Gaffen, beleidigen, stören: Kreisbrandmeister beklagt Sensationslust

Gefährliche Entwicklung : Gaffer sind auch im Kreis Heinsberg ein Problem

Nicht nur in den Städten, sondern auchauf dem Land werde das Gaffen vermehrt zum Problem für Einsatzkräfte, beklagt Kreisbrandmeister Klaus Bodden. Er beklagt, dass zunehmend soziale Normen gesprengt würden.

Es ist ein Samstagnachmittag, an dem Rettungskräfte aus dem gesamten Kreis zu einem Feld zwischen der Ortschaft Berverath und der Landstraße 19 bei Kückhoven gerufen werden.

Zwei Flugzeuge der Ultraleichtflug Gemeinschaft Erkelenz sind in der Luft  zusammengestoßen. Eines der Flugzeuge gerät in Brand und brennt aus, bevor es auf dem Acker aufschlägt. Sein Pilot ist sofort tot. Der Pilot des anderen Flugzeugs liegt lebensgefährlich verletzt auf dem Feld.

  

Noch bevor die Einsatzkräfte eintreffen, sind die Ersthelfer zur Stelle – und diejenigen, die einfach zuschauen. Neugier und Sensationslust, die Faszination am Schrecklichen, treiben sie zur Unfallstelle, all die Sensationslustigen, die Gaffer. „Solche Menschen gab es schon immer. Das Phänomen des Gaffens ist uralt“, sagt Klaus Bodden, Kreisbrandmeister. Er kann keinen bestimmten Typ Mensch festmachen, der zum Gaffen neigt. „Es sind alle dabei – quer durch alle Gesellschaftsschichten. Männer und Frauen, alte und junge Leute, Menschen im Blaumann und Menschen im Anzug“, sagt Bodden. Was er jedoch ganz genau weiß: „Doch die Ausmaße, die das Gaffen inzwischen annimmt, sind neu. Das finde ich persönlich widerlich. Inzwischen  werden soziale Normen gesprengt“, urteilt er.

Nicht nur in den Städten, sondern auch bei uns auf dem Land werde das Gaffen vermehrt zum Problem für Einsatzkräfte, beklagt Bodden und erzählt weiter vom Tag des Flugzeugabsturzes. Er schildert, wie zwei Männer im Sprint über das Feld rennen. „Man muss sich vorstellen, dass man bis zur Unfallstelle, sieben- oder achthundert Meter von der Straße aus über den Acker laufen musste“, sagt er. Er erzählt, wie die Männer völlig außer Atem die Handys zuckten, Fotos und Videos machten. Wie immer mehr Menschen kamen – und später sogar eine Dröhne über der Absturzstelle kreiste. Die Skrupellosigkeit der schamlosen Gaffer empört den Feuerwehrmann. Und diese Geschichte sei wahrlich kein Einzelfall.

Was die Menschen zu solch einem Handeln treibt, das kann Klaus Bodden nicht erklären, sondern nur vermuten. „Mit dem Smartphone in der Tasche und Facebook in den Apps kann sich jeder fühlen wie ein Live-Reporter. Ziel dieser Menschen ist es, auf Facebook geliked zu werden und damit Aufmerksamkeit zu bekommen“, wagt er einen Erklärungsversuch. In einer Zeit der Selbstinszenierung, in der bei vielen jedes Essen fotografiert in die sozialen Medien hochgeladen werde, werde die Sensationslust und damit auch das Gaffen offenbar erheblich verstärkt, glaubt der Kreisbrandmeister.

Und durch diesen neuen Zeitgeist würden auch die Rettungskräfte zum Umdenken gezwungen, bemängelt Bodden. Denn Einsatzleiter müssten routinierte Abläufe verändern. „Die Führung und Koordination aller Kräfte ist die vorrangige Aufgabe des Einsatzleiters. Er legt eine Taktik fest, wie vorzugehen ist“, sagt Bodden. Inzwischen sei es aber so, dass der Einsatzleiter in einem der ersten Schritte die betroffenen Personen vor den Blicken der unbeteiligten, neugierigen Menschen schützen müsse. „Da muss man dann wichtige Einsatzkräfte – manchmal sogar sechs Personen und mehr – dafür abstellen, dass sie Decken festhalten und die Opfer  damit abschirmen. Und dann weitere Rettungskräfte, die die Schaulustigen zurückdrängen – und die werden dann oft auch noch beleidigt und angegriffen“, ärgert sich der Kreisbrandmeister.

