Wegberg-Beeck: Im Flachsmuseum wird altes Handwerk plastisch und erlebbar

Wegberg-Beeck: Im Flachsmuseum wird altes Handwerk plastisch und erlebbar

Strahlend blau wölbt sich der Himmel über der alten fränkischen Zehntscheune, die das Beecker Flachsmuseum beherbergt. Die gute alte Zeit grüßt aus dem Fachwerkgebälk, hat sich auf dem Pumpenschwengel niedergelassen, scheint in den Ritzen der Pflastersteine eine Heimat gefunden zu haben, blüht auf in einem Dahlienbusch.

Wer sich von diesem Bild einnehmen lässt und im Museum beschauliche, still stehende Zeit erwartet, wird sein blaues Wunder erleben.

Selbst anpacken in historischer Umgebung: Kinder riffeln, brechen, schwingen, hecheln — sie machen aus Stroh Gold. Foto: Monika Baltes

Denn in den Museumsstaub haben sie kräftig hineingepustet, die Mitglieder des Beecker Heimatvereins. Neue Wege haben sie eingeschlagen, um die einstmals enge Verknüpfung zwischen Natur und Arbeit in einer dörflichen Gemeinschaft darzustellen und die Spuren alter Handwerkskunst zu verfolgen. Vom Leinsamen über die Flachspflanze bis zum fertigen Leinen spannt sich der Bogen im Museum zum Anfassen. Begreifen, staunen, lernen, erleben, fernab von Schauvitrinen und theoretischen Erklärungen, die in Jahreszahlen gipfeln.

„Rumflachsen“ und „blau machen“ dürfen an diesem Vormittag die Kinder einer Grundschulklasse, die mit Feuereifer bei der Arbeit sind. „Praxisorientierter Sachunterricht“ heißt das im Lehrplan. Aber daran denkt hier niemand. Denn eine Entscheidung muss her. Die Entscheidung, ob man denn eine Hose aus diesen harten Flachsstängeln haben möchte. „Ne, das kratzt!“, bekommt Museumsführer Georg Wimmers eine Abfuhr.

Ja, wenn das so ist, müssen eben die Ärmel hochgekrempelt werden, um den Flachs zu Leinenfäden zu spinnen. Aus Stroh Gold machen. Riffeln, brechen, schwingen, hecheln — beherzt packen die Kinder an den alten Arbeitsgeräten zu. Jetzt staubt es auch schon mal. Aber keinen Museumsstaub — Gott bewahre. Die beim Brechen und Schwingen anfallenden Holzspäne, die sogenannten Schäben, rieseln auf den Boden. Der schäbige Rest.

Dornröschen hellwach

Flachsblond ist es schon, das Bündel, aber irgendwie verheddert. Kämmen vielleicht? Richtig, ran an die Hechel. Jetzt ist der Flachs ganz weich, fühlt sich an wie Haar und kann nun zu Fäden gesponnen werden. Dornröschen geistert kurzzeitig durch das Museum. An die Sache mit der Spindel, die hundertjährige Schlafperioden auslöst, erinnern sich alle. Und sind ziemlich erleichtert darüber, dass einem klugen Erfinder das Spinnrad eingefallen ist, damit das nicht mehr passieren kann.

Wer will schon schlafen, wenn nebenan Webrahmen darauf warten, endlich in Betrieb genommen zu werden? Wie im Flug ist der Vormittag vergangen, mit interessanten Geschichten, fleißiger Hände Arbeit, ein paar Schweißtropfen auf der Stirn, fröhlichem Gelächter und einer hohen Auszeichnung. Ein Flachsdiplom bestätigt die erfolgreiche Teilnahme an der Flachsverarbeitung im Beecker Flachsmuseum. Hellgrün mit einer blauen Flachsblüte natürlich.

Es ist Nachmittag geworden und am Eingang treffen sich die Mitglieder eines Vereins, der sein Jubiläum im Flachsmuseum feiern will. Gedeckte Tische warten auf Gäste, appetitliche Kuchen warten auf Schlemmer, Kaffeemaschinen warten darauf, dass der On-Schalter gedrückt wird.

„Ich bin Friedel Wartmann“, stellt sich der Museumsführer vor. „Hergeleitet von erwarten, aufwarten, pflegen. Genau das habe ich vor.“ Da hat er die Lacher gleich auf seiner Seite. Dann greift er tief in seinen Wissensschatz mit Informationen, Herleitungen und Aufklärungen. Er lässt seine Zuhörer lachen und losprusten, staunen und stutzen. Er lässt schauen, riechen, schmecken, anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“. Hier werden die gut erhaltenen Arbeitsgeräte nicht ausgestellt, an ihnen wird gearbeitet. Friedel Wartmann packt entschlossen zu: riffeln, brechen, schwingen, hecheln — alles live und in Farbe, anschaulich und unterhaltsam.

Als er eine blonde Flachsträhne um sein — sagen wir mal lichtes — Haupthaar wickelt, weil er damit „statt wie 67 glatt wie 37 aussieht“, quietscht sein Publikum vor Vergnügen. Dabei ahnt niemand, wie groß der Witz ist, denn unter uns: Friedel Wartmann ist 89. Aber gut in Schuss. Auch diese Redensart geht — wie könnte es anders sein — auf die Flachsverarbeitung zurück.

Gekonnt spielt er mit den Besuchern, lässt mal den Groschen ganz langsam fallen und reitet in der nächsten Sekunde eine Frontalattacke. Von Verdauungsproblemen und gut Betuchten, von Feuerwehrschläuchen und alten Knackern, von Spinnern und dem richtigen Dreh — alles hat mit Flachs und Leinen zu tun und auf herzerfrischende Weise auch mit dem richtigen Leben. Vielleicht ist dies das Geheimnis dieses Museums. Die Tradition nicht nur zu verwahren, sondern mitzunehmen ins Hier und Jetzt, ins Leben.

„Himmel auf Erden“

Zumal Flachs eine hervorragende Öko-Bilanz aufweist und künftig wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Die hohe Reißfestigkeit des Materials wird derzeit vor allem bei technischen Geweben geschätzt. Etliche Lacher später entlässt der Museumsführer, der genau genommen ein Entertainer mit großem Fachwissen ist, sein begeistertes Publikum an die Kaffeetafel. „So müsste Museum immer sein“, urteilt ein Zuhörer.

Beim Verlassen des Museums ist der Himmel immer noch blau. Blau wie ein blühendes Flachsfeld. „Ein blühendes Flachsfeld sieht aus, als sei der Himmel auf die Erde gefallen“, hatte Friedel Wartmann erklärt. Der sprichwörtliche „Himmel auf Erden.“

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