Heinsberg: Gewerbe- und Verkehrsverein: Den Kunden abholen, egal wo

Heinsberg: Gewerbe- und Verkehrsverein: Den Kunden abholen, egal wo

Das angenehm warme Frühlingslüftchen, das auch durch die Stadt Heinsberg weht, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Einzelhandel generell ein kalter Hauch zu spüren ist. Nicht etwa, weil sich die Kreisstädter Händler nicht Grün sind, sondern vielmehr, weil sie sich einem zunehmend stärkeren Konkurrenzdruck aus dem Internet ausgesetzt sehen.

Beim Frühjahrsempfang stellte der Gewerbe- und Verkehrsverein den Mitgliedern jetzt ein Modell vor, das neue Wege eröffnen soll: „Buy Local“.

Dorothee Junck von „Buy Local“ erläuterte die Idee, die hinter dem Konzept steckt.

Eigens hierzu wurde Dorothee Junck aus Köln als Referentin eingeladen. Sie ist Geschäftsführerin einer Kölner Buchhandlung und zudem Gründungsmitglied bei Buy Local e.V. Deutschland. Im Vorstand betreut sie unter anderem die Aktivitäten in den sozialen Medien. Unser Redakteur Rainer Herwartz sprach mit ihr im Vorfeld der Veranstaltung.

Der Name des Vereins Buy Local steht ja für die Aufforderung, dort einzukaufen, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat, eben vor Ort. Können Sie ungefähr beziffern, wie hoch der Verlust ist, der vielen Einzelhändlern gerade durch den Kauf bei ortsfremden Internetanbietern entsteht?

Junck: Zahlen rund um 10 Prozent werden in den verschiedenen Branchen genannt. Aber natürlich ist es von Branche zu Branche unterschiedlich. Die Buchbranche ist stärker betroffen als die Optiker oder ein Feinkostladen. Menschen möchten bei Menschen kaufen — hier kann Buy Local starten. Service und Qualität, auch virtuell müssen da stimmen.

Nur mal am Rande: Wieso haben Sie sich eigentlich für ein Eichhörnchen als Maskottchen entschieden?

Junck: Der Sciurus vulgaris, auch Eichkatzerl genannt, ist ein nützliches und aktives Tier. Es sammelt und versteckt im Herbst Samen und Nüsse und vergisst bisweilen die Standorte. Die Samen treiben aus — mit Gewinn für den Garten oder den Park. Als der Verein Buy Local ins Leben gerufen wurde, fühlten sich dessen Gründer an Eichhörnchen erinnert: Sie wollen für und in der Region wirtschaften.

Sie wollen ein buntes und abwechslungsreiches Miteinander des ortsansässigen Einzelhandels, sie wollen Arbeitsplätze vor Ort sichern und dort auch Steuern zahlen, sie wollen Kunden kompetent beraten. Der rechtliche und technische Hintergrund ist: Sie können nur eine Wortbildmarke schützen lassen. Buy Local alleine können sie nicht schützen lassen. Also musste ein Tier her. Wir haben uns für das Eichhörnchen entschieden.

Der lokale Einzelhändler kämpft nun nicht nur ums Überleben gegen die Konkurrenz aus dem Netz, auch die Wettbewerber auf der grünen Wiese, die aufgrund eines meist immensen Raumvorteils mit großer Angebotsvielfalt auftrumpfen, machen ihm das Leben schwer. Lässt sich in dieser Schlacht für den inhabergeführten, kleineren Einzelhandel überhaupt Boden gut machen?

Junck: Service, Persönlichkeit, das „Tante-Emma-Laden-Gefühl“ — all das sind Argumente, die sie bei anonymen Discountern oder online nicht finden werden. Zudem wächst in der Bevölkerung auch die Verantwortung beim Kauf. Wenn Sie die grüne Wiese und die Einkaufscenter ansprechen, dann gibt es natürlich auch eine politische Verantwortung. Viele Kommunen erkennen mittlerweile, wie sie ihren Innenstädten das Wasser durch solche Projekte abgraben und denken um.

Auch in Heinsberg werden immer mal wieder Geschäftsaufgaben registriert. Gibt es eigentlich so eine Art Patent-Sortiment, das immer geht?

Junck: Wenn ich das kennen würde, würde ich mich sofort hier in Heinsberg niederlassen. Service und Sortiment sollten sich am Bedürfnis der Menschen orientieren.

Anders gefragt, welche Fehler sollten die Heinsberger vermeiden?

Junck: Das ist eine Frage, die ich in diesem Zusammenhang leider nicht beantworten kann.

Die Initiative „Buy Local“ möchte ja nicht nur Einzelhändler für sich gewinnen, sondern am Ende auch die Kunden. Wie könnte das gelingen?

Junck: Wir arbeiten an einer branchenübergreifenden Plattform. Hierzu gehören gemeinsame Onlinebestellmöglichkeiten und Bestellungen via Smartphone. Zudem wollen wir das gute Gefühl vermitteln, etwas „Buy Local“ gekauft und damit auch etwas für die Gemeinschaft getan zu haben.

Ein Aspekt in diesem Zusammenhang ist die drohende Verödung von Innenstädten. Haben Sie den Eindruck, dass dies oder das kulturelle Engagement manch Gewerbetreibender die Konsumenten in ausreichender Weise dazu bewegt, ihr Geld hier zu investieren?

Junck: Bei der drohenden Verödung der Innenstädte ist natürlich auch die Politik gefragt und die Sensibilisierung. Ist es notwendig, dass eine regionale Sparkasse Gutscheine für Amazon als Prämie ausgibt? Werden die Schulbücher vor Ort bestellt? Der Gedanke des Kreislaufs sollte konsequent zu Ende gedacht werden. Wer spendet für Schulfeste? Wer vergibt die Praktikumsplätze? Wer sponsert die Basare in Altenheimen? Amazon, Zalando und Co werden nicht angefragt.

Dass Innenstädte offenbar immer noch ihren Reiz für den Einzelhandel besitzen, zeigt sich an den großen Filialisten, die sich hier ansiedeln. Ob H&M, Müller oder MediMax — auch in der Kreisstadt ist das der Fall. Manche Geschäfte profitieren von deren Sogwirkung, andere sehen die Niederlassungen mit Sorge. Wie bewerten Sie diese Situation?

Junck: Der Mix muss stimmen. Zum ökonomischen und kulturellen Wohl einer Gemeinde trägt der Einkauf in der örtlichen Filiale eines woanders ansässigen Unternehmens gewiss mehr bei als der im Online-Versand. Im Vergleich mit einem eingesessenen Fachhändler jedoch eher weniger. Das heißt, die persönlich geführte Cafébar hat den höheren Nutzen für eine Region als Starbucks.

Wenn Sie eine Prognose wagen sollen, wie es im Hinblick auf die Heinsberger Geschäftsstruktur in der City in 20 Jahren aussieht. Was glauben Sie, wo der Weg hinführt?

Junck: Niemand kann erraten, wie sich der Kunde entwickelt. Im Moment gilt generell die Parole: den Kunden abholen, egal wo, ob in meinem Ladengeschäft oder im Netz, und mit meinen Stärken werben und ihm gerne das gute Gefühl vermitteln: Mit Deinem Kauf oder Deinem Klick bei mir hast Du auch was Gutes für Dein Umfeld getan. Ich bin nicht nur am Ort. Ich komme vom Ort.

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