Handicap-Projekt "GIPS" in der Schule In der Schlee Hückelhoven

Handicap-Projekt : Toleranz einüben und Vorurteile abbauen

Als Manuela Deußen die 25 Schüler der 6b der Hauptschule In der Schlee fragt, kommt die Antwort fast wie aus einem Mund: Menschen mit Handicap klingt eindeutig besser als Behinderte.

Das sei auch „irgendwie respektvoller“; „behindert“, das habe immer „sowas Negatives“. Das hört Manuela Deußen an diesem milden Wintermorgen in der Hückelhovener Hauptschule natürlich gern, denn die 54-Jährige ist eine Frau mit einem Handicap: Sie wurde mit einem kleinen Genfehler geboren und leidet unter „Hereditärer spastischer Spiralparalyse“ (HSP).

Dass Manuela Deußen mit einem Handicap lebt, erkennen die Schüler eigentlich nur daran, dass sie in einem Rollstuhl in ihr Klassenzimmer gekommen ist. Und Manuela Deußen hat einige Freunde mitgebracht, die wie sie mit einem Handicap durch das Leben gehen: Alex leidet an den Folgen eines Schlaganfalls und hat zudem noch einen Herzinfarkt zu verkraften; auch Anja muss mit den Einschränkungen nach einem Schlaganfall leben; als Chris sich und seine zwei Handicaps vorstellt, hat er das Lachen der Schüler sicher: „Ich bin kleinwüchsig und ich bin Holländer.“

Chris ist wie seine gehandicapten Freunde Mitglied der Gruppe GIPS. Was diese komische Abkürzung bedeutet, erklärt Anja den Schülern: „GIPS heißt: Gehandicapte Information Projekt Schulen“. Das ist eine Organisation, die vor 28 Jahren in den Niederlanden gegründet wurde und deren Mitglieder sich zum Ziel gesetzt haben, Menschen mit Behinderung in die Gemeinschaft einzubinden.

Sie tun dies, indem sie Kinder ab dem sechsten Schuljahr erleben lassen, wie es ist, behindert zu sein. Sie gehen in die Schulen und beantworten dort alle Fragen, die Kinder so stellen, und hoffen so, Schüchternheit, Hemmungen und auch Vorurteile bei den Heranwachsenden abbauen zu können. Und sie wollen vorführen, was möglich ist in der Welt der Unmöglichkeiten eines behinderten Menschen.

Seit acht Jahren gibt es auch im Kreis Heinsberg Menschen mit einem Handicap, die als Ableger der niederländischen GIPS-Organisation Schulen besuchen. Wie jetzt die Klasse 6b in der Gemeinschaftshauptschule In der Schlee in Hückelhoven.

Sie laden die Kinder in dieser ganz besonderen „Unterrichtsstunde“ also etwa ein, mit ihnen Bücher in Brailleschrift zu lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was für blinde Menschen Alltag ist; oder sie lassen die Schüler sich in einen Rollstuhl setzen (was die Jungen sehr reizt) und so erfahren, wie viel einfacher es doch ist, wenn man sich auf zwei Beinen fortbewegen kann; mit Alex spielen die Sechstklässler Dame, ohne die Hände zu benutzen und merken, dass das ausgesprochen schwierig ist; und sie machen Erfahrung mit dem Parkinson-Simulator – für die Schüler der Klasse 6b und auch für ihren Klassenlehrer Ben Hontheim neue Erlebnisse, sehr eindringliche Einblicke.

„Wir wollen den Kindern anschaulich zeigen, wie es ist und was es heißt, mit einer Behinderung zu leben“, sagt Manuela Deußen. „Und wir wollen demonstrieren, dass im täglichen Leben miteinander immer der Mensch im Vordergrund stehen muss – egal, ob er weiß oder schwarz, dick oder dünn ist, egal, welche Religion er hat oder welche Sprache er spricht.“

Toleranz in der Schule einzuüben und in das alltägliche Verhalten einfließen zu lassen, sieht auch Bernd Jansen als wichtigstes Lernziel dieser Unterrichtsstunde. Der Hückelhovener Bürgermeister ist zusammen mit der stellvertretenden Leiterin des Sozialamtes, Andrea Kardis, („Ist das Ihre Frau?“ gehört auch zu den Fragen, die Jansen beantworten muss) in die Hauptschule gekommen, um dem Besuch der GIPS-Gruppe die gebührende Beachtung zu geben.

„Es freut mich sehr, dass so etwas heute in der Schule angeboten wird, zu meiner Schulzeit gab's sowas nicht“, sagt Jansen. Und er macht den Kindern mit Worten deutlich, dass „jeder von uns ganz plötzlich auch in so eine Situation geraten kann und von jetzt auf gleich“ mit einem Handicap leben muss. „Wir dürfen Menschen nicht mit einem Stempel versehen, wir müssen versuchen, Brücken zu bauen“, sagt der Bürgermeister, der nicht nur, aber auch, Politiker ist.

Und er verbindet das ausdrücklich mit einem großen Dank an die GIPS-Mitarbeiter, die den Weg in die Schule gesucht und gefunden haben.