Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser bei den Sparkassen-Gesprächen: Fortschrittsstreben aus christlicher Sicht

Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser bei den Sparkassen-Gesprächen : Fortschrittsstreben aus christlicher Sicht

„Was ist Fortschritt? Ein Deutungsversuch des menschlichen Fortschrittsstrebens aus christlicher Perspektive“. So hatte Aachens Bischof Dr. Helmut Dieser seinen Vortrag im Rahmen der diesjährigen Sparkassengespräche überschrieben, bei den die „Veränderungen des gesellschaftlichen Miteinanders“ im Fokus der Betrachtung stehen.

Man müsse sich ernsthaft die Frage stellen, welche Digitalisierung man heute eigentlich wolle, wo jeder seine „Zeitgestaltungsmaschine“ am Körper trag, so Giessing weiter. „Aber statt verbindlicher Termine herrscht inzwischen das perfekt organisierte Chaos.“ Er verwies auf die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Evangelischen Kirchentag und seine Forderung, eine Ethik der Digitalisierung zu etablieren. „Das heißt Grundregeln für die digitale Zukunft, Regeln, die Freiheit und Selbstbestimmung schützen und bei denen die Technik dem Menschen dient.“

Der Bischof grenzte in seinem Vortrag zunächst die Begriffe Innovation und Fortschritt voneinander ab. „Innovationen allein sind noch kein Fortschritt“, betonte er. „Sie brauchen den immer neuen Abgleich mit den Zielen, um deretwegen sie eingeführt werden. Und sie müssen systemisch verantwortet werden. So kam er zum ersten Kernsatz seines Vortrags: „Keine Forschung kommt ohne Weltanschauung aus.“ Nur mit Hilfe einer vorausgesetzten Weltanschauung könne gezielt nach Innovationen gesucht werden und diese dann also Forstschritt oder im negativen Fall als Stillstand oder gar Rückschritt gedeutet werden.

Die dauernde und bewusste Reflexion des eigenen Weltbildes führe den Menschen zu seiner Konfession, die theistisch, atheistisch oder agnostisch sein könne. Die Weltdeutung, die das Christentum in der westlich geprägten Hemisphäre begründet habe, sei dabei eine lineare. Durch das, was der Mensch in die Gänge bringe, komme immer mehr von noch nicht Dagewesenem zustande, erklärte Dieser.

Im weiteren Verlauf seines Vortrags widmete er sich den Begriffen Kontingenz, Immanenz und Transzendenz. Bezogen auf die Kontingenz, auf die Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen, erklärte er: „Kein Fortschritt ist zwingend, so wie keiner von uns notwendigerweise ins Leben gekommen ist.“ Mit Blick auf die Immanenz, dem Gegenbegriff zur Transzendenz, formulierte er seinen zweiten Kernsatz: „Fortschritt ist niemals größer als der Mensch, der ihn hervorbringt.“

Der Fortschritt führe den Menschen nicht hinaus über ein vom Menschen erforschte und gestaltete Welt, die gewollt sei „von einem der größer ist und logisch auch größer sein muss als alles, was wir vorfinden“. Hier sprach Dieser vom Schöpfer und von der Schöpfung. In christlicher Deutung beginne Fortschritt damit zu glauben, dass die Welt und darin das Leben eines Menschen Beweis einer außerordentlichen unverdienten göttlichen Güte seien. Dennoch habe der Mensch diesen Hunger nach Transzendenz, nach mehr als es gibt und geben kann.

Lebenswelt verdoppelt

Im Trend der Digitalisierung werde die Lebenswelt des Menschen verdoppelt in eine Offline- und eine Online-Welt. Dabei bedrohe „die endlose Verstetigung aller Online-Daten“ die menschliche Humanität. Dennoch werde es aus dem biblischen Menschenbild heraus möglich sein, „auch das Zeitalter des digitalen Wilden Westens zu humanisieren“, war sich der Bischof sicher. Dabei erteilte er auch der „Trans-Humanität durch Technik und künstliche Intelligenz“ eine deutliche Absage. „Maschinen haben kein Weltbild. Sie können sich nicht selbst deuten. Sie können dementsprechend auch nicht glauben.“

Ganz dringend müsse sich die Theologie mit den Dimensionen der Digitalisierung und der Übergänge zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz befassen, befand Dieser zum Abschluss seines Vortrags. Ohne eine transzendente Hoffnung bleibe aller Fortschritt der Menschheit ungenügend. „Wahre Transzendenz aber erreichen wir aus den Möglichkeiten von Forschung und Technik nicht“, erklärte er. „Christlich gesehen liegt wahre Transzendenz schon jetzt im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe, vor allem in der Liebe.“ Wer liebe, mache schon jetzt eine Transzendenz-Erfahrung. So sei die christliche Trauer um einen geliebten Menschen immer auch ein Hoffen, ihn wiederzusehen. „Diese Hoffnung hält und bewahrt uns Menschen mit unserer irdischen Existenz in den Dimensionen, die Gott uns gegeben hat.“