Hückelhoven/Erkelenz: Freundin nach 84 Jahren wiederentdeckt

Überraschung mit 100 : Freundin nach 84 Jahren wiederentdeckt

Die Geschichte von Else Rappenberg und Editha Schramm wäre wohl eine, die manche Fernsehschaffenden mit der Zunge schnalzen ließe. Die ehemals dicken Freundinnen haben sich zwar nicht gesucht, aber trotzdem gefunden – und das nach etwa 84 Jahren.

Menschen vor Rührung zum Weinen bringen zu können ist in der modernen Fernsehwelt mittlerweile beinahe  ebenso beliebt, wie ihnen ein schallendes Lachen zu entlocken. Ganze Formate basieren dabei vor allem auf die Wiederzusammenführung von Familienmitgliedern oder Freunden, die sich vor vielen Jahren, aus welchen Gründen auch immer, aus den Augen verloren haben. Dramatisch klingende Titel wie etwa „Julia Leischik sucht, „Vermisst“ oder gar „Verzeih mir“ verheißen dem Publikum dabei eine garantierte Überdosis Sentimentalität.

Es war schlicht der pure Zufall, dass sich die beiden alten Damen, wiedergefunden haben. Editha Schramm, geborene Rumpf, hat bereits ihr 100. Lebensjahr vollendet und Else Rappenberg, geborene Trissler, wird selbiges im nächsten Monat feiern. Im Internet hätten Mitarbeiter der Hamburger Seniorenresidenz New-Living-Home einen Bericht über die frühere Höhere Mädchenschule St. Canisius in Erkelenz gesehen, die durch einen Bombenangriff der Alliierten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges zerstört wurde.

Else Rappenberg und eine Mitschülerin hatten darin von alten Zeiten erzählt. „Ich habe Frau Schramm den Bericht vorgelesen und sie konnte sich sehr gut an die genannten Schülerinnen, aber auch die lehrenden Nonnen erinnern“, schieb der Geschäftsführer der Hamburger Einrichtung im Juli an seinen Kollegen im Evangelischen Altenzentrum Hückelhoven. Über den Leiter der Hamburger Seniorenresidenz hatte sich Editha Schramm denn auch noch bei ihrer ehemaligen Mitschülerin bedankt für deren „Mitarbeit an einem Stück Zeigeschichte“, welches somit unvergessen im Netz zu finden sei.

Auf dem reproduzierten historischen Foto aus Schultagen ist Else Rappenberg das Mädchen mit den langen Zöpfen oben rechts. Ihre Freundin Editha Schramm ist in der mittleren Reihe links zu sehen. Foto: Rainer Herwartz

Die Höhere Mädchenschule St. Canisius war im Jahr 1905 gegründet worden. Meist wurden die Mädchen von Nonnen, die als Schulschwestern vom Orden der „Armen Dienstmägde Jesu“ kamen, unterrichtet. Noch heute haben diese ihren Hauptsitz im Westerwald.

„Mit Editha und mir gingen ursprünglich 15 Mädchen in die erste Klasse der Schule. Aber zum Schluss waren wir nur noch neun, die die Mittlere Reife am Ende des Schuljahres 1934/35 abgelegt haben“, sagt Else Rappenberg. Dazu gehörte damals eben auch ihre beste Freundin Editha. „Nach der Schulzeit haben wir uns allerdings aus den Augen verloren. Ich weiß nur, dass sie nach München gegangen ist und eine Schauspielschule besucht hat. Das war denn schon Anfang des Krieges.“ Wie sich jetzt herausstellte, arbeitete Editha Schramm später als sogenannte Phonetikerin beim NDR, wo sie sich unter anderem wohl mit der Sprachschulung befasste, erzählt Else Rappenberg.

Sie selbst hatte nach der Canisiusschule noch zwei Jahre die Höhere Handelsschule besucht und im Anschluss bei der Firma Wirth, die Tiefbohrgeräte in Erkelenz herstellte, eine Anstellung gefunden. Im Krieg sei sie dann mit der kompletten Firma nach Frankfurt evakuiert worden, wo sie auch ihren ersten Mann kennengelernt habe, einen Arzt. Die Ehe dauerte jedoch nur zehn Jahre. Mit ihrem zweiten Ehemann, einem Ingenieur, der sich mit Energietechnik befasste, sei sie schließlich ins Ruhrgebiet gezogen und habe dort in einem kleinen Dorf 30 Jahre bis zum Tode ihres Mannes gelebt. „Kinder habe ich leider keine“, bedauert die Seniorin. Doch zwei Neffen und eine Nichte würden sich um sie kümmern.

Mit immerhin schon 80 Lenzen sei sie schließlich wieder nach Erkelenz gezogen, sagt Else Rappenberg, in eine Wohnung für betreutes Wohnen. Auch hier lebte sie immerhin noch 18 Jahre. Erst nachdem sie zweimal böse gestürzt war, zog sie nach Hückelhoven ins Evangelische Seniorenzentrum. Das sei kein leichter Schritt gewesen, sagt sie. Bestimmt ein Dreivierteljahr habe sie damit gehadert. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass die Schwestern hier alle sehr nett sind.“

Kleine Einkäufe sind kein Problem

Wer der fast 100-Jährigen gegenüber sitzt, kann ihr Alter kaum glauben. „Ich brauche selbst heute noch keine Brille“, sagt sie nicht ohne Stolz. Und mit ihrem Rollator erledigt sie sogar nach kleinere Einkaufe – ihr geliebtes Obst und diverse Kosmetika.

„Das habe ich auch Editha geschrieben. Ich habe zunächst mit ihr telefoniert, aber das hat überhaupt nicht geklappt. Sie hat mich so gut wie gar nicht verstanden.“ Das Gehör ihrer früheren Mitschülerin, die bereits im März ihren 100. Geburtstag feierte, spielt da offenbar nicht mehr so mit. Nach all den Jahren sei ihr auch die Stimme der Freundin sehr fremd gewesen. „Sie hat jetzt eine sehr tiefe Stimme“, sagt Else Rappenberg.

Besuchen werden die beiden betagten Seniorinnen sich sicher nicht mehr, um sich darüber auszutauschen, wie unterschiedlich ihrer beider Leben doch verlaufen ist. Das wäre einfach zu anstrengend. Wie lange ein Schriftwechsel nun wohl noch bestehen werde, wagt Else Rappenberg nicht zu sagen. Lange sicher nicht, meint sie. Das sei in ihrem Alter ja kaum möglich.

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