Frauenhaus: Eine sichere Festung für Frauen im Kreis Heinsberg

Frauenhaus : Eine sichere Festung für Frauen im Kreis Heinsberg

Das Frauenhaus des Kreises Heinsberg ist umgezogen. Am neuen Standort soll es leichter werden, ein neues Leben aufzubauen. Die Gewaltspirale zu durchbrechen, ist aber schwer.

Das kleine Mädchen hat eine Spielzeugpistole in der Hand und hält damit fünf Jungs im Kindergartenalter quer durch den Gemeinschaftsraum in Schach. Das Spiel, das die Kinder spielen, heißt Krieg, und es ist eins, das sie gut kennen. Für sie und ihre Mütter war Krieg oft bittere Realität – erst in ihrem Heimatland, später im sicheren Deutschland beim Leben mit dem brutalen Ehemann und Vater.

Nun herrscht Frieden – aber keine Ruhe. Denn das vorläufige Zuhause der Kinder und ihrer Mütter, in dem sie versuchen, ihre Traumata zu verarbeiten, ist das Frauenhaus des Kreises Heinsberg. „Hier herrscht nie Ruhe. Wir sind fast immer voll belegt. Allein in diesem Jahr mussten wir schon 20 Frauen an andere Frauenhäuser verweisen“, sagt Silvia Lenzen. Sie leitet das Frauenhaus, das in einer Stadt im Kreis Heinsberg liegt. Wo genau, das wird vor der Öffentlichkeit verborgen, damit die persönlichen Despoten und Tyrannen der Frauen sie nicht finden und sie zurückholen.

Seit 28 Jahren gibt es im Kreis Heinsberg diese Zufluchtsstätte, die Frauen, die von physischer und psychischer  Gewalt durch Ehemänner, Partner, Brüder oder Väter bedroht oder betroffen sind, geschützten Wohnraum, Unterstützung, Hilfe und Beratung bietet. Bis vor wenigen Monaten befand sich das Frauenhaus am Waldrand in Wassenberg-Birgelen, weit entfernt von jeder Polizeidienststelle, mit schlechter Infrastruktur und zu abgelegen, als dass die Frauen ihren Alltag wieder problemlos selbst in die Hand nehmen konnten.

Nun ist das Frauenhaus, das sich in Trägerschaft des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer (SKFM), Region Heinsberg, befindet, umgezogen. „Die Frauen müssen in der Lage sein, ihr eigenes Leben weiterzuleben – und hier haben sie dazu deutlich bessere Chancen“, sagt Silvia Lenzen.

Sie und ihr fünfköpfiges Team aus Sozialarbeiterinnen und Pädagogen leisten bei den Frauen und ihren Kindern Hilfe zur Selbsthilfe. Das Dach über dem Kopf für maximal acht Frauen und ihre Kinder stellt der SKFM und gibt ihnen durch die Kameraüberwachung des Geländes ein Gefühl von Sicherheit. Das Leben wieder in die Hand nehmen und den Teufelskreis aus Gewalt und Abhängigkeit durchbrechen, das müssen die Frauen mit Unterstützung von Silvia Lenzen und den Sozialarbeiterinnen Sandra Hall und Clarisa Behr selbst. „Doch das ist schwer, sehr schwer sogar“, sagt Sozialarbeiterin Clarisa Behr.

Die Frauen, die im Frauenhaus eine Zufluchtsstätte suchen, kommen aus allen sozialen Schichten und den verschiedensten Herkunftsländern. Doch, das räumt Silvia Lenzen ein, ist das Frauenhaus die letzte Lösung insbesondere für diejenigen, die keine Netzwerke besitzen. Für Frauen, die keine Freunde und Familie haben, bei denen sie unterkommen können, und die oft über keinen Cent im Portemonnaie verfügen. Und dies seien vor allem in den vergangenen Jahren zwar nicht ausschließlich, aber in hohem Maße Frauen mit Migrationshintergrund.

