Erste Bundestagswah: Wahlgewinner waren die CDU und Houverath

Erste Bundestagswahl vor 70 Jahren : Die Wahlgewinner waren 1949 die CDU und Houverath

Am Mittwoch vor genau 70 Jahren wurde ein Grundpfeiler unserer Demokratie eingerammt: Am 14. August 1949 fand die erste Bundestagswahl statt. Mehr als 31 Millionen Menschen waren damals zur Wahl aufgerufen.

78,5 Prozent davon gingen an die Urne. Was kurz nach dem Krieg auch als wichtiges Zeichen an das Ausland galt. Wir haben uns ein Bild von dieser Zeit gemacht, indem wir im Heinsberger Kreisarchiv einen Blick in die Aachener Volkszeitung geworfen haben.

Dabei steht die lokale Berichterstattung über die damaligen Kreise Erkelenz und Geilenkirchen-Heinsberg im Fokus. Die Lektüre eröffnet einen Blick in eine Zeit, als Medien alles andere als unparteiisch waren und politische Debatten mit harten Bandagen geführt wurden.

Auf Bundesebene: Hauptthema des heftig geführten Wahlkampfes war die Wirtschafts- und Sozialordnung. Die CDU bekannte sich zur Sozialen Marktwirtschaft, deren prominentester Verfechter Ludwig Erhard war, der im Juli 1949 auch in den Aachener Talbotwerken sprach. Ansonsten beherrschen die Auftritte Konrad Adenauers die überregionale Berichterstattung über die CDU. Die SPD unter Kurt Schumacher hingegen setzte auf Planung, vor allem für die wichtigsten Industriezweige. Sie warf Erhard vor, kein Konzept gegen die seit der Währungsreform steigende Arbeitslosigkeit und die hohen Preise zu haben.

Das Ergebnis: Die Union gewinnt die Wahl. Im Bund liegen CDU und CSU mit 31 Prozent knapp vor der SPD (29,2 Prozent) und klar vor der FDP (11,9 Prozent). Im Kreis Heinsberg, der bis heute als „tiefschwarz“ und sichere Bank für die CDU gilt, waren die Verhältnisse schon damals klar: Rund zwei Drittel (64,2 Prozent) der Stimmen entfallen auf die CDU, die SPD kommt auf 21,6 Prozent und die FDP auf 3,1 Prozent.

Ein Wahlgewinner war damals übrigens auch der Ort Houverath. Denn vor der Wahl hatte der damalige Kreis Erkelenz Preise für die Orte mit der höchsten Wahlbeteiligung ausgelobt. Mit einer Beteiligung von 94,8 Prozent sicherte sich Houverath den ersten Platz und ein Preisgeld von 300 D-Mark, es folgten Wildenrath (91,4 Prozent, 200 D-Mark) und Hilfarth (91 Prozent, 100 D-Mark). Nun muss man wissen, dass in Houverath bloß 250 Wahlberechtigte lebten. Das Preisgeld, das für die Jugend eingesetzt werden sollte, nahmen diese Wahlgewinner der besonderen Art aber sicher gerne an.

Pro CDU: Wer die Texte liest, die vor und nach der Wahl in der Volkszeitung erschienen sind, stellt schnell fest, dass die CDU in der Berichterstattung klar bevorzugt wurde. Reden des CDU-Kandidaten Karl Müller wurden stets gelobt und ausgiebig zitiert, während man sich über die Auftritte des SPD-Kandidaten Carl Kirfel empörte. Die CDU zeichnet dabei häufig ein Bild des Schreckgespenstes Kommunismus: „Im Kampf gegen den Bolschewismus, der Europa zu überrennen versuche, tut eine Politik nach christlichen Grundsätzen not“, wird Müller in der Volkszeitung zitiert. Wohlwollend werden seine Ausführungen zur Wohnungsnot und zur Produktionssteigerung in der Landwirtschaft wiedergegeben. „Starker Beifall bewies dem Redner, dass er verstanden wurde“, schreibt die Volkszeitung.

Lag bei der Wahl 1949 im Kreis Heinsberg vorn: Karl Müller. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Ganz unmissverständlich ruft die Zeitung damals zur Wahl der CDU auf. Sie veröffentlicht so etwas wie eine Wahl-Checkliste. Sie beginnt mit der Empfehlung, schon früh morgens zu wählen, erklärt den Wahlschein und schließt mit dem Punkt: „Trage mit allen Deinen Kräften dazu bei, dass die Wahl am Sonntag mit einem entscheidenden Siege der Christlich-Demokratischen Union endet.“

Kontra SPD: Die SPD kommt hingegen schlecht weg. Mit Bezug auf einen Auftritt des Kandidaten Kirfel in Übach-Palenberg schreibt die Volkszeitung: „Dabei ließ er sich nicht nur in demagogischer Weise gegen die CDU aus, sondern richtete auch geradezu gehässige und verleumderische Angriffe gegen den Papst und die katholische Kirche.“ Kirfel habe behauptet, „die ersten KZ-Läger seien keineswegs etwa von den Nazis oder Kommunisten, sondern von der katholischen Kirche errichtet worden“. Eine Reaktion des Erkelenzer Landrats Josef Rick ließ nicht lange auf sich warten: Demnach müsse die CDU der SPD dankbar sein, „da sie von ihrem Führer Dr. Schumacher bis zum hiesigen Kandidaten die besten Wahlreden für die CDU halte“. Als Sprachrohr der SPD galten damals die Aachener Nachrichten mit ihren Lokalausgaben.

