Heinsberg: Getreideernte: Die Hitze stresst den Weizen

Heinsberg: Getreideernte: Die Hitze stresst den Weizen

Am Freitag konnten die Landwirte im Heinsberger Raum in Sachen Ernte eine kleine Verschnaufpause einlegen. Der Regen am frühen Morgen hatte dafür gesorgt, dass der Weizen wohl doch ein bisschen zu feucht war, um ihn zu dreschen.

Dabei sind die Bauern in Sachen Weizenernte schon im Endspurt. Bei trockener Witterung könnte am Wochenende bereits das letzte Getreide für dieses Jahr eingefahren werden. Ein Wert ist entscheidend dafür, ob ein Landwirt seinen Weizen dreschen kann oder nicht: 15,5 Prozent. Höher darf der Feuchtigkeitsanteil im Getreide nicht sein. Hohe Temperaturen und Trockenheit sorgten in diesem Sommer dafür, dass dieser Wert meist spielend leicht unterschritten wurde.

Deshalb hat Landwirt Harald Phlippen aus Heinsberg-Pütt bereits seine komplette, 15 Hektar umfassende Weizenernte eingefahren. Geerntet hat er ihn mit seinem 44 Jahre alten Mähdrescher — ein echtes Altertümchen. Trotz des hohen Alters läuft die Maschine prima. „Die Fläche, die ich bewirtschafte, bekomme ich damit bewältigt“, sagt Phlippen. Und er bleibt flexibel, denn er ist nicht auf einen Lohnunternehmer angewiesen, der nur dann mäht, wenn er Zeit hat.

Am Montag hatte Phlippen seine Felder abgeerntet, am Donnerstag das komplette Stroh eingeholt. Das lief wie am Schnürchen. Für die Ernte sind Wärme und Trockenheit eben perfekte Bedingungen. Aber fürs Wachstum?

Die Hitze hat dem Weizen schon zugesetzt, sagt Bernhard Conzen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Heinsberg. „Das Wetter war das ganze Jahr über verrückt“, sagt er. Der Winter war warm und nicht zu nass. Und die Niederschlagsmenge sei bis Anfang März auch noch normal gewesen. Und dann kamen Trockenheit und später die Hitze. „Bei 38 bis 40 Grad Celsius im Schatten steht die Hitze in den Kulturen. Wie in einem Treibhaus“, sagt Conzen. Dann könnte es dort bis zu 50 Grad Celsius heiß sein. Und das stresst die Pflanzen.

Dieser Stress wirke sich nun auf die Erträge aus. Betroffen sei aktuell besonders der „späte“ Weizen. „Dabei rechnen wir mit erheblichen Einbußen von bis zu 25 Prozent“, sagt Conzen. Die Gerste, die bereits Ende Juni bis Anfang August geerntet worden war, und der „frühe“ Weizen seien davon weniger betroffen, sagt Conzen. Als frühen Weizen bezeichnet man Getreide, das früh gesät wird, also zum Beispiel schon Mitte Oktober. Ihren Weizen sähen manche Landwirte auch noch im Dezember aus — wenn sie die letzten Zuckerrüben geerntet haben. Dann spricht man von spätem Weizen.

Harald Phlippen hatte vorwiegend frühen Weizen auf seinen Feldern. „Bei der Trockenheit habe ich gedacht, dass der Weizen fast abgestorben ist. Ich war überrascht, dass wir doch noch durchschnittliche Erträge gedroschen haben“, sagt er. Sein Ergebnis: acht bist zehn Tonnen Weizen pro Hektar. Laut Conzen liege der Spitzenwert, den man mit einem Weizenfeld erzielen könne, bei 12,5 Tonnen. Läuft es ganz schlecht, könne das Feld auch mal nur vier Tonnen hergeben. Das hänge in erster Line vom Wetter und vom Boden ab.

Die Heinsberger Landwirte haben laut Conzen nicht ganz so stark unter der Trockenheit gelitten. Besonders wenig habe es dagegen in Selfkant und Gangelt geregnet. Dort seien die Einbußen deshalb auch am größten.

Auch Heiner und Rebecca Jaeger sprechen von einer Weizenernte, die im „guten Durchschnitt“ liegt. Man könne schon gut erkennen, wo der Boden gut ist und wo nicht. Ein guter Boden speichert viel Wasser.

Heiner Jaeger bewirtschaftet Weizenfelder mit einer Größe von rund 30 Hektar. Für ihn ist wichtig, dass Gerste und Raps gute Erträge gebracht haben. Denn er hält Milchkühe und zieht Kälber groß. Die Gerste liegt bereits gemahlen in einer Halle seines Kapellchenhofes in Heinsberg-Dremmen. Sie wird demnächst an seine Tiere verfüttert. Für sein Vieh benötigt er auch jede Menge Stroh: rund 1000 große Ballen pro Jahr. „Ich möchte es den Tieren so komfortabel wie möglich machen. Ich bin überzeugt, dass sich das auszahlt. Das ist zwar mehr Arbeit, aber die nehme ich in Kauf“, sagt er.

Wegen des guten Wetters konnte Jaeger bereits fast sein ganze Stroh pressen. „Vergangenes Jahr haben wir bis in den September Stroh gepresst. Dieses Jahr werden wir in Rekordzeit fertig, weil das Wetter so gut ist“, sagt Heiner Jaeger. Und das Stroh habe eine hervorragende Qualität.

Bevor aus dem Weizen demnächst Brot und Brötchen werden, wird er erst einmal zum Großhändler gebracht. Und dort entscheidet sich, wie viel jeder Landwirt für sein Getreide bekommt. Conzen findet, dass die Preise derzeit „desolat“ sind. Rund 150 Euro pro Tonne Weizen kann man aktuell erzielen. Vergangene Woche waren es noch 160 Euro. Die Preise klettern und fallen von Tag zu Tag. Gegen diese Schwankungen versuchen sich die Landwirte abzusichern.

Die Jaegers lagern einen Teil ihrer Ernte in der eigenen Halle und schauen erst einmal, wer ihnen den höchsten Preis bietet. Und sie haben — wie viele andere Landwirte auch — bereits im vergangenen Jahr Verträge mit ihren Abnehmern geschlossen. Darin ist genau geregelt, wann sie ihren Weizen zu welchem Preis abliefern. So seien sie gegen einen Preisverfall abgesichert, sagen Rebecca und Heiner Jaeger. „Aber man weiß vorher nicht genau, ob das ein guter Preis ist“, sagen sie.

Es muss etwas übrig bleiben

Das kann auch Harald Phlippen bestätigen. Er hat für dieses Jahr einen Vertrag zu 170 Euro je Tonne abgeschlossen und einen zu 155 Euro je Tonne. Einer liegt über dem Marktpreis, einer drunter. „Man weiß nie, was kommt“, sagt er. Wenn man sich die Preisschwankungen über einen längeren Zeitraum anschaut, seien die Unterschiede noch größer. Phlippen habe bereits Weizen für 250 Euro je Tonne verkauft, in schlechten Jahren habe es schon einmal nur zehn Euro gegeben.

Bernhard Conzen findet, dass die Weizenpreise deutlich höher sein müssten: „Ab 180 Euro pro Tonne kann man davon sprechen, dass für den Landwirt etwas übrig bleibt.“