Spaziergang durch Keyenberg: „Keine falschen Hoffnungen machen“

Spaziergang durch Keyenberg : „Keine falschen Hoffnungen machen“

Auf großes Medieninteresse ist der historische Spaziergang durch Keyenberg gestoßen. Eingeladen hatten betroffene Bürger und zukünftige Umsiedler aus dem Ort, der älter ist als München oder Berlin.

In Keyenberg und den anderen Orten, die noch auf dem Speiseplan des Bergbaubetreibers RWE Power stehen, wurde bisher „still gestorben“. Der Fokus lag bislang besonders auf dem Hambacher Forst, wo die Auseinandersetzung zwischen Bergbaugegner und RWE immer wieder zu Zusammenstößen führt. Nun wendet sich die Öffentlichkeit auch den leisen Geschichten vom Sterben der Orte zu.

Moratorium gefordert

Mit einem derart großen Interesse hatten Ingo Bajerke und seine Mitstreiter Norbert Winzen und Christiane Heinzle nicht gerechnet, räumten sie ein, als die Kamerateams wieder weg waren. Mit einigen Interessierten ging es dann ins Keyenberger Pfarrheim, wo Antje Grothus den Fragen der Teilnehmer Rede und Antwort stand. Grothus vertritt die Region in Berlin bei der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, kurz „Kohlekommission“ genannt. Sie stammt aus Buir und kennt die Problematik aus eigener Erfahrung.

Auch wenn sie ein sofortiges Moratorium, also einen Verzicht auf die Rodungsarbeiten im Hambacher Forst sowie die Beendigung der Umsiedlungsverhandlungen mit den betroffenen Bürgern fordert, möchte sie den Menschen „keine falschen Hoffnungen machen“, wie sie betonte. Die Kommission erarbeite lediglich Vorschläge, die aber von der Politik umgesetzt werden müssten. Trotzdem appellierte sie an die Zuhörer: „Schreibt Briefe, ruft an, ladet die Kommission nach Keyenberg ein.“

„RWE rollt uns über die Füße“, hieß es aus dem Publikum. Dem Konzern sei daran gelegen, schnell Fakten zu schaffen. Dafür betreibe er auch die Politik der Aufteilung, indem er nur einzeln mit den Umsiedlern das Gespräch suche. Moderator Norbert Winzen forderte, dass eine neutrale Beratungsstelle geschaffen werden müsse.

Im Publikum war man sich nicht einig, ob die Radikalität des Widerstands im Hambacher Forst in den Umsiedlungsorten richtig sei. „Eigentlich müssten wir auf den Bäumen sitzen“, sagte eine Zuhörerin. „Hier gehen kulturelle Werte verloren.“ Durch die Zerstörung des Immerather Doms habe das Thema weltweit Aufmerksamkeit erhalten. Dies müsse genutzt werden.

Die Umsiedler sollen auf ihre Situation aufmerksam machen. Dabei könnten Keyenberg und die vier anderen Umsiedlungsorte den Hambacher Forst als Symbol für den Widerstand im Rheinischen Revier ablösen, erklärte Christopher Laumanns. Er gehört zu den Organisatoren des Klimacamps und befürchtet eine zunehmende Kriminalisierung des Widerstands im Hambacher Forst. Seiner Meinung nach stehe einem Schulterschluss der Umsiedler und der Klimaaktivisten nichts im Wege. Offene Treffen finden bereits regelmäßig zwischen einigen Gruppen statt. Ziel sind eine engere Vernetzung und die Schaffung neuer gemeinsamer Formen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe. Zum Beispiel in der juristischen Beratung.

Grothus berichtete auch von der Aktion „Die Kirche im Dorf lassen“, mit der sich Umsiedler direkt mit der Bitte an das Bistum Aachen wenden, Kirchen und Kirchenland nicht „kampflos“ aufzugeben. Das Verhalten der Kirche ist vielen Umsiedlern ein Dorn im Auge. Die Keyenberger Kirche soll schon in zwei Jahren entwidmet und damit verfrüht auch Fakten geschaffen werden. Denn ob Keyenberg und die anderen Orte überhaupt bergbaulich in Anspruch genommen würden, stehe noch in den Sternen. Hier müssten die Arbeit der Kommission und die darauf fußende Entscheidung der Bundesregierung abgewartet werden. In den Umsiedlungsgemeinden kursieren schon Gerüchte, wonach anstelle von Keyenberg ein Industriegebiet mit direkter Autobahnanbindung entstehen solle. Angesichts der Knappheit an geeigneten Flächen in der Region sei die Erschließung und Vermarktung ein lohnenswertes Geschäftsmodell.

„Es ist noch nicht zu spät“, erklärte Winzen nach einer lebhaften Diskussion. „Doch wir haben einen gewitzten Gegner, der klug taktiert.“ Einig war man sich, dass im folgenden Schritt eine neutrale Beratungsstelle für die Umsiedler geschaffen werden müsse.