Gangelt: „Hin- und Weg.sehen“: Theater liefert Unterrichtsstunde in Zivilcourage

Gangelt: „Hin- und Weg.sehen“: Theater liefert Unterrichtsstunde in Zivilcourage

Nachdenklich wirkten die Gesichter der Schüler, die in der Aula der Gesamtschule Gangelt-Selfkant saßen. Vor ihnen auf der Bühne spielte sich auch einiges ab, das ihnen Stoff zum Grübeln lieferte. Das mobile Theater Theaterspiel hatte die Kulisse eines Jugendzimmers aufgebaut und brachte das Stück „Hin- und Weg.sehen“ auf die Bühne. Ein Stück für Zivilcourage, zum Nachdenken, zum Sensibilisieren.

Juli hat sich ihre politische Einstellung von ihrem Opa abgeschaut. Sie wünscht sich ein Deutschland nur mit Deutschen. Ihr T-Shirt zierte in schwarz-weiß-roten Buchstaben der Spruch „Wir sind Deutschland“. Außerdem hängt ein Banner aus der Nazi-Zeit mit der SS-Losung „Meine Ehre heißt Treue“ in ihrem Zimmer.

An ihrer Einstellung ist auch ihre Liebe zu Sem gescheitert, denn er fühlt sich in seiner Clique mit Freunden mit Migrationshintergrund wohl. Sem will aber nicht aufgeben, schließlich schienen sie früher so gut zusammenzupassen. Er will ihren Hass gegen Ausländer stoppen und Juli zum Aussteigen bewegen, merkte aber, dass bei Juli im Gedankengut einiges durcheinanderläuft.

Er selbst will so nicht weitermachen. Die dauernden Gewaltkonflikten zwischen seinen russischen Landleuten und Julis rechtsradikalen Schlägertruppen zermürben ihn. Er hat Angst um sein Leben. Doch Juli ist vom Opa gesteuert und plant für den Abend einen endgültige, gewalttätige Klarstellung in der Stadt mit Attacken auf Ausländer.

„Deine Wahrheit kostet Leben“

Da kommt überraschend Julis Schwester zu Besuch. Sie ist mit einem Afrikaner verheiratet und stolze Mutter eines kleines Sohnes. Julis Welt gerät durcheinander, zumal Schwester Vera schnell die Gesinnung ihrer Schwester erkennt. Sem versucht, Juli aufzurütteln: „Deine Wahrheit kosten Leben“, sagt Sem, und das ist nur einer der zahlreichen Sprüche, die nachdenklich machen.

So wie der von Schwester Vera, die antwortet als Jule von Würde spricht: „Um Würde brauchst Du nicht zu kämpfen, Würde hast Du.“ Julis Gedankengut ist aber nur von Hass geprägt, die grausame Geschichte mit vielen Opfern im Nationalsozialismus leugnet sie eisern und spricht von Lügengeschichten.

Im Laufe des Stückes kommt sie zwar ins Grübeln. In Rage geredet zückt sie am Ende gegen Sem die Pistole. Sie umarmen sich, da löst sich ein Schuss...

Damit endete das Stück. Die Schüler applaudieren lange. Normalerweise ist schwierig, die Schüler über zwei Schulstunden hinweg zu fesseln — den drei Schauspielern gelang es mit ihrem intensiven Spiel auf kleinem Raum eindrucksvoll.

Analyse inklusive

Und die Schüler wurden mit ihrer Nachdenklichkeit und ihren Fragen nicht allein gelassen. Im Anschluss gab es eine Nachbesprechung und Analyse des Stückes mit den drei Hauptakteuren Floriane Eichhorn (Juli), Tobias Vorberg (Sem) und Beate Albrecht (Vera). „Woran habt ihr erkannt, dass Juli rechtsradikal eingestimmt ist?“, eröffnete Beate Albrecht die kleine Diskussionsrunde.

Das T-Shirt und die Flagge waren dafür schon einmal ziemlich gute Indizien. Tobias Vorberg erklärte dann die Entstehung des SS-Banners „Meine Ehre heißt Treue“ und bot einen kleinen Ausflug in die Geschichte der Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold und erklärte, dass die Farben Schwarz-Weiß-Rot aus der Kaiserzeit stammten.

„Wir haben das Stück vor Monaten in Zwickau (Ostdeutschland) gespielt, da saßen nur deutsche Schüler in den Reihen“, erzählte Beate Albrecht nachdenklich. In Gangelt saß ihr eine Kuli-Multi-Schülergruppe gegenüber. Schulleiter Reinhold Schlimm sagte, dass allein die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Schüler auch eine Art Prävention gegen rechts an der Schule seien. „Das Thema hin- und wegsehen finde ich sehr aktuell, und hochbrisant in der heutigen Zeit.“

Es sei notwendig, dass es in der Schule aufgegriffen wird. Zum Glück spiele das Thema Rechtsradikalismus im Gangelter Schulalltag keine große Rolle. „Das hat auch damit zu tun, dass wir auf solche Themen sehr sensibel aufmerksam machen und immer wieder im Schulleben darauf achten, dass wir uns gegenseitig respektieren und den Wert der anderen auch tatsächlich sehen. Schule muss friedlich sein“, sagte der Schulleiter.

Als Gäste der Theateraufführung wurden Gangelts Bürgermeister Bernhard Tholen und Franz-Josef Stoffels von der offenen Jugendarbeit Selfkant begrüßt. Beide empfanden diese Stück als wichtigen Unterrichtsstoff. Das Theaterstück für Zivilcourage und gegen rechte Gewalt hat die Autorin Beate Albrecht mit der Aussteigerberatung Witten erarbeitet. Das Ziel ist es, Schüler für Rassismus zu sensibilisieren und aufzuklären.

(agsb)