Heinsberg/Jülich: Heinsberger Künstler war ein Poet mit Pinsel und Farben

Heinsberg/Jülich: Heinsberger Künstler war ein Poet mit Pinsel und Farben

„Ein geradezu meisterhaft aus der Zeit gefallener altmeisterlicher Maler in der Moderne!“ So charakterisiert Marcell Perse, Leiter des Museums Zitadelle in Jülich, den Künstler Gerhard Dickmeis, der Mittwoch vor genau 100 Jahren, am 4. April 1918 in Heinsberg geboren wurde. Hier verbrachte er auch seine Kindheit und Jugend. Seit seiner Ausbildung als Steinmetz lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1978 in Jülich.

Dickmeis gehörte nicht zu den bekannten und berühmten Malern, wie etwa der ebenfalls aus Heinsberg stammende Carl-Joseph Begas einer war, der seine Heimat gar international bekannt machte. Er scheute vielmehr die Öffentlichkeit, stellte nur selten aus und „vergrub“ sich lieber in sein Atelier, um zu arbeiten. Der Großteil seiner Werke befinde sich heute in regionalem Privatbesitz, weiß Perse. Viele werden aber auch heute noch in Galerien oder im Internet oft vierstellig gehandelt.

Zwei seiner Werke, beide Öl auf Leinwand, besitzt auch das Museum Zitadelle: „Der Pfeifenraucher“, ein typisch niederländisch anmutendes Interieur im Format 60 mal 50 Zentimeter, und „Die Heimkehr“, eine Strandszene mit Dünen und dort anlandenden Segelschiffen bei stürmischem Wetter im Format 140 mal 200 Zentimeter.

Trotz seiner vielfältigen Arbeiten ist heute nicht sehr viel bekannt über den Künstler, der „aus einer einfachen, aber harmonischen Familie“ stammte, wie Manfred Steinbock 1970 im Jülicher Heimatkalender in der Reihe „Künstler unserer Heimat“ über ihn schrieb. Schon als Kind habe er Zeichenstift und Malpapier über alles geliebt, heißt es da weiter. Und der Leser erfährt von einem älteren Bruder, der im Zweiten Weltkrieg in der Schlacht um Stalingrad gefallen ist.

Als der kleine Gerhard selbst sechs Jahre alt war, starb sein Vater. Die Mutter verdingte sich mit Näharbeiten, um ihren beiden Jungen einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen. Dickmeis habe immer den Wunsch gehabt, Kunstmaler oder Bildhauer zu werden, schreibt Steinbock. Doch 1932, als er die Schule verlassen habe, sei eine Vermittlung des begabten Jungen an die Kunstakademie in Düsseldorf an den geringen finanziellen Mitteln und an der damaligen politischen Lage gescheitert. „Ein willkommener Ausweg war die Lehrstelle als Steinmetz in Jülich.“

Diese Ausbildung sollte die Grundlage für sein späteres künstlerisches Wirken schaffen. Doch dieser Plan wurde durch eine Augenverletzung zunichte gemacht. 1937 bot sich Dickmeis dann jedoch die Möglichkeit, sein handwerkliches Rüstzeug durch die Ausbildung zum Plakatmaler zu vervollkommnen. Im Zweiten Weltkrieg geriet er im französischen Caen in Gefangenschaft und errang dort bei einem Wettbewerb mit seinem auf Segeltuch gemalten Bild „Das Urteil des Paris“ den ersten Preis.

Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft habe er dann nur noch das Ziel gekannt, seinen ursprünglichen Berufswunsch des Kunstmalers zu verwirklichen, so Steinbock weiter. Dabei sei er von seiner Mutter und von seiner Frau Erika unterstützt worden. „Und was vielen in dieser Zeit als unmöglich erschien, schaffte Gerhard Dickmeis.“

Oftmals seien sogar Betttücher im Tauschhandel als Leinwand erworben worden. „Gerhard Dickmeis brachte eine große Überraschung“, titelte ein Kritiker dann 1948 nach seiner Ausstellung im Jülicher Haus Hesselmann. Beachtung und Anerkennung hätten seine Gemälde auch in Düsseldorfer Kunstgalerien gefunden. Im Mai 1969 seien sie zudem im Foyer des Kölner Opernhauses in einer Vitrine ausgestellt worden.

Zahlreiche Studienreisen führten ihn nach Italien, Frankreich, Spanien und in die Niederlande. Er habe die Stimmung der Natur immer so wiedergeben wollen, „wie er sie als Künstler mit dem geistigen Auge gesehen hat“, schreibt Steinbock. Ein weiteres Ziel seiner Reisen sei aber auch gewesen, die alten und neuen Meister in den Galerien und Museen zu studieren, um dann durch beständiges Sehen, Vergleichen und Üben zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil zu finden.

Vorliebe für Genrebilder

Entwickelt habe Dickmeis dabei seine Vorliebe für Genrebilder, in denen er das schlichte bürgerliche und bäuerliche Leben beschreibe. „Den mannigfachen Hausrat und das Interieur malte er mit der gleichen Sorgfalt und Liebe wie alles, was zum Alltag einer Familie gehört.“ In seinen Gemälden spüre man einen Hauch von Poesie, von unbeschwerter Heiterkeit und „auch ahnender Gewissheit vom Ernst des Lebens“.

In der Porträtmalerei erinnere er sogar an Vorbilder aus der niederländischen und französischen Malerei. „Lebensfroh und unbekümmert, mit breiten Pinselstrichen geradezu hingehauen, erwachsen seine deftigen und urigen Gestalten“, charakterisiert Steinbock den Maler. „Hier kommt immer wieder das Talent zur Bildhauerei und die Lust am Modellieren zum Durchbruch.“

Für Steinbock ist Dickmeis ein „Malerpoet“, der sich nicht an der von den modernen Malern seiner Zeit leidenschaftlich und intensiv betriebenen Suche nach neuen Formen der künstlerischen Aussage beteiligt habe. Fernab vom Großstadtgetriebe sei sein Bestreben vielmehr immer gewesen, „in seinen Kunstwerken eine heile und gesunde Welt darzustellen“.

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