Wassenberg-Birgelen: Flüchtlingsschicksal und Schutzmantelmadonna

Wassenberg-Birgelen: Flüchtlingsschicksal und Schutzmantelmadonna

„Maria, Mutter der Zuflucht“ war in diesem Jahr der Pützchenssonntag in Birgelen überschrieben. Festprediger Pater Manfred Krause von den Steyler Missionaren hatte dazu die sogenannte Schutzmantelmadonna von Ertrud Bücher-Eilert aus dem Missionshaus St. Michael in Steyl mit zur Andacht im Wald am Pützchen gebracht. Menschen aller Kontinente haben unter ihrem Mantel Schutz gefunden.

Nachdem der Musikverein „Eintracht“ Birgelen unter einem Zeltdach im strömenden Regen das „Gegrüßet seist du Königin“ angespielt hatte, begrüßte Pfarrer Thomas Wieners die Gläubigen, die unter einem Meer von Schirmen tapfer ausharrten. Dann traten Gitta Heckers vom Pfarrgemeinderat St. Lambertus und der junge Iraner Behrooz Tajinrooz, der seit fünf Monaten in Birgelen im Flüchtlingsheim lebt, vors Mikrofon. Gemeinsam mit Gitta Heckers hatte er seine Geschichte aufgeschrieben, die sie den Gläubigen dann vorlas.

Pater Manfred Krause im Gespräch mit dem iranischen Flüchtling Behrooz Tajinrooz.

„Mein Vater hat mich frei erzogen, was wohl der Grund für meine Opposition gegen diesen Staat sein mag“, berichtete Tajinrooz mit der Stimme von Gitta Heckers. Über einen heimlich installierten Satellitenempfänger habe man britische Nachrichten hören können, „die natürlich anders waren als die staatlich zensierten Aussagen in den iranischen Medien“.

Dies habe sein Interesse für Politik und soziale Themen geweckt. Durch weitere Recherchen im Internet sei ihm immer deutlicher bewusst geworden, „dass die islamische Propaganda, die uns auf großen Plakaten auf Wänden, in Bussen und Bahnen an islamische Regeln erinnert, nur der Unterdrückung — besonders der Frauen — diente“.

Schon Freunde gefunden

Weitere persönliche Erlebnisse mit Verhaftungen und Schlägen, nur weil er sich mit Freundinnen getroffen oder eine Geburtstagsparty besucht habe, hätten seinen Wunsch verstärkt, der Propaganda etwas entgegenzusetzen. „In meinen Graffiti-Botschaften prangerte ich die Imame, aber auch die schweigende iranische Gesellschaft an.“ Dabei war er dann allerdings zu leichtsinnig und hinterließ mit seinem verlorenen Handy eine Spur.

Sein Vater verhalf ihm zur Flucht, die ihn über die Türkei nach Dortmund und von dort weiter über Unna und Wickede nach Wassenberg führte. Durch das Flüchtlingsnetzwerk mache seine Integration große Fortschritte. Er habe auch schon Freunde in einem Sportverein gefunden, erzählte der junge Mann. Seit vier Monaten lernt er mit großem Erfolg Deutsch, er muss hier sein Abitur noch einmal machen und will dann wieder Architektur studieren wie in der Heimat.

„Das ist mein Schicksal für die Flucht gewesen“, schloss der junge Iraner seinen Bericht. „Aber jeder, der seine Heimat verlässt, hat einen wichtigen Grund, und sei es bittere Armut“, erklärte er und verband damit seinen Dank für die Unterstützung, die Flüchtlinge in Deutschland finden.

Pater Krause verglich die Situation des „Andersseins“ in einem fremden Land mit der Geschichte Norbert Lechleitners vom Rasen, in dem plötzlich ein Löwenzahn auftaucht und dann noch andere Unkräuter, die der Gärtner vergeblich bekämpft. „Ich schlage dir vor, dass du anfängst, die Blumen und Kräuter im Rasen zu lieben“, lautete dann der Rat eines anderen, alten Gärtners.

Geschwisterlichkeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die Bevölkerung Deutschlands bisweilen auch schwer getan, die sogenannten Gastarbeiter oder Heimatvertriebenen so zu akzeptieren, wie sie waren. Und jetzt gebe es einen neuen Ansturm von Menschen, die auf der Flucht seien. „Jesu Einstellung ist eindeutig“, erklärte Krause mit Blick auf das zuvor gehörte Evangelium. „Was ihr für eine meiner geringsten Schwestern, für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) hatte es da geheißen.

Geschwisterlichkeit strahle als ein Versprechen für die gesamte Gesellschaft und die Beziehungen zwischen den Völkern aus, betone auch Papst Franziskus, mahnte Krause.

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