Gedenken in Wassenberg an die Reichspogromnacht

Gedenken an die Reichspogromnacht : Erinnerung an einen „schwarzen Tag der Zivilisation“

In jedem Jahr gedenken Schüler und Lehrer der Betty-Reis-Gesamtschule gemeinsam mit dem Bürgermeister und Mitgliedern des Arbeitskreises Jüdisches Leben den Geschehnissen in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Und doch war auch dieses Mal wieder etwas besonders, denn Wassenbergs Ehrenbürger Franz-Josef Breuer berichtete erstmals öffentlich von einem Erlebnis aus seiner Kindheit.

Im Alter von elf Jahren habe er gesehen, wie Juden, ganze Familien mit Kindern, von der Gestapo im Bahnhof Düren in geschlossenen Güterwaggons abtransportiert worden seien, sagte er. Der heute 88-Jährige war damals zusammen mit seinem Vater auf dem Weg zu zwei Tanten nach Köln, um ihnen Gemüse aus dem eigenen Garten zu bringen. Dabei mussten die beiden in Köln umsteigen.

Auf der anderen Seite des Bahnsteigs habe dann ein Güterzug mit geschlossenen Güterwagen gestanden, nur mit geöffneten kleinen Luken. „In diesen Luken sah ich Männer- und Frauenköpfe“, berichtete Franz-Josef Breuer. Er habe seinen Vater darauf angesprochen, aber diese habe nur gesagt: „Komm Jung, wir müssen weiter.“ Dann habe er jedoch Geschrei von Kindern gehört. „Die Gestapo kam mit ganzen Familien“, so Franz-Josef Breuer weiter. Die Familien hätten Taschen und Koffer bei sich gehabt, die Kinder ihre Puppen. „Alle mussten an uns vorbei, bis zum letzten Wagen des Güterzugs“. Dort hätten sie ihr ganzes Gepäck abgeben müssen, das dann verladen worden sei. Die Menschen seien dann in andere Güterwagen gebracht worden. „Nach kurzer Zeit fuhr der Güterzug los. Unser großes Erstaunen war, dass der letzte Wagon abgehängt wurde. Er blieb mit dem ganzen Gepäck stehen!“

Im Zug Richtung Köln habe er seinen Vater dann gefragt, warum die anderen Menschen in einem Güterzug transportiert worden seien. „Vater sagte nur, ich weiß es nicht, es ist bestimmt ein Sonderzug, der die Leute zu einem Heim bringt.“ Für ihn sei dies ein Erlebnis, dass er nicht vergessen könne, betonte Franz-Josef Breuer. „Besonders bei Veranstaltungen wie diesen kommt diese schlimme Erinnerung wieder.“ Und er stimmte mit gebrochener Stimme seinen Vorrednern zu, die bereits betont hatten, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

Von einem „schwarzen Tag der Zivilisation“ hatte in ihrer Begrüßung Hildegard Richert als Vertreterin der Schulleitung gesprochen. Es müsse verhindert werden, dass es auch heute wieder Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung gebe. Sepp Becker, Ehrenvorsitzender des Heimatvereins, ließ die Geschichte der Juden in Wassenberg noch einmal Revue passieren und erwähnte dabei auch, dass der Synagogenvorsteher 1897 zu den Gründern des Heimatvereins gehört habe. Nicht zuletzt sprach er über das jüdische Mädchen Betty Reis, das der Gesamtschule ihren Namen gegeben hat.

Karl Lieck erinnerte sich daran, wie er damals als Schüler des ersten Schuljahrs mit seiner Klasse und seiner Lehrerin die zerstörte Synagoge angeschaut habe. „Das Erlebte wurde aber im Unterricht nicht mehr besprochen“, sagte er. Die Lehrerin hatte wohl Angst, etwas Falsches zu sagen.“ Weiter trug er den Schülern des achten Jahrgangs, die ebenso wie einige Wassenberger zur Gedenkfeier gekommen waren, sein Gedicht mit dem Titel „Brandstifter“ vor.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen aus unserer Mitte gerissen werden, weil sie anders erscheinen“, erklärte Schülersprecherin Pia Schmitz. Für das, was geschehen sei, müssten sie als junge Menschen heute keine Verantwortung mehr tragen“, fuhr sie fort. „Aber wichtig ist unsere Verantwortung für die Zukunft.“ Und in dieser Zukunft solle Gleichberechtigung Realität werden, pflichtete ihr ihre Kollegin Luna Ongaro bei. „Mensch Wassenberg – Vergiss nicht! Wir sind alle Menschen“, schloss sie. Abschließend dankte Bürgermeister Manfred Winkens ihnen und allen Menschen, die zum Gedenken gekommen waren und die es aktiv mitgestaltet hatten. „Das hat uns alle sehr nachdenklich gemacht“, sagte er.

Musikalisch engagierte sich bei der Gedenkfeier der Schulchor unter der Leitung von Claudia Taube. Vorbereitet hatten die Feier mit den Schülern Koordinatorin Sabrina Gerres und der didaktische Leiter Dr. Ludger Herrmann. Mehr als 50 Schüler haben sich zu Wochenbeginn aufgemacht nach Bergen-Belsen, wo auch Betty Reis ermordet wurde. Sie nehmen dort an einer Projektarbeit zum Thema „Kinder und Jugendliche im KZ“ teil.