Hückelhoven-Baal: Flüchtlingsfamilien: Unter einem Spanntuch trifft es sich leichter

Hückelhoven-Baal: Flüchtlingsfamilien: Unter einem Spanntuch trifft es sich leichter

Als das große, weiße Spanntuch das erste Mal in die Luft geht, läuft nur ein Mädchen darunter her und wechselt seine Position. Dann macht ein Junge mit, dann noch ein Mädchen und dann — alle Kinder, die laufen können. Manchmal laufen sie ineinander. Aber genau das ist auch das Ziel: in Kontakt kommen.

Dass man nicht die gleiche Sprache spricht, ist egal. Hauptsache Kontakt. Und es klappt. Irgendwann gibt es keinen freien Weg mehr unter dem Spanntuch. „Dieses Spiel soll die Kinder und Nationen zusammenführen“, sagt Walburga van Heel, „und das Spanntuch ist ein symbolischer Schutz.“

Hoch das Spanntuch und auf geht‘s! Beim Ausflugstag für Flüchtlinge in Hückelhoven treffen sich viele Kinder und Eltern aus unterschiedlichen Ländern. Kleines Bild: Die Landfrauen Hückelhoven (Roswitha Heyer, Maria Fuhr, Marie-Luise Claßen, v.l.) sowie die Flüchtlingspaten Ulrike Minkenberg, Heinz-Willi Schorn und Walburga van Heel wühlen in der „Einmischkiste“ der Landfrauen. Foto: Carsten Rose

Sie gehört zu der Kooperationsvereinigung Flüchtlingspaten in Hückelhoven, die einen wichtigen Anteil am Ausflugstag für Flüchtlingsfamilien hatte, den die Hückelhovener Landfrauen in die Baaler Pletschmühle gelegt hatten. „Wir hätten keine Chance auf so einen Tag gehabt ohne diejenigen, die ständig mit den Familien in Kontakt sind“, sagen Roswitha Heyer, Vorsitzende der Hückelhovener Landfrauen, und die Kreisvorsitzende Ulrike Kamp.

Es ist die zweite Landfrauen-Veranstaltungen im Kreis. Warum? Weil sie sich einmischen wollen in die Situation der Flüchtlinge — so, wie es Ortsverbände dieses Jahr deutschlandweit unter dem Leitgedanken „Landfrauen mischen sich ein“ bei ihren Aktionen tun.

Wie viele Flüchtlingsfamilien zur Pletschmühle gekommen sind, kann Roswitha Heyer, nicht genau sagen. Mit Ulrike Minkenberg, Leiterin der Flüchtling, einigt sie sich auf etwa 50. Dazu kommen die vielen Helfer, die Mühle war voll. Nur der Stall wird leerer, als die Gäste fast nur noch auf vier Beinen unterwegs sind.

Der Biber sagt „Hallo“

Auf Ponys lassen sich die Kinder und auch manche Eltern durch die Mühle führen. Auf den Kaltblüter, vor dem die Kinder mit großen Augen zurückweichen, trauen sich dagegen nur die Erwachsenen. „Die Tiere sind wichtig für die Kinder, sie können helfen, die Traumata zu lösen“, sagt Walburga van Heel. Der kleine Streichelzoo der Pletschmühle ist im wahrsten Sinne der Ort für das erste Abtasten nach der Ankunft gewesen: Da Pferd Merlin als erstes den Kopf über seine Stallwand reckt, stehen die Kinder hier erst einmal Schlange.

Apropos Tiere: Wer hat die Familien denn wohl am Eingang der Mühle abgeholt? Es war ein Biber, das Maskottchen von Hückelhoven. Van Heel hatte sich das Kostüm aus einem bestimmen Grund übergezogen: „Es hat den ersten Kontakt für die Kinder viel einfacher gemacht. Das Tier ist neutral. Man hat gemerkt, dass es ihnen direkt das Herz geöffnet hat: Sie sind auf mich zugekommen.“

Die Hückelhovener Flüchtlingsfamilien, von denen sich viele in der Pletschmühle zum ersten Mal sehen, kommen unter anderem aus Ägypten, Albanien, Syrien, Aserbaidschan, Eritrea und Nigeria. Oder wie Hameed, 20 Jahre alt, aus Afghanistan. Er wohnt seit über einem Jahr in Hückelhoven und arbeitet hier in einem Altenheim. Die Aktion der Landfrauen war für ihn die erste Veranstaltung dieser Größe. „Wir treffen uns einmal, höchstens zweimal im Monat im Internationalen Café in Kleingladbach mit etwa 20 Leuten“, sagt er. Er spricht langsam, aber gut Deutsch. Auch diese regelmäßigen Treffen werden von Flüchtlingshelfern organisiert.

Damit die Tagesaktionen der Landfrauen nicht mit dem Anbruch der Nacht vergessen sind, ist die sogenannte „Einmischkiste“ mit dabei. Darin sammeln die Landfrauen Flüstertüten, auf denen Anmerkungen und Erfahrungen zu den Veranstaltungen gesammelt werden — wo haben sie sich eingemischt, was hat es gebracht? Die Kiste ist per Post aus Thüringen in den Kreis Heinsberg gekommen und wird diesen nach einer Veranstaltungen in Arsbeck wieder verlassen. „Da ist schon ganz viel drin, die Kiste ist richtig schwer. Die kann man nur zu zweit tragen“, sagt Roswitha Heyer. Wenn die Kiste Hückelhoven wieder verlässt, so soll doch eines bleiben: die neuen Kontakte zwischen den Familien.