Historischer Roman von Alwin Meisberger im Gruselgewand

Gelesen : Vom traurigen Schicksal der schauerlichen Abendmutter

Nachts, wenn die Abendmutter kommt ... sitzt man besser im Haus und liest den Schauerroman von Alwin Meisberger und seiner Tochter Bettina. Sie haben der Legende auf 271 Seiten Gesicht, Namen und Geschichte gegeben.

So könnte es gewesen sein. Naja, wenn es Hexen und Werwölfe und Geister geben würde. Aber ja, es hätte durchaus vor tausend Jahren ein Mädchen in der Gegend um Heinsberg gelebt haben können, das sich als Junge verkleidet zu seinem Liebsten aufgemacht, gegen den Willen der Eltern geheiratet und dann in der Heideburg unweit des Kitscher Bruchs gelebt hat.

Es hätte der Heilkunde mächtig und eine gute Köchin gewesen sein können. Sein Name hätte Monia sein können und es ist auch möglich, dass es drei Kinder und einen schmierigen, dicklichen und aufdringlichen Burgherrn hatte. Und ja, Monia hätte von einer verschmähten Braut verflucht worden sein können. Flüche sind ja in erster Linie Worte. Dass aus diesem Mädchen dann eine unsterbliche Geistergestalt wurde, die jahrhundertelang Kinder durch ihre hakennasige, mantelwehende, krächzende Erscheinung erschreckte, entspringt dann allerdings ausschließlich der Fantasie von Alwin Meisberger.

Der Haarener hat gemeinsam mit seiner Tochter Bettina ein Buch mit sehr viel Lokalkolorit geschrieben, das den Leser mühelos mehr als tausend Jahre zurückführt. In eine Zeit, als die Menschen in Hensberg und Juliacum und Vught, also Heinsberg, Jülich und Waldfeucht, in von Palisaden umgebenen Katen lebten, Tauschhandel betrieben und die Grenze zwischen heidnischen Bräuchen und christlichen Traditionen noch dünn war.

Das Buch „Die Abendmutter“ hat Alwin Meisberger als Hardcover-Ausgabe drucken lassen. Erhältlich ist es beim Autoren (Brauereistraße 63 in Waldfeucht-Haaren) oder nach einer seiner Lesungen. Foto: Mirja Ibsen

Ihre Idee: der Abendmutter Legende und Erlösung zu schenken. Denn über die Abendmutter ist eigentlich wenig bekannt. Im Rheinland reichte noch vor wenigen Jahrzehnten in der Regel die Erwähnung dieser Gestalt aus, um Kinder einen Grund für die rechtzeitige Heimkehr zu geben: „Pass auf, dass du zu Hause bist, bevor es dunkel wird. Du weißt ja, sonst holt dich die Abendmutter!“, mahnten die Erwachsenen. Wie diese Gestalt aussah und was sie in die Nacht hinaustrieb, das blieb der kindlichen Fantasie überlassen.

Alwin Meisberger macht mehr daraus. Er geht sogar so weit, sich eine persönliche Begegnung in der Nähe des Kitscher Bruchs mit dieser schauerlichen Spukgestalt auszumalen. Und er malt detailverliebt. In seinen Beschreibungen erkennt man den Blick des Makrofotografen, der noch versucht, den Tautropfen auf der zitternden Spinnwebe einzufangen. „Lange, schmutzige, fahlgraue Haare wehten strähnig um eine Kapuze, die sie sich tief in ihr Gesicht gezogen hatte. Unter dieser war zunächst nur ein kantiges, knochiges Kinn zu erkennen. … Als sie mich in ihrer Reichweite wähnte, versuchte sie energisch, ihren vor Schmutz starrenden, nach kaltem Moder übel riechenden Mantel über mir auszubreiten.“

So weit, so ungemütlich. Meisberger lässt die Abendmutter eine Verwandlung durchmachen und erzählen, von ihrer Kindheit, ihrer Liebe, ihrem Verlust. „Sie hatte das Liebste in ihrem Leben verloren, was man nur verlieren konnte. Wie groß musste die Traurigkeit sein, dass ihr solch großer Schmerz aus den Augen troff…“

„Die Abendmutter“, als Roman machte sich Alwin Meisberger gemeinsam mit seiner Tochter Bettina an diese sagenumwobene Geistergeschichte des Heinsberger Landes. Foto: Wilfried Schröders

Monia, alias die Abendmutter, ist die Tochter einer rassigen Schönheit aus Italien und eines Jülicher Handlungsreisenden. Die Mutter lehrt sie die Heilkunde, der Vater das Handeln. Monia verliebt sich und folgt als 15-Jährige ihrem Herzen, das sie direkt zum Brüggelchener Bolleberg führt. Das Leben ist entbehrungsreich und nicht ungefährlich, die Normannen ziehen raubend durch das Land, die Tochter des Burgherrn macht ihrem Jan schöne Augen und Kräuter können nicht jede Krankheit heilen.

Monia begegnet zweimal einer Hexe, die ihr erst eine glückliche Ehe vorhersagt und sie dann verflucht. Warum, das soll sie erst Jahrhunderte später erfahren. Und dieser Fluch bewirkt mehr als nur Worte. Zum ruhelosen Geist geworden, streift Monia auf der Suche nach ihrem Sohn nachts über das Land. Kinder scheucht sie nur zu ihrem Schutz nach Hause, und ihr fällt auch noch allerhand anderer Schabernack ein, der ihr in ihrer Geistergestalt möglich ist. Das ist die Kurzfassung. In der 271 Seiten starken Langfassung erfährt die Abendmutter auch noch die Erlösung.

„Die Abendmutter“ ist ein historischer Roman im Gruselgewand, in dem die Meisbergers viel künstlerische und historische Freiheit haben walten lassen. In der Gegend um Heinsberg ist zum Beispiel niemals Torf gestochen worden und es gab auch keine Moore. Und doch kann die Lektüre für Leser aus der Region durchaus fesselnd sein, weil die Geschichte in einer Landschaft spielt, die heute noch durchwandert werden kann.

Auch Liebhaber historischer Liebesromane kommen auf ihre Kosten mit einer verbotenen Liebe, Eifersucht und unbequemen Verehrern. Besonders stark ist der Teil, in dem das Leben auf der Heideburg beschrieben wird: das tägliche Kochen, die Feldarbeit, der fehlende Abort, der Gestank des Gerbers. Ja, so könnte es gewesen sein...

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