Während Silvia Lenzen erzählt, geht plötzlich ein kleiner Aufruhr durchs Haus. Die Überwachungskamera zeigt ganz deutlich, dass die Eingangstür sperrangelweit offensteht. Die Eingangstüre, durch die die Frauen nicht einmal Polizisten hineinlassen dürfen, weil sich auch dahinter verkleidete Ehemänner verstecken könnten. Doch so schnell wie die Aufregung aufkam, legt sie sich auch wieder: Es war Maya (25, Name von der Redaktion geändert), die statt in den Raucherbereich des Hauses vor die Haustüre gegangen ist.

Sie ist relativ neu im Frauenhaus – und brauchte mal einen Moment Ruhe. Statt der ersehnten Ruhe gibt’s nun eine eindringliche Ermahnung der Frauenhausleiterin: Denn Sicherheit ist das höchste Gut im Frauenhaus. „Die Frauen können ein- und ausgehen, wie sie wollen. Das Gefängnis haben sie hinter sich gelassen – hier sind sie frei. Es ist allerdings enorm wichtig, dass dieses Haus ein geschützter Raum, eine kleine Festung, bleibt.“ Und Festungen haben keine offenen Türen.

In den vergangenen Jahren sei es nicht selten vorgekommen, dass Ehemänner nachts vor der Türe standen und ihre geflohenen Frauen, die nicht nur aus dem Kreis, sondern aus ganz NRW kommen, zurückholen wollten. Geschafft habe das aber nie einer. Zumindest nicht auf diesem Weg.

Dennoch: „Viele Frauen kehren zurück in ihr altes Leben. Die Rückfallquote ist sehr hoch“, sagt Lenzen. Aus den Gründen macht die keinen Hehl:  „Das Leben im Frauenhaus, die vielen Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Nationalitäten und Konfessionen mit unterschiedlichen Lebensmodellen um einen herum, die eigenen Sorgen und Probleme, das Leben aus dem Koffer, das Konfliktpotenzial um Kulturelles und Banales wie Sauberkeit unter den Frauen – das zermürbt auf Dauer.“  Dauer ist dabei das Stichwort, denn mit einer gewissen Aufenthaltszeit im Frauenhaus müsse man schon rechnen. Zwar solle das Frauenhaus nur eine Notunterkunft für ein, zwei Monate sein. „Aber das ist völlig utopisch – im Durchschnitt bleiben die Frauen ein halbes Jahr bei uns“, erklärt Silvia Lenzen.

Die Gründe dafür seien vielfältig: Oft fehlten notwendige Dokumente, die erst neu beantragt und ausgestellt werden müssten, in der Regel sei aber der Wohnungsmarkt das größte Hindernis, an dem die Frauen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben scheitern. „Es fehlt an Wohnungen, die bezahlbar sind. Und wenn sie bezahlbar sind, haben Vermieter oft Vorurteile und sorgen sich um ihre Mieteinnahmen“, sagt Lenzen. Und so ist die Zeit auch der größte Feind für Silvia Lenzen und ihr Team. Denn während der vielen Monate im Frauenhaus kommen die Frauen schon einmal ins Schwanken, ob sie diesen schweren Weg wirklich weiter beschreiten oder dem reumütigen Ehemann eine zweite Chance geben.

Viel zu oft sei dies schon geschehen, viel zu häufig haben sie und ihre Kolleginnen mit ansehen müssen, wie Frauen gehen – und sie dann einige Monate später wieder mit blauem Auge aufgenommen. Viel zu oft werde die Gewalterfahrung „vererbt“. „Frauen, die als Kinder mit ihrer Mutter im Frauenhaus waren, kommen als Erwachsene mit ihren Kindern wieder“, weiß Behr.

Doch es gibt sie, die wenigen glücklichen Ausgänge – wie für die Frau, die mit über 70 Jahren den Weg ins Frauenhaus gesucht und eine jahrzehntelange Ehe voller Gewalt hinter sich gelassen hat. Geschichten wie diese geben Silvia Lenzen und ihrem Team den Antrieb, jeden Tag weiterzumachen. Trotz aller Rückschläge.

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