Ibrahim Arslan und Candan Yilmaz-Özer sprechen am BWK

Sensibilisierung bewirken : Rassismus-Opfer in den Fokus gerückt

Ibrahim Arslan und Candan Yilmaz-Özer wurden beide Opfer von rassistischer Gewalt. Um auf das Thema aufmerksam zu machen, erzählten sie ihre Geschichte im Berufskolleg Wirtschaft des Kreises Heinsberg.

Viel zu oft stehen anstelle bei rassistischer Gewalt nicht die Opfer, sondern die Täter im Fokus der Öffentlichkeit, kritisieren Ibrahim Arslan, Brandopfer von Mölln, und Candan Yilmaz-Özer, die ihren Mann Attila Özer aufgrund der Folgen des Nagelbombenattentats in Köln verlor.

Am Berufskolleg Wirtschaft des Kreises Heinsberg in Geilenkirchen waren sie angetreten, um für das Thema zu sensibilisieren.

Nachdem die Schüler im Forum den Film „Der zweite Anschlag“ von Mala Reinhardt gesehen hatten, ein Streifen, in dem Opfer rechter Gewalt befragt und deren Perspektive aufzeigt werden, erzählten Arslan und Yilmaz-Özer aus ihrem Leben.

Zwar vermittelte der Film wichtige Fakten zu rechtsextremen Taten, konkreten Versäumnissen bei der Aufklärung und gibt den Opfern eine Stimme, doch war es eine andere Form der Betroffenheit, die die Gäste bei den rund 600 Schülern auslösten, als sie von ihren persönlichen Erfahrungen erzählten.

Ibrahim Arslan überlebte als siebenjähriger Junge in der Nacht auf den 23. November 1992 den rassistisch motivierten Brandanschlag von Mölln. Seine Oma Bahide (51 Jahre), seine Schwester Yeliz (10 Jahre) und seine Cousine Ayse (14 Jahre) kamen ums Leben. Die beiden Täter hatten 1992 in Anrufen bei der Polizei ihr rechtsextreme Gesinnung klar zum Ausdruck gebracht. Seine Großmutter Bahide kam ums Leben, als sie versuchte die anderen Kinder zu retten. Es gelang ihr, Ibrahim zu retten, indem sie ihn in nasse Handtücher wickelte und in die Küche brachte, die vom Feuer erst später erfasst wurde.

Candan Yilmaz-Özer erzählte vom Schicksal ihres Mannes Attila Özer. Er saß beim Nagelbombenattentat in Köln in der Keupstraße am  im Jahr 2004 am Fenster, als die Bombe detonierte, und bekam die meisten Zimmermannsnägel und Scherben ab. Tiefe Wunden waren über den Kopf, die Arme und den Hals verstreut. Verängstigung, Unsicherheit und Depressionen waren die Folge. 2017 starb Attila Özer an Organversagen durch zu hoch dosierte Medikamente. Dass ihr Mann verhört wurde, bevor er ärztlich versorgt wurde, ist für sie heute immer noch unfassbar. Wie beim Anschlag in Mölln kam es auch hier bei der Aufklärung nachweislich zu Behördenversagen und offensichtliche rassistische Motive wurden lange geleugnet.

Im Vorfeld hatten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich in der zurzeit am BKW befindlichen Wanderausstellung des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISSFBB) über die Opfer der Terrorzelle NSU (nationalsozialistischer Untergrund) und die Aufarbeitung der Verbrechen zu informieren. Die Ausstellung zeigt Opferbiographien, Fakten zu den Bombenanschlägen in Nürnberg und Köln sowie zu den Verbindungen neonazistischer V-Leute verschiedener Verfassungsbehörden zum Netzwerk des NSU. Auch am Ende der Ausstellung haben Angehörige der Opfer „das Wort“.

Den Opfern eine Stimme zu geben und sie in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen, ist auch Arslans und Yilmaz-Özers Botschaft. Es sei absurd, dass die Öffentlichkeit mehr Täternamen kenne als Namen der Opfer. Arslan warnt davor, in den „Täter-Opferkreislauf einzusteigen“ und Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Genauso falsch wie Vorurteile von Deutschen gegen Ausländer seien Vorurteile von Ausländern gegen Deutsche oder andere Ausländer.

Ibrahim Arslan und Candan Yilmaz-Özer riefen im Sinne eines „Empowerments“, als Gegenkonzept zu Rassismus, die Jugendlichen dazu auf, das gewaltvolle Stummmachen von Opfern zu durchbrechen und mündig und selbstbewusst zu handeln. Wenn Menschen von Diskriminierung offen berichten, können sie im besten Fall andere „empowern“, dies ebenfalls zu tun. Hierdurch entstehe ein Widerstandspotential, das Anti-Diskriminierung als grundlegende Haltung von Demokratie fördere.

Der Ablauf der Veranstaltung erlaubte genau dieses „Empowerment“. Denn die Darstellungen der Opfererfahrungen der beiden Gäste bewegte viele der Jugendlichen so stark, dass die eine oder andere Träne bei manchem Mitschüler zum Vorschein kam, sie aber vor allem mutig ihre eigenen oder beobachtete Opfergeschichten erzählten.

Neben rassistischen Erfahrungen berichteten Schüler bewegend und bewegt von Mobbingerfahrungen, Beleidigungen beim Zeigen von Zivilcourage, von Ausgrenzung wegen Behinderung, Krankheit oder Aussehen. Ein Schüler berichtete, dass er nur aufgrund seines besonders „deutschen“ Aussehens häufig in eine rechte Schublade gesteckt werde.

Seine Opfererfahrungen vor anderen zu berichten ist laut Arslan ein wichtiger Teil der Verarbeitung, da „wissende Zeugen“ das geschehene Unrecht erkennen und anerkennen würden und zu Multiplikatoren der Wahrheit werden könnten.

Arslan berichtete, dass sich durch die Aufklärungsarbeit bei Jugendlichen seine posttraumatische Belastungsstörung, die sich symptomatisch durch einen Reizhusten äußert, bessert.

Positive Auswirkungen des „Empowerments“ zeigten sich auch bei der Nachbesprechung der Veranstaltung im Klassenverband, denn auch in diesem Rahmen erzählten Schüler von weiteren Erfahrungen mit Diskriminierung, Rassismus und Mobbing und lernten einander auf einer persönlicheren Ebene kennen. Sie reflektierten hier zum Beispiel auch, inwiefern auch „spaßrassistische“ Sprache unter Ausländern gefährlich oder verletzend sein könne.

(red)
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