Hückelhoven: Im neuen Land neue Freunde gefunden

Hückelhoven: Im neuen Land neue Freunde gefunden

Warten zerrt an den Nerven, das kennt jeder. Aber wenn die Zeit der Ungewissheit, die Tage der Erwartung und des Bangens vorüber sind, wenn das Warten ein Ende gefunden und sich am Ende alles glücklich gefügt hat — dann hat sich die Geduld gelohnt, dann sind alle Zweifel so schnell verflogen wie der Frühnebel in der Mittagssonne.

Auch für Farok Aldalady herrscht nun wieder Sonnenschein: Der 47-Jährige aus Syriens Hauptstadt Damaskus und seine Familie können seit einigen Wochen beim Abendbrot wieder vollzählig am Tisch sitzen.

Nachdem der Bauingenieur zunächst mit seinem 13 Jahre alten Sohn Abudi im März vergangenen Jahres nach einer abenteuerlichen Flucht über die Türkei, Algerien, Libyen und Italien nach Deutschland und hier über Bitburg nach Hückelhoven gekommen war, sind nun auch seine Ehefrau Hanadi und die übrigen Kinder Ranim, Muhamed, Rania, Yahia und Rasha aus Jordaniens Hauptstadt Amman in Düsseldorf gelandet.

In Hückelhoven hat die Familie Aldalady an der Rauhutstraße ein neues Zuhause gefunden.

Netzwerk aufgebaut

„Wir sind jetzt hier sehr glücklich“, sagt Vater Farok im Kreis seiner Familie. Und ja, sagt er in schon recht flüssigem Deutsch, er habe sehr viel Glück auf seiner Flucht gehabt. Auch in Hückelhoven hätte es für ihn nicht besser laufen können. Dabei blickt er auf Marlies und Heinz-Willi Schorn. Die beiden Flüchtlingspaten haben sich der Familie Aldalady vom ersten Tag an angenommen. „Als zwei von mittlerweile vielen Flüchtlingspaten in Hückelhoven haben wir ein Netzwerk aufgebaut, auf das wir unsere Hilfsbemühungen aufbauen können“, sagt Heinz-Willi Schorn.

Als Vater und Sohn Aldalady im Frühjahr des vergangenen Jahres eine Wohnung brauchten, hatte man diese schnell bei Hannelore Nüster in Doveren gefunden. Auch ein Platz in der integrativen Klasse der Hauptschule In der Schlee war für Sohn Abdubi rasch organisiert. In dieser fasste der Junge schnell Fuß. Auch für die Behandlung der Nervenverletzung an der Hand von Farok konnte im Nu ein Spezialist gefunden worden.

Hilfe gab es auch bei zahlreichen Telefonaten, die nötig waren, um Visa für die in Amman zurückgebliebenen Familienmitglieder zu bekommen. Nur auf diese Weise gelang ihnen die Ausreise nach Deutschland. Das sind nur einige Beispiele für die enorme Hilfsbereitschaft des Ehepaars.

„Was die Flüchtlingspaten leisten, würde die Möglichkeiten der Stadt übersteigen“, sagt Heinz-Josef Schmitz, der viele Jahre lang Leiter des Sozialamtes der Stadt war und nun nach seiner Pensionierung eine neue Aufgabe als Geschäftsführer der Hückelhovener Tafel gefunden hat. Auch er hat das Schicksal der Familie Aldalady vom ersten Tag an begleitet und weiß das Engagement der Schorns einzuordnen: „Ohne ihre Hilfe stünden wir jetzt nicht da, wo wir stehen“, ist er sich sicher.

Die Familie Aldalady aus Syrien — die über die Schwester von Mutter Hanadi, die seit 15 Jahren im westfälischen Minden eine gesicherte Existenz führt, den Weg aus ihrem zerstörtem Zuhause und zerbombten Heimatland die Kontakte nach Deutschland geknüpft hatte — ist nun dabei, Schritt für Schritt ihrem Leben in der neuen, aber schon nicht mehr so ganz fremden Umgebung Normalität zu geben.

Großer Wunsch: ein Studium

Die älteste Tochter Ranim besucht derzeit das Berufskolleg in Erkelenz „Das musste schnell gehen, weil sie bald 21 Jahre alt und damit volljährig wird“, sagt Marlies Schorn, die sich als ehemalige Lehrerin um den schulischen Bereich der Integration der Aldalady-Kinder kümmert. Ranim wird dort ihr Abitur machen. „Bauingenieurwesen studieren“, sagt die 20-Jährige, wenn man sie nach ihrem Berufswunsch fragt.

Abudi besucht inzwischen die Realschule in Ratheim, Rania (17) und die elfjährige Yahia gehen in die Hauptschule In der Schlee. Und das Nesthäkchen, die sechs Jahre alte Rasha, lernt momentan in der Gemeinschaftsgrundschule An der Burg das ABC.

Auch die Eltern sind keineswegs untätig. Mutter Hanadi besucht einen Integrationskurs, sie will unbedingt schnell Deutsch lernen. Das Einkaufen klappt auch so schon recht gut: „Ich kaufe allein in den Geschäften an der Parkhofstraße ein“, sagt sie auf Arabisch, Vater Farok übersetzt ins Deutsche. „Ganz Hückelhoven ist mein Freund geworden“, fügt sie lächelnd hinzu.

Die Familie fühlt sich in der Nachbarschaft an der Rauhutstraße und im Gastland Deutschland wohl. Das freut auch die beiden Flüchtlingspaten. „In dieser Familie wollen sich alle dem neuen Umfeld möglichst schnell anpassen“, sagt Marlies Schorn. „Das ist selbstverständlich etwas ganz anderes, als wenn du jemand dazu treiben musst.“

Bei allem, was für die Familie aus Syrien schon getan worden ist, gibt es noch eine ganze Menge Arbeit, die den Flüchtlingshelfern bevorsteht. „Wir müssen Farok demnächst bei der Suche nach einem für ihn geeigneten Arbeitsplatz unter die Arme greifen“, sagt Heinz-Willi Schorn. Er ist optimistisch. Schließlich sei der gelernte Bauingenieur ein „Vielkönner“.

Große Dankbarkeit

Mit dem 13 Jahre alten Muhamed, der als Kind unter Hirnhautentzündung litt und seither behindert ist, wird er zu einem arabisch sprechenden Neurologen nach Remscheid fahren um auszutesten, in welcher Einrichtung Muhamed am besten gefördert werden kann. Warum die Schorns das alles tun? „Wenn du die Dankbarkeit siehst, die du von der Familie zurück bekommst, dann fragst du nicht danach“, sagt Marlies Schorn.