößlich fest. Die Umsiedlung der Einwohner begann Ende des Jahres 2016. In Keyenberg soll sie 2023 abgeschlossen sein, in Berverath dauert sie den Planungen zufolge bis 2028. Bislang galten die Daten als Fakten, als feststehende Eckpunkte. Aktuell sehen die Gegner des Braunkohletagebaus jedoch die Chance, diese Daten wieder zur Verhandlungsmasse zu machen.

Jüngste Umfragen renommierter Meinungsforscher zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen aktuell für einen schnellen Ausstieg aus der Braunkohle ist. Die Großproteste am Hambacher Forst haben den Kohlegegnern starken Rückenwind in die Segel geblasen. Drei von vier Deutschen lehnen einer Emnid-Umfrage zufolge die Rodung des Waldes ab. Der Umfrage zufolge wollen 73 Prozent der Deutschen einen Kohleausstieg bis zum Jahr 2030 oder früher. Unter Unterstützern von CDU und SPD sind sogar mehr als 80 Prozent dafür. 46 Prozent der Bevölkerung befürworten demnach einen Kohleausstieg bis 2025. RWE plant mit einem Ende des Tagebaus Garzweiler um das Jahr 2045.

Nach der großen Aufmerksamkeit und auch daraus resultierenden Erfolgen der Kohlegegner wird der Kampf gegen den Tagebau nun offensichtlich auch wieder in Erkelenz forciert. Am Sonntag soll ein Wald- und Dorfspaziergang in Keyenberg stattfinden. Organisiert wird er unter anderem von Waldführer Michale Zobel, der in den vergangenen Monaten Tausende durch den Hambacher Forst geführt hatte. Die Erkelenzer Initiative Klimatisch hatte zuletzt dazu aufgerufen, gegen die Braunkohle als Ganze zu demonstrieren. Der Tenor: Am Hambacher Forst entscheidet sich auch die Zukunft von Garzweiler. Und am 22. Oktober veranstaltet die IG Umsiedlung eine Diskussionsveranstaltung mit BUND-Landesgeschäftsführer Dirk Jansen.

Welche Auswirkungen haben die Entwicklungen am Hambacher Forst auf den Tagebau Garzweiler? Die Kohlegegner hoffen, ihre Heimat retten zu können. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Hans Josef Dederichs von der IG Umsiedlung teilte mit, dass es dabei um neue Perspektiven für Erkelenz gehen soll: „Gibt es auch noch hier im Gebiet der Stadt Erkelenz eine Chance, den Tagebau zu stoppen? Kann RWE die energiepolitische Notwendigkeit nicht mehr begründen? Welche Möglichkeiten gibt es für Umsiedler aus Keyenberg, Kuckum, Berverath, Unter- und Oberwestrich derzeit, sich einem Verkauf an RWE zu widersetzen?“ Diese Fragen deuten darauf hin, dass Braunkohlegegner und auch ein Teil der Bewohner der Umsiedlungsorte den Kampf gegen RWE und den heranrückenden Tagebau noch nicht aufgegeben haben.

Eines ist klar: Die Braunkohlegegner wollen den Schwung nutzen, der die aktuell bundesweit geführte Debatte in die Angelegenheit bringt. Tagesschau, Anne Will, überregionale Zeitungen – so viel Öffentlichkeit hat die Braunkohledebatte lange nicht bekommen. Das wirft allerdings auch die Frage auf, ob die Demonstranten und Aktivisten den Bewohnern der Umsiedlungsorte damit einen Gefallen tun. Kommt der Protest in Erkelenz zur Unzeit? Spazieren die Kohlegegner in Keyenberg nicht einem Zug hinterher, der längst abgefahren ist? Die ersten Umsiedler der fünf Orte haben ihre neuen Häuser im Erkelenzer Norden bereits bezogen, viele weitere bauen aktuell an der neuen Existenz an einem anderen Ort. Der Protest kommt spät, reichlich spät. Zu spät?

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Ein Teil der Umsiedler hat sicher bereits mit der alten Heimat abgeschlossen. Ein Schlussstrich hilft eben oft dabei, Dinge zu verarbeiten. Andere klammern sich an jeden Strohhalm, der wieder eine Perspektive für die Dörfer am Tagebaurand eröffnen könnte.

Der Protest am Tagebau Garzweiler könnte zunehmen. Waldführer Michael Zobel spaziert am Sonntag mit anderen Kohlegegnern durch Keyenberg. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

„Auch in unseren betroffenen Dörfern gibt es Menschen, die ihre Umsiedlung weiterhin ablehnen oder denen bei der Umsiedlung ihre Lebensgrundlage genommen werden soll. Auch Menschen in den zukünftigen Tagebauranddörfern sehen die Möglichkeit, den Tagebau weiter von ihren Dörfern wegzuhalten“, teilte Dederichs mit, der selbst in Kuckum lebt und seit Jahrzehnten gegen die Kohle kämpft. Nach dem Rodungsstopp im Hambacher Forst suche man Möglichkeiten, eine gerichtliche Prüfung der Notwendigkeit des Tagebaus Garzweiler II zu erlangen.

Vielleicht sträubt sich ein Teil der Bewohner von Keyenberg, Kuckum und Co. noch immer gegen die Umsiedlung, weil die noch präsenten Bilder des sterbenden Ortes Immerath ihnen einen so großen Schrecken einjagen. Vielleicht hofft ein anderer Teil aber auch darauf, die Umsiedlung so zügig wie möglich über die Bühne zu bekommen. Damit der Schrecken ein Ende hat.

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