Hitziger Wahlkampf: Verbal ging es im Wahlkampf 1949 hoch her. Das mündete jedoch auch in handfeste Auseinandersetzungen: „Die steigende Heftigkeit des Wahlkampfes entlud sich leider in den letzten Nächten in nicht wenigen Schlägereien zwischen den Klebekolonnen der einzelnen Parteien“, schreibt die Volkszeitung, so seien in Aachen etwa alle CDU-Plakate herabgerissen worden. Im Lokalteil wurde Kritik an ausufernder Wahlwerbung laut: „In Ratheim und Altmyhl gab es Klebekolonnen der SPD, die in ihrem Übereifer jene Verordnung nicht beachteten, die vorschrieb, dass die Wahllokale und ein Umkreis von 50 Metern ringsum frei von Plakaten oder irgendwelcher sonstiger Wahlpropaganda bleiben müssen.“ Im Kreis Geilenkirchen-Heinsberg war es hingegen nicht nur ein sonniger Wahltag, wie der Bericht verrät, sondern auch ein friedlicher: „Wie wir bei einer Fahrt durch den Kreis feststellen konnten, hat sich die Bevölkerung in allen Orten äußerst diszipliniert benommen. Nirgendwo kam es zu Ausschreitungen oder Zwischenfällen.“ Was heute selbstverständlich ist, war in der Nachkriegszeit noch eine Erwähnung wert.

Kirche und Politik: Im Kreis Geilenkirchen-Heinsberg, so hieß es in der Volkszeitung, hätte fast die Hälfte der Wähler die Wahl mit dem Kirchgang verbunden, „so dass sich oft lange Schlangen vor den Wahllokalen bildeten“. So hätten in Dremmen schon bis 14 Uhr 60 Prozent gewählt, in Birgelen waren es bis 15.15 Uhr 67 Prozent.

Die Katholische Kirche war damals durchaus politisch, wie ein Wahlaufruf in der Volkszeitung zeigt: „Wer der Wahl fernbleibt, hilft jenen, die das christliche Gedankengut aus dem Staatsleben, insbesondere dem politischen Leben verdrängen wollen. Der christliche Nichtwähler versagt sich der christlichen Pflicht der Gegenwart.“

Ebenso stellt die CDU klar, dass sie auch evangelische Christen auf ihre Seite ziehen will. Dass Evangelische in wichtigen CDU-Positionen damals unterrepräsentiert waren, liege daran, „dass allzu viele evangelische Glaubensgenossen sich noch der aktiven Mitarbeit in den Reihen der CDU entziehen“.

Weitere Wahlaufrufe kamen etwa von den Schützenbruderschaften, dem Handwerk und in recht drastischer Formulierung vom damaligen Erkelenzer Oberkreisdirektor: „Dem ersten Bundestag kommt für die künftige Gestaltung unseres Vaterlandes eine so grundlegende Bedeutung zu, dass auch der letzte Wahlfähige im Kreise seinen Stimmzettel abgeben muss, um hierdurch das Schicksal unserer Heimat gemäß seinen politischen Ansichten mitformen zu helfen.“

Damals wie heute: Zuweilen fühlt man sich bei der Lektüre der politischen Artikel, die rund um die Wahl 1949 erschienen sind, doch arg an die Gegenwart erinnert. „Ein Student“ kritisiert dort, dass sich der enge Kontakt von Politikern mit der Bevölkerung nur auf die Wochen vor der Wahl konzentriere. Außerdem wünsche er sich, dass sich Politiker doch bitte konkreter ausdrücken sollen.

Während es heute angesichts der Schwäche der Volksparteien immer schwieriger wird, politische Mehrheiten zu finden, wurde auch damals vor einer Zersplitterung des Bundestages gewarnt. In der Aachener Volkszeitung wurde davon abgeraten, das Zentrum, Sonderkandidaten der Ostvertriebenen oder die Partei der Fliegerbombengeschädigten zu wählen.

Ebenso gewarnt wurde – und auch das erinnert an die heutige Zeit – vor einem Wiedererstarken rechtsextremer Kräfte. Damals schrieb die Volkszeitung von rechten Umtrieben in Bayern, die im Aachener und Heinsberger Raum zwar noch nicht angekommen, aber dennoch ernst zu nehmen seien. „Will das deutsche Volk nicht ein drittes Mal in das Elend gestoßen werden, dann ist es notwendig, am Wahltage den rechtsradikalen Bestrebungen [...] ein klares und entschiedenes Nein [...] entgegenzustellen.“

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