Franz Müntefering stellt in Heinsberg sein neues Buch vor

Kernig und druckreif : Franz Müntefering stellt in Heinsberg sein neues Buch vor

„Der Schatz der Älteren ist die Zeit.“ Die hatte ein interessiertes Publikum aufgebracht und sich in der neuen Filiale der Mayerischen Buchhandlung eingefunden. Mit kernigen und druckreifen Sätzen präsentierte der ehemalige SPD-Vorsitzende und Ex-Bundesminister Franz Müntefering sein neues Buch: „Unterwegs. Älter werden in dieser Zeit.“

Pünktlich auf die Minute erschien der 79-jährige Autor und nahm seine Zuhörer mit auf eine rund zweistündige Reise durch die Stationen seines Lebens bis zum Istzustand: dem Leben eines älteren Menschen. „Wir leben deutlich länger, als Menschen vor unserer Zeit es getan haben. Im Durchschnitt. Und zwar relativ gesund. Wohlstand und Hygiene und Hochleistungsmedizin und Frieden spielen dabei eine Rolle. Lassen Sie uns darüber ein wenig nachdenken und reden“, lauteten seine ersten Sätze.

Und darin spiegelte sich schon sein Stil wider: sachlich, auch faktenreich. Und doch wurde in aller Nüchternheit auch hohes Engagement erkennbar. Vor allem aber das Anliegen, erklärbar zu machen, warum und wie Lebensqualität im Älterwerden möglich sein kann. Der rote Faden dazu waren auch die Stationen seines Lebens von den Kriegsjahren als Kind, den Jahren bis zur Gründung der Bundesrepublik über den Einfluss der ersten sozialdemokratischen Bundesregierung unter Willi Brandt und der Wiedervereinigung bis zum Ausscheiden als Abgeordneter aus dem Bundestag im Jahre 2013. Danach folgte sein Engagement als Vorsitzender bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO).

Müntefering präsentierte ein Lebensbeispiel für einen Menschen, der aus einfachen katholischen Verhältnissen kommt und zum Mitgestalter und Verantwortlicher der „Agenda 2010“ wurde, der die 74 Jahre des Lebens in Frieden in Deutschland schilderte und für den Erhalt der Demokratie warb. Es sind Schilderungen, die belegen, wie der Wandel des Denkens vonstattenging: SPD sei bei den Katholiken der Adenauer-Ära noch gleichzusetzen gewesen mit „Das sind evangelische Flüchtlinge, die haben die falsche Religion und die falsche Sprache“. Und das Lesen von „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, davon habe seine Mutter abgeraten zur damaligen Zeit.

Sein Lebensentwurf war der eines Menschen, der die Aufarbeitung des Holocausts begrüßte und der Demokratie als Lebensform betrachtet und nicht nur als eine Staatsform. „Anfangen beginnt im Kopf“ oder „Bewegung der Beine ernährt das Gehirn“ lauten Sätze, die sein Werben für ein lebenswertes Leben im Alter deutlich machten. Tanzen gehen mit dem Partner sei die angemessenste Weise, sich auch als älterer Mensch zu bewegen. Das fördere die Koordination, eine Grundvoraussetzung, um im Alter Stürze zu vermeiden.

„Was kann ich tun, um die geistige und körperliche Mobilität zu erhalten?“, war an diesem Abend nicht nur eine rhetorische Frage. Die Antwort erfolgte auf dem Fuß: Badewanne in der Wohnung abbauen und Sitzdusche einbauen. Den Teppich, der zu wertvoll sei, ihn zu entsorgen, solle „an die Wand genagelt werden“. Da sei er auch schön, aber verursache keine Stürze mehr.

Das soziale Engagement sei der Treibstoff der Gesellschaft – auch im Alter. So benannte Müntefering Möglichkeiten, das Alleinsein im Alter zu vermeiden. Nicht Essen auf Rädern, sondern alternativ auch „auf Rädern zum Essen“ fahren. Sich mit anderen treffen, verabreden, aufeinander aufpassen oder Patenschaften übernehmen, um als älterer Mensch Kinder und Jugendliche beim Schulabschluss zu unterstützen.

Und für ein lebenswertes Leben im Alter sei es unabdingbar, ein gerechtes Lohneinkommen in der Höhe zu erhalten, die ein Renteneinkommen generiere, welches ein würdevolles Leben im Alter ermögliche.

Wie mit der Demenz umzugehen sei, die ein gesamtgesellschaftliches Problemfeld darstelle, auch dafür hatte Müntefering Lösungsvorschläge. In acht Kapiteln sind seine Vorstellungen in seinem neuen Buch nachzulesen.

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