Auch die Polizei im Kreis Heinsberg kennt das Problem des Gaffens. „Allerdings war es bei uns im Kreis bisher noch nicht so, dass Polizisten angegriffen oder beleidigt wurden“, sagt Polizeisprecherin Angela Jansen.

Besonders hilfreich für die Einsatzkräfte haben sich 2,10 Meter hohen, mobile Sichtschutzwände erwiesen. Die sind aber groß und sperrig und gehören deshalb nicht zur Grundausstattung der Feuerwehren im Kreis Heinsberg, sondern müssen je nach Einsatzlage beim Landesbetrieb Straßenbau (Straßen.NRW) angefordert werden. Vor allem bei Unfällen auf der Autobahn sollen die mobilen Sichtschutzwände einen Stau auf der Gegenfahrbahn vermeiden – weil den Neugierigen die Sicht auf die Unfallstelle versperrt wird. „Damit schützt man die Fahrer auf der Gegenfahrbahn. Vor allem aus Pietätsgründen, um Opfer zu schützen, werden die Wände häufig eingesetzt“, sagt Norbert Cleve von der Autobahnniederlassung bei Straßen.NRW.

Bodden würde sich jedoch wünschen, dass auch die Feuerwehren im Kreis über diese Wände verfügten. Denn bis die Wände vor Ort seien, verginge wieder einige Zeit, in der man die Opfer mit Decken abschirmen müsse. „Die Beschaffung und das Aufstellen nehmen tatsächlich  einige Zeit in Anspruch. Darum werden die Sichtschutzwände nur bei sehr dramatischen Unfällen mit längeren Bergungsarbeiten eingesetzt“, sagt Norbert Cleve.

Dass manche Kommunen im Kreis Heinsberg nun mit dem Gedanken spielen, technisch aufzurüsten, begrüßt der Kreisbrandmeister Klaus Bodden. In Heinsberg, so heißt es aus dem Ordnungsamt, spiele man mit dem Gedanken, bei der nächsten Anschaffung eines Feuerwehrfahrzeugs auf das Problem einzugehen und das Fahrzeug mit mobilen Sichtschutzwänden auszustatten. Man müsse auf das Phänomen, dass immer mehr Auto-, vor allem aber Lastwagenfahrer mit ihren Smartphones Bilder von Unfällen und Unfallopfern machten, reagieren, sagt ein Mitarbeiter der Stadt auf Anfrage. 

Durch die Größe der Wände müssten dann aber auch Fahrzeuge in größeren Dimensionen angeschafft werden, was zu Mehrkosten führe.

Dass mobile Sichtschutzwände eine Hilfe sind, nicht aber die Lösung des Problems, weiß auch Klaus Bodden. Erst vor kurzem hat er erlebt, dass bei einem schweren Verkehrsunfall auf einer Autobahn im Kreis Heinsberg, bei dem es auch Tote gab, ein LKW-Fahrer auf das Dach seines Lastwagens gestiegen sei und von dort aus über die Sichtschutzwand hinweg gefilmt habe.

Schärfere Gesetze, so glaubt Bodden, helfen da nicht. „Die Polizei hat an einem Unfallort zunächst Wichtigeres zu tun, als die Personalien von Schaulustigen aufzunehmen“, sagt Bodden.

Für Klaus Bodden gibt’s nur eines, was wirklich hilft: ein Umdenken der Menschen, mehr Empathie mit den Opfern und mehr Respekt für sie. Das versucht er auch in den eigenen Reihen umzusetzen. „Auch bei der Feuerwehr haben wir an alle Wehrleute noch einmal den Appell gerichtet, das Handy in der Tasche zu lassen – denn bedauerlicherweise haben auch bei uns gelegentlich manche Kameraden auf den Auslöser gedrückt“, deutet Bodden auch schwarze Schafe bei den Wehrleuten an.

Er appelliert an die Gaffer, sich vorzustellen, das Opfer sei man selbst oder ein Familienmitglied, das vollkommen hilflos ist und oft auch unbekleidet, und sich dagegen nicht wehren könne, angestarrt, fotografiert und gefilmt zu werden. „Keiner möchte in einer Notsituation von hunderten Gaffern beglotzt oder fotografiert werden. Das sollte jeder, der gafft, bedenken“, sagt Bodden.

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