Heinsberg: Hunderte Kaffees flossen über seine Zunge

Heinsberg: Hunderte Kaffees flossen über seine Zunge

Fremdartig, aber Köstliches verheißend wabert die Duftwolke bereits über die obere Hochstraße. Noch bevor man das von der Lebenshilfe Heinsberg betriebene Museumscafé im Begas Haus erreicht hat, fühlt man sich magisch angezogen, will der Spur folgen und ergründen, wo er denn herkommt und vor allem, was der Grund für diesen herrlichen Nasenkitzel ist.

Hermann-Josef Fensky kennt ihn, denn er ist es, der ihn einmal in der Woche, immer montags, am Ruhetag des Cafés Samocca, entstehen lässt. Von morgens so gegen 8.30 Uhr bis in die Mittagsstunden hinein röstet er die exotischsten Kaffees aus fernen Ländern. Zwölf Sorten sind es derzeit, die exklusiv mitten im Gastraum produziert werden.

Beruflich hatte der 64-jährige Braunsrather nie etwas mit der Herstellung von Kaffee zu tun. Lange Jahre war er technischer Leiter bei der Elektrotechnik-Firma Elteba. Kaffee war für ihn letztlich nur ein Heißgetränk. Aber eines, das er sehr schätzte.

„Erstmal entstand mein Interesse am Kaffee wirklich durch das Trinken. Und dann sind da vielleicht fünf oder sechs Tassen hängengeblieben, die besonders gut schmeckten. Ich habe auf dem Markt nicht den Kaffee gefunden, den ich haben wollte. Ich trinke fast ausschließlich Espresso basierte Kaffees.“ Und weil er nicht fand, was er suchte, kaufte er sich vor rund sechs Jahren eine eigene Röstmaschine.

„Eine kleinere als diese hier“, zeigt er auf das Prachtstück im hinteren Bereich des Gastraums. „Mit der konnte man bis zu 400 Gramm auf einmal rösten.“ Heraus kamen schließlich nur etwas mehr als 300 Gramm fertiger Kaffee, was am Feuchtigkeitsverlust während des Röstvorgangs liegt. In der Röstmaschine des Samoccas lassen sich bis zu 15 Kilo Kaffeebohnen in nur einem Röstvorgang bearbeiten. Insgesamt, so sagt Fensky nicht ohne Stolz, würden hier im Monat etwa 500 Kilo hergestellt und auch verkauft.

„Ich habe irgendwann in Ihrer Zeitung gelesen, dass die Lebenshilfe die Eröffnung dieses Cafés vorhatte. Dann habe ich Edgar Johnen, den Geschäftsführer der Lebenshilfe, angerufen. Mein Ursprungsgedanke war, wenn die einen Röster haben, kann ich dem über die Schulter schauen und es zu Hause besser machen.“

Ein Besserer als Fensky selbst hätte sich aber wohl gar nicht finden lassen, denn der war mittlerweile längst zu einem absoluten Experten in Sachen Kaffee-Rösterei geworden. Mittlerweile sind ihm wohl mehrere hundert Kaffeesorten über die Zunge geflossen. „Meine Frau leidet darunter“, gibt Fensky schweren Herzens zu.

„Wenn wir in irgendeine Stadt reisen, schaue ich mir im Internet erst an, welche Kaffees es dort gibt. Und dann muss ich die auch probieren. Unsere Gäste werden schon gewarnt, mich bloß nicht auf das Thema Kaffee anzusprechen, weil das dann kein Ende nehme.“

Dabei ist es leicht, sich von Fenskys Begeisterung anstecken zu lassen, denn spannend sind seine Geschichten allemal. So zum Beispiel, wenn er von dem langsam wachsenden Urwaldkaffee schwärmt, den er aus speziellen Quellen bezieht.

„Je länger die Bohne braucht, um zu reifen, desto aromatischer wird sie“, sagt Fensky. Zum Teil bezieht er sie von den Kogi-Indianern aus Kolumbien, die durch den Verkauf ihres Kaffees ihre heiligen Stätten zurückerwerben möchten. Auch von Ichema Woman bezieht er ihn. Dabei handelt es sich um eine Organisation von verlassenen oder verwitweten Frauen aus Ruanda, die den Kaffee selbst anbauen. Auch die Akhas, ein aus Burma vertriebener Volksstamm, der jetzt im Norden Thailands lebt, sind seine Lieferanten.

„Guter Kaffee ist kein Zufall“, behauptet Fensky. Das Gewicht, die Temperatur, die Wasserqualität, der Mahlgrad und die Milch spielten dabei auch eine entscheidende Rolle. „Wenn wir die Bohnen in rund 20 Minuten rösten, ist das ein schonendes Verfahren im Gegensatz zu der Vorgehensweise bei den Großröstern, die die Bohnen in etwa vier Minuten bei 400 Grad rösten.“

Bei dem schonenden Verfahren würden keine Acrylamide erzeugt, die im Verdacht stünden, Krebs zu erregen. „Wir haben auch nicht soviel Chlorogen-Säure im Kaffee, die für das Sodbrennen verantwortlich ist.“

Die Ladenröster wie das Samocca der Lebenshilfe machen insgesamt 15 Prozent der Kaffeeröstung in Deutschland aus. „Der Rest verteilt sich auf sechs Großhersteller, denen wir ein Dorn im Auge sind.“ Die kauften denn auch schon mal gerne eine komplette Plantagenernte eines Jahres auf einen Schlag weg, um die Kleinen auszubooten.

Die Freude an der Arbeit lassen sich Hermann-Josef Fensky und die Mitarbeiter des Lebenshilfe-Cafés, die ihn tatkräftig unterstützen, aber nicht nehmen.

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