Hochkarätig besetztes Symposium zur restaurierten Landwehrfahne

Symposium zur Landwehrfahne : Beeindruckendes Zeugnis sozialen Zusammenhalts

Standen am Festakt-Tag des Heimatvereins Schafhausen die Fragen nach der politischen Korrektheit oder Einsegnung einer Landwehrfahne im Mittelpunkt der Einschätzung von Politik und Kirche, so gaben Referenten am zweiten Tag bei einem Symposium dazu aus wissenschaftlicher Sicht Antworten auf die Berechtigung zur Erhaltung und Bewahrung der Landwehrfahne als Kulturgut.

„Um Fahnen herum bildeten sich die Nationen der Neuzeit. Dass mit Fahnen auch Schindluder getrieben wurde, sei am Rande auch angemerkt“, erinnerte der stellvertretende Landrat Willi Paffen in seinem Grußwort zum Beginn des Symposiums an die Bandbreite der Nutzung von Fahnen.

Die Kulturanthropologin und Leiterin des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte beim LVR Rheinland Dr. Dagmar Hänel führte in ihrem Referat aus, was die Landwehrfahne zu einem Kulturgut mache und was einem Stück Stoff darüber hinaus an Bedeutungen und Geschichte zugeordnet sei.

Der Leiter des LVR-Niederrheinmuseums Dr. Veit Veltzke erläuterte die Symbolik von Krone, Adler und Germania der Landwehrfahne in dem Referat „Zur Bildsprache und historischen Einordnung der Landwehrfahne“.

Und nicht zuletzt erfuhren die Zuhörer von der Textilrestauratorin Doortje Lucassen, mit welchem Aufwand und welcher Technik die Fahne wieder hergestellt wurde.

Zum Kulturerbe habe die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, in ihren Konventionen sowohl Elemente der Alltagskultur wie auch das Immaterielle wie Rituale und Bräuche einbezogen, betonte Dr. Dagmar Hänel. „Erben ist die Weitergabe eines Objektes aus der Vergangenheit zur Nutzung in der Gegenwart mit der Zielrichtung in die Zukunft. Ihre Fahne ist auch so ein Erbstück, in das Geschichten eingeschrieben sind“, beschrieb Hänel die Einordnung der Fahne. Zur Geschichte der damals gegründeten Veteranenvereine sei relevant, dass diese eher selten zu den modern-demokratischen Kräften gehörten.

Die zweite Geschichte sei die der Mitnahme durch englische Soldaten und die Rückgabe 1975. „Heute würden wir das Restitution von Kriegsbeute nennen.“

Die dritte Geschichte sei eine vom Vergessen und Wiederfinden bis zur Restaurierung und dem Fahnenfest. Die Frage nach der Bedeutung und was durch die Verantwortlichen mit dieser Fahne erzählt werden soll, das mache aus der Fahne so etwas wie das kulturelle Erbe aus. Dazu gehöre die Geschichte von der Versöhnung, die in der Rückgabe der Fahne durch einen englischen Soldaten stecke. Nicht die unkritische Glorifizierung der Vergangenheit, welche eher ein Baustein von Nationalismus, Rassismus und völkischer Ideologie sei, sondern die Erinnerung an Leid, Trauer, Träume und Gewalt von Krieg seien oft Anlässe der Gründung von Veteranenvereinen gewesen. „Die Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Fahne fordert auch Fragen nach der Verantwortung“, formulierte Hänel einen Auftrag. In diesem Kontext könne die Fahne zu einem kulturellen Erbstück von Schafhausen werden.

In seinem Vortrag betonte Dr. Veit Veltzke die Bildsprache und die Bedeutung der Farben und Symbole wie der Krone, dem Adler und der Figur der Germania. „Erst einmal fällt auf, dass sie nicht das Grundmuster der militärischen Landwehrfahnen aufnimmt“, betonte Veltzke. Stattdessen dominiere auf der Vorderseite die zivile preußische Symbolik und die Reichssymbolik. Die zeige sich im gekrönten Staatsadler mit Zepter und Reichsapfel anstelle des militärischen fliegenden Fahnenadlers. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auf der Landwehrvereins-Fahne die Reichssymbolik dominiert, der gegenüber die preußischen Symbolelemente zurücktreten.“

Die Germaniafigur verkörpere auch eher das saturierte „Es ist erreicht“ der Bismarckschen Ära und nicht die wilhelminische „Weltpolitik“ des späten Kaiserreiches. Der Waffenschmuck zu ihren Füßen entspreche der traditionellen patriotischen Kultur und sei der Erinnerung an die Kriegserfahrung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 geschuldet. Diese habe einen großen Stellenwert für die älteren Teilnehmer und Mitglieder in den Landwehrvereinen gehabt. Die Symbole seien Belege für den traditionell bürgerlichen Charakter des Landwehrvereins Schafhausen. Mit der Kenntnis über die gesellschaftlichen Positionen der Gründungsmitglieder und der vorhanden Altersstruktur sei das soziale Engagement des Vereins zu verstehen.

„So unterstützte der Verein die Familien von verstorbenen Mitgliedern bei den Begräbniskosten und half seinen Mitgliedern bei ‚unvermutet eintretenden Unglücksfällen’, wie es in der Satzung heißt“, stellte Veltzke heraus. „So ist diese Landwehr-Vereinsfahne nicht nur ein eindrucksvolles Zeugnis der heimatlichen Erinnerungskultur, sondern auch des sozialen Zusammenhalts in der Gemeinde Schafhausen“, schloss der Referent seinen Vortrag.

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