Essstörungen auch im Kreis Heinsberg keine Ausnahme mehr

Dramatische Zunahme : Essstörungen auch im Kreis Heinsberg keine Ausnahme mehr

Der Trend ist fatal: Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es mittlerweile bei jedem dritten Mädchen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren Hinweise auf Essstörungen, bei einer enorm hohen Dunkelziffer. Auch die Heinsberger Psychotherapeutin Christina Hennen kann dies aus ihrer täglichen Praxis bestätigen.

„In den letzten zehn Jahren“, sagt sie, „gibt es eine Steigerung von bestimmt 30 Prozent.“ Doch was sind die Gründe für diese besorgniserregende Entwicklung und wie kann man ihr entgegenwirken?

Schon schnell wird im Gespräch mit der erfahrenen Therapeutin und Sozialpädagogin deutlich, dass es nicht so einfach sein wird, hierauf eine eindeutige Antwort zu finden. „Eine Essstörung ist immer das Resultat einer anderen Störung, einer anderen Erkrankung, einer Traumatisierung und sie hat nie nur eine Ursache, sondern entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Ursachen“, beschreibt Hennen das Problem. „Es gibt nie nur einen Grund für eine Essstörung. Es geht um tieferliegende Konflikte und vielleicht auch darum, das Umfeld zu verändern, wenn es zu belastend ist.“

Essstörungen seien häufig nur Begleiterscheinungen zum Beispiel von Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen nach sexuellem Missbrauch, gewalttätigen Übergriffen oder dem Suizid eines Elternteils, meint Hennen, die seit 1988 selbstständig in ihrem Beruf arbeitet. „Auch Mobbing kann eine ursächliche Rolle spielen. Das ist verstärkt bei Mädchen zu beobachten. Generell neigen Mädchen eher zu Essstörungen.“

Die Enthemmung durch die Sozialen Medien sei besonders bedeutsam. „In einer amerikanischen Studie mit 1420 Kindern waren die Forscher nicht überrascht festzustellen, dass Mobbingopfer ein erhöhtes Risiko für Essstörungen aufwiesen. Kinder, die in der Schule zum Mobbingopfer wurden, hatten demnach ein fast doppelt so hohes Risiko für die Entwicklung von Symptomen von Anorexie (Anm. d. Red. Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht).“

Psychotherapeutin Christina Hennen sieht die eklatante Zunahme von Essstörungen mit Sorge. Foto: Rainer Herwartz

Mädchen seien dabei in der Regel häufiger Druck ausgesetzt, weiß Hennen. „Ihnen wird oft suggeriert, dass sie gut aussehen müssen, perfekt gestylt und geschminkt. Leider geht das schon ab etwa acht Jahren los.“ Die Essstörungen bei Jungs hingegen träten meist in Zusammenhang mit sogenannten Autismus-Spektrumsstörungen auf. „Sie besitzen dann eine Abneigung gegen bestimmte Nahrungsmittel. Jungs agieren Frust, Stress und psychische Belastungen eher nach außen, während Mädchen dazu neigen, die Probleme mit sich selbst auszumachen und runterzuschlucken.“

Sei eine Mobbing-Quelle in der Schule auszumachen, so sei wichtig, dass in den Schulen selbst etwas geschehe, meint Hennen. „Ich halte sofortiges Einschreiten der Schule für bedeutsam. Zum Beispiel Aufklärung durch Theaterstücke und Beratungsmöglichkeiten durch aktive Schulsozialarbeiter sind hier zwingend notwendig. Wenn Schulsozialarbeiter abgebaut werden, ist das eine dramatische Entwicklung.“

Auch ein Schulwechsel dürfe in den Überlegungen, den Jugendlichen zu helfen, nicht außer Acht bleiben, „weil die Mädchen dadurch aus dem sozialen Druck herauskommen und neue Erfahrungen in anderen sozialen Kontexten machen“, erläutert die Psychotherapeutin.

Eine Heilung dauere im günstigsten Fall drei bis vier Monate, könne sich aber durchaus auch über mehrere Jahre hinziehen, inklusive Klinikaufenthalt. „Die Kinder müssen lernen, adäquat mit Konflikten umzugehen und sich wehren zu können. Sportliches Ausagieren ist ebenfalls wichtig. Ein entscheidendes Ziel ist, die verzerrte Eigenwahrnehmung des Körpers aufzuheben, den eigenen Körper anzunehmen und zu mögen sowie Essen und Nahrung nicht als Feinde zu sehen, sondern als lebensnotwendig und durchaus Freude und Genuss bereitende Tätigkeiten zu erkennen.